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Kommentar: In Florenz mordeten „Einzeltäter“, aber es sind keine Einzelfälle. Von Sulaiman Wilms

Europäischer Amok

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(iz). Was haben Florenz (das Symbol der europäischen Renaissance) und Lüttich (ein bedrückender und deprimierender Ort) gemeinsam? Nicht viel. Außer, dass sie gestern zum Schauplatz zweier nihilistischer „Amokläufe“ wurden. Kurz nach einem vergleichbaren, tragischen Verbrechen im schwäbischen Winnenden veröffentlichten wir in der IZ eine Analyse, deren Quintessenz so einfach wie bedrückend ist: Europas Gesellschaften werden nicht primär von ihren radikalen Rändern bedroht, sondern zerfallen von ihrer Mitte heraus. Der gestrige Tag scheint diese Ansicht zu bestätigen.

Jenseits ideologisch einzuordnender Vorgänge (wie die Enthüllungen über eine braune Terrorzelle in Deutschland und ihre ungute Anbindung an Elemente der deutschen Dienste) stehen wir Europäer – egal, welcher Couleur – in der Pflicht, uns über Ursachen und Bedeutungen Gedanken zu machen. Insbesondere als reflektierende Muslime sind wir dafür ausgestattet, weil wir nicht an die willkürliche Macht eines blinden Zufalls glauben und weil wir angehalten sind, über die Bedeutungen von Ereignissen nachzudenken.

Gewiss: Es mag sich (bevor die vielen virtuellen Verschwörungstheoretiker laut werden) bei den Tätern um den Typus des berühmt-berüchtigten kriminellen „Einzeltäter“ handeln. Der Fakt aber, dass diese Erscheinungsform des zeitgenössischen Nihilismus momentan eine inflationäre Blüte erlebt, zwingt uns alle zum Nachdenken.

Unsere Gesellschaften befinden sich – durchaus in unterschiedlichen Stärkegraden – in einer aktuellen, aber auch in einer langfristigen wie spirituellen Krise. Ihr Dreh- und Angelpunkt ist ein ökonomisches und geldpolitisches System, das langfristig nicht zu halten ist und das verheerende Auswirkungen auf das soziale Gefüge und die seelische Gesundheit des Einzelnen hat.

Wer glaubt, die Antwort liege in noch mehr Überwachung und weiteren Sicherheitspaketen, täuscht sich nicht nur, er belügt sich und andere. Die Hoffnung von Politikern und Publizisten wie Bosbach, Sarrazin und Co., dieses Krisenphänomen durch Angriffe auf Minderheiten abzuwälzen (und, indem sie eine so genannte „Leitkultur“ einforderten) hat sich – als Versuch zur Zähmung des Gewaltpotenzials in unserer Mitte – als untaugliches Werkzeug erwiesen.

Vor einiger Zeit sprach Außenminister Westerwelle von einer „spätrömischen Dekadenz“. Er hatte Recht, nur suchte er sich dafür die falschen Adressaten aus. Das Imperium scheiterte am Ende nicht so sehr an moralischer Verfallenheit oder dem Einwanderungsdruck der germanischen Barbarenhorden, sondern weil es – wie unsere Gesellschaften – monetär am Ende war. Aus den einst stolzen republikanischen Bauern-Soldaten wurden Quasi-Sklaven, die als Lumpenproletariat von ihrem Boden vertrieben wurden. Während in der Antike das Geld durch Verschlechterung der Münzqualität entwertet wurde, drucken die heutigen Imperatoren des Finanzsektors (der längst von ernstzunehmenden Köpfen als direkte Bedrohung der Demokratie eingestuft wird) unendliche Mengen neuen Geldes.

Kann es da verwundern, wenn sich die grundlegende Irrationalität unseres Geldes (und damit sämtlicher täglicher Transaktionen) auch einen Weg in irrationalen Verbrechen so genannter „Einzeltäter“ bahnt? Als europäische Muslime sind wir nicht nur aufgefordert, sondern geradezu verpflichtet, dem die grundlegende Rationalität des islamischen Wissens von Geld und Handel entgegen zu stellen und in einen produktiven Austausch mit dem Rest unserer Gesellschaften zu treten.

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Sulaiman Wilms

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