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Kommentar: Sarrazin kann inzwischen Staatskrisen auslösen und den Bundespräsidenten beleidigen. Von Khalil Breuer

"Die Krönung"

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(iz). Es ist die Krönung des Sarrazin-Jahres: In der heutigen FAZ darf der Ex-Finanzsenator pünktlich zum Weihnachtsfest seine publizistische Erfolgsgeschichte erzählen. Dem Autor gelang es nach der Starthilfe einiger Großverlage immerhin 1,2 Millionen seiner roten Bücher unters Volk zu bringen. Jetzt genießt Sarrazin, der nach eigener Selbsteinschätzung angeblich “eine Staatskrise hätte auslösen können”, den Erfolg. Er sieht sich als großartigen, verkannten Fachmann (um das eigene Versagen als Finanzsenator geht es ja nicht mehr). Alle Anderen sind doof.

So kann der EX-Beamte sich inzwischen sogar leisten, den deutschen Bundespräsidenten als “ungebildet” zu beleidigen. Hätte Sarrazin – neben dem üblichen Dienstleister am Wegesrand (Taxifahrer, Putzfrau, Dienstpersonal) – auch einmal einen gebildeten Muslim getroffen, hätte der ihn wahrscheinlich auf eine für ihn wichtige qur'anische Einsicht hingewiesen: Die Welt ist ein Spiegel.

Die Einheitslehre des großen Europäer Ibn Al-'Arabi, die Finanzkritik des Ibn Ruschd und natürlich die Abgrenzung dieses Denkens zu den Ideologien des 21.Jahrhunderts, wären eine kleine Auswahl von Themen, die dem Anspruch einer gebildeten Beschäftigung Europas mit dem Islam entsprächen. Es fällt auf, dass Sarrazin auf keine einzige Begegnung mit einem Muslim in Augenhöhe verweisen kann.

Wulffs angebliche “Dummheit” beweist Sarrazin in der FAZ mit einigen wirr zusammengefügten Goethe-Zitaten, die er dem Bundespräsidenten – der Goethes Ost-westlicher Diwan in Istanbul klug zitiert hatte – vorhält. Die Auswahl der Zitate lässt Sarrazin nicht nur schließen, Goethe habe den Islam “beschränkt” gefunden, sondern Goethe habe auch im 19. Jahrhundert bereits eine angeblich totalitäre Seite des Islam beklagt. Selbstredend kennt Sarazzin, der Wullf unverschämt unterstellt, dieser habe Goethe nicht gelesen, offensichtlich weder das wunderbare Werk Katharina Mommsens, noch das wohl berühmteste Zitat Goethes, “dass er selbst den Verdacht nicht ablehne ein Muselman zu sein”.

Liest man den Artikel Sarrazins in der FAZ, ahnt man, warum der Mann für so viele Konservative inzwischen ein Lichtlein am Weihnachtsbaum geworden ist. Es ist ja so heimelig: Dort die Muslime, Taxifahrer, die Konzessionen erschleichen, Ali der den Stinkefinger zeigt, Ahmedineschad und Al-Qaida – hier wir, die europäischen Eliten, die so gut sind, weil sie so böse sind. Damit lässt sich intellektuell gut leben; in einer Finanzwelt, die die Tradition des Totalitarismus des Westens (mit beachtlichen Opferzahlen) fortsetzt und die Aufklärung und das rationale Denken unserer Philosophie längst ad absurdum führt. Ohne die Dialektik gegen den “Islam” wüssten die Sarrazin-Jünger wirklich nicht mehr, wer sie sind.

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