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Kommentar: Gesinnungs- versus ­Verantwortungsethik

In Wahrheit wechseln Menschen ihre Gesinnungen wie das Hemd

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Foto: Photo DR

(iz). Vor einhundert Jahren, im Januar 1919, hielt Max Weber an der Universität München seine berühmte Vorlesung über Politik als Beruf. Sie gilt als Gründungsdokument der demokratischen Praxis von heute. Eine grundlegende Unterscheidung, die Weber darin trifft, ist die zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Sie ist heute aktueller denn je.

Immer noch ist die Unterscheidung zwischen links und rechts die Matrix, in der sich der ­offiziöse politische Diskurs bewegt. Der politische Diskurs im Westen, wohlgemerkt, denn etwa im Orient oder gar im Fernen Osten kann man mit diesen Kategorien faktisch nichts anfangen. Doch spätestens die Generation Greta zeigt, dass links und rechts auch bei uns hoffnungslos ­überholte Kategorien sind, von denen wir uns tunlichst verabschieden sollten.

Links und rechts als politische Lagerbegriffe sind ein Produkt der Französischen Revolution. Links steht seitdem für die Gleichheit, rechts für die Ungleichheit. So selbstverständlich das eine, so alogisch das andere. Denn niemand, der zu sich selbst ehrlich ist, bestreitet ernsthaft, dass Gott beziehungsweise die Natur alle ­Menschen gleichrangig geschaffen habe. Schon hieran also zeigt sich die ganze intellektuelle Armut der Neuen Rechten von heute, die immer noch von der ­naturgegebenen Höherwertigkeit der eigenen Nation oder des eigenen Standes ausgeht. Es zeigt sich aber auch die pseudointellektuelle Verbohrtheit der Linken, die die Qualität eines Menschen an seiner ­Gesinnung festmacht.

Der US-amerikanische Historiker Niall Ferguson behauptete jüngst in der „Neuen Zürcher Zeitung“, die Linke sage Inklusion, meine aber Gesinnung. Nun ist Ferguson nicht unum­stritten: Er unterstütze den Irakkrieg 2003 und fand Gutes am europäischen Kolonialismus. Doch seine Äußerung über die Linke verdient Beachtung. Denn Werte verteidigt man nicht mit Gesinnung, sondern mit Haltung.

Gesinnungen suggerieren zwar Exaktheit; in Wahrheit aber wechseln wir Menschen unsere Gesinnungen wie schmutzige Hemden. Haltung und Verantwortung dagegen sind etwas Wesenhaftes, Innerliches. Die Linke aber, die Innerlichkeit an sich schon für ein rechtes Ideologem hält, vertritt ein formalistisches Wertekonzept und wendet dies auf zwischenmenschliche ­Beziehungen an: Hast Du die – scheinbar –­ ­falsche Gesinnung, dann bist Du ein schlechter Mensch, auch wenn Du de facto viel moralischer und gerechter denkst und handelst als ein Linker. So läuft es mittlerweile – und da hat Ferguson recht – in der akademischen Welt, und mehr und mehr auch in der Medienwelt.

Die Geschichte der Freiheit im 20. Jahrhundert ist aber eine Geschichte der Haltungs- und ­Verantwortungsethik, nicht der Gesinnungsethik. Es waren liberalkonservative Systeme in den USA und in Europa, die nach 1918, 1945 und 1968 – gewiss unter Druck, aber eben auch in kluger Einsicht – die westlichen Gesellschaften Schritt für Schritt liberalisierten.

Auch Angela Merkels Flüchtlingspolitik im Jahr 2015 war ein Akt klassischer Verantwortungsethik, auch wenn ihre Gegner das Gegenteil ­behaupten. Die Gesinnungsethik dagegen, die im kommunistischen Osten Staatsdoktrin war, führte zu Verhärtung und Zwang. In China und in Putins Russland tut sie das heute noch.

Die dogmatische Linke bei uns aber will in Wahrheit weniger inkludieren als Recht ­behalten, indem sie gegen das vermeintliche Recht des alten weißen Mannes ihr vermeintliches Recht der reinen Gesinnung setzt. Sie ist rechthaberisch wie die Reaktion, die sie bekämpft. Um die zu Inkludierenden geht es ihr höchstens sekundär.

Doch das Scheingefecht zwischen links und rechts ist historisch längst überholt. Es gibt kein rechts und kein links mehr, genauso wenig wie es den modernen Nationalstaat jenseits des jeweiligen Steuer- und Sozialsystems noch gibt. Das Prinzip Gesinnung ist etwas für Leute, die entweder kein moralisches Gerüst haben – oder die die eigene Amoral, den eigenen Egoismus bewusst moralistisch tarnen wollen. Wir aber, Akademiker und Medienleute, sollten es endlich über Bord werfen.

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Konstantin Sakkas

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