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Kommentar: TV-Kritik zu „Kopftuch und Koran – hat Deutschland kapituliert?“ Von Karim Dreyer

„Wie werde ich Mitglied in einem Elferrat?“

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(iz). Sandra Maischberger, die Petite Dame des sich als intellektuell-anspruchsvoll gerierenden, tatsächlich aber trashig-niveaulosen Abendtalks, hatte geladen. Doch das Thema und – nach einigem Abwägen – auch die Gästeliste, machte wenig Lust, den späten Abend vor dem Fernseher zu verbringen: „Kopftuch und Koran – hat Deutschland kapituliert?“

Wie viele Fehler darf man in einer Überschrift machen? Vier? Dann hätten Maischberger & Co. vielleicht noch einen gut: Führen „Kopftuch und Koran“ einen Krieg gegen Deutschland? Geht das überhaupt? Ist es nicht eher so, dass unter anderem Deutschland gerade einen Krieg führt in einem Land, in dem fast ausschliesslich Muslime leben? Stimmt es denn, dass „Kopftuch und Koran“ per se mit Deutschland – was immer das sein mag – nicht vereinbar sind?

Sandra Maischberger ist natürlich nicht doof. Sie weiß, dass eine solche Schlagzeile ätzend ist, aber Quote bringt. Und wenn sogar der Mann vom „Spiegel“, der laut seiner eigenen online-Kritik eigentlich vernünftig ins Bett gehen wollte (dessen Müdigkeit nach dem Reinzappen bei Madame Maischberger aber „wie weggeblasen“ war) und sich „Rabbatz“ versprach und begeistert zuguckte, dann weiss man, worum es, genauer worum es eben nicht geht: um sachliche, ausgewogene Information.

Diese wäre eingebettet in ein Grundverständnis der Thematik, den Austausch verschiedener Ansichten, des im Gespräch sich Annäherns und vielleicht auch wieder Entfernens. Im Idealfall also darum, dass der Zuschauer hinterher vielleicht etwas mehr über „den Islam“ weiß als vorher. Zum Beispiel, dass der Islam eben keine fremde Kultur ist, sondern Kultur hervorbringen, verfeinern kann und dass der Islam natürlich ein großes Erbe und eine lange Geschichte in Europa hat. Kurz: um einen zivilisierten Beitrag zur Debatte.

Nein, es geht genau darum, dies zu verhindern. Zu diesem Zweck wird Islam – die „fremde Kultur“ – sofort und unmittelbar in den Kontext mit Steinigung, Terrorismus und die Erniedrigung von Frauen gesetzt. Und wenn die Anwesenden nicht sofort übereinander herfallen und sich trotz dieser Verzerrung eine durchaus interessante Diskussion zu entwickeln „droht“, wird die nächste Stufe gezündet: Es könnte, im richtigen Rahmen, ein bewegendes Dokument sein, das Schicksal von Nourig Apfeld, die Zeugin des „Ehrenmordes“ an ihrer Schwester wurde, darzustellen.

In dieser Sendung erfüllte ihr Auftritt jedoch den Zweck, zu gewährleisten, dass eben keine Information – von Wissen ganz zu schweigen – vermittelt wird und dass dem Zuschauer hinterher der Islam ferner denn je erscheint. Ob, und wenn ja was „Ehrenmorde“ – allein das Wort ist schon grausig – mit Islam zu tun haben, war dann schon egal.

In diesem Zusammenhang muss sich auch Pierre Vogel fragen lassen, welchen Zweck er mit seinem Auftritt für wen erfüllte. Von einem in Kaftan gekleideten, mit Gebetsmütze bedeckten Mann aus dem TV-Studio gewissermaßen exklusiv zu erfahren, dass er/sie „in die Hölle kommt“ wenn er kein Muslim ist, dürfte auf die wenigsten Zuschauer einladend wirken, vor allem dann, wenn die eigentliche Relevanz des Islam, aktuell zum Beispiel das Zinsverbot, nicht angesprochen wird.

Irmgard Pinn gebührt Lob dafür, dass sie mit entwaffnender Einfachheit klarstellte, dass das eigentliche Problem – sowohl für Muslime als auch für Nichtmuslime – die wachsende soziale Ungerechtigkeit, das Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich ist. Da war auch Herr Ulfkotte, der stolz berichtet hatte, dass seine Frau im Cabrio auch Kopftuch trägt, kurz sprachlos. Der “Bestsellerautor”, der seine Brötchen (und Autos) u.a. mit, vorsichtig ausgedrückt, polemischen Büchern über die “drohende Islamisierung Deutschlands” verdient, ahnte wohl, dass plötzlich nicht „Kopftuch“, sondern „Cabrio“ das Reizwort war.

Peter Scholl-Latour – der lange Zeit so wirkte, als sei er bei der letzten Sendung eingeschlafen und, da das Thema grad passte, der Einfachheit halber gleich dageblieben – sei dafür gedankt, dass er klarstellte, dass er die Verbrennung von Koranen genauso widerlich findet wie die Verbrennung von Bibeln; dass er sich genötigt fühlte, das explizit zu erwähnen, sagt denn auch letztlich fast alles über das Niveau der Sendung. Pfarrer Fliege war auch dabei, seine Kernaussage lautete: Er macht gern Urlaub in der Türkei – schön für ihn.

All jenen – die wie der Autor dieses Textes – nach der Sendung Kopfschmerzen hatten, sei folgender „Sketch“ bei youtube, sozusagen als Gegengift, empfohlen: „Gerhard Polt: Diese unsere Welt“, mit der unvergleichlichen Gisela Schneeberger als „Frau Zitzl-Dumont“. Da kann sich Frau Maischberger noch einiges abgucken…

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