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Kommentar: Was lässt sich über die tödlichen Folgen des Duisburger Massenspektakels sagen? Ein Versuch von Malik Özkan

Die Parade

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(iz). Loveparade. Eine schlimme Katastrophe mitten in der Sommerzeit lässt aufhorchen. Auf der so genannten „Loveparade“ in Duisburg kommen in einer Massenpanik 21 junge Menschen um, und hunderte „Raver“ werden zum Teil schwer verletzt. Um weitere Panik zu vermeiden, wird die Veranstaltung und eine Live-Fernsehübertragung nicht etwa abgebrochen, sondern es ergibt sich ungewollt ein gespenstisches Bild: Während auf der einen Seite bereits hunderte Passanten trauern, feiern auf der anderen Seite hunderttausende Partygäste ahnungslos weiter.

Diese Bilder gehen nun um die Welt und ver­ursachen weltweite Diskussionen. Auch ohne derart schlimme Ereignisse werden ­diese Veranstaltungen der Superlative bereits als sinnentleerte und entpolitisierte Massenkultur kritisiert. „Es sind Demonstrationen der Vergnügungssucht“, meinen Kritiker. Viele Besucher halten das inhaltsfreie Konsumspektakel, das viele Stunden dauert, tatsächlich nur mit synthetischen Drogen durch. Jetzt herrscht endgültig Ratlosigkeit über den Sinn dieser öffentlich geförderten Spektakel. Bis zu 1,4 Millionen Menschen sollten in der Ruhrgebietsmetropole auf einem schmucklosen, still­gelegten Güterbahnhof mit lautstarker Technomusik feiern und um eine triste Bauruine kreisen. Mit der Party kann man sogar nutzlose Industriebrachen, von der die Stadt genügend Beispiele hat, zumindest kurzfristig nutzen.

Die klamme Stadt Duisburg wollte so zum Kulturjahr 2010 etwas Monströses beitragen und mit Hilfe einer privaten Fitnesskette auch geräuschlos finanzieren. Duisburgs Plan, aus einer Stadt mit massiven sozialen Problemen eine Spaßmetropole zu machen, endet so in einem Desaster. Nun sind alle klüger.

In den feiernden Massen hat nicht nur „Liebe“ gewohnt, sondern auch die Möglichkeit für Panik und Terror. Viele Helfer und Ordnungskräfte waren in der Stresssituation, ausgelöst durch tausende Besucher, die drängelnd ans „Ziel“ kommen wollten, hoffnungslos überfordert. Der Veranstalter, angeregt durch diverse Ideen der Gewinnmaximierung, ist vermutlich noch nicht einmal seinen dringlichsten Sorgfaltspflichten nachgekommen, Mahner und Sicherheitsexperten blieben ungehört, und so ging die Tragödie ihren Gang.

Nach dem erschütternden Ereignis folgt nun die typische, beinahe professionelle „Techno“-Aufarbeitung der Geschehnisse: eine kurze Phase der Betroffenheit, die Suche nach den Schuldigen und eine wissenschaftlich angeregte Debatte über Kausalketten. Die juristische Klärung der Schuldfrage wird dann einige Monate dauern. Man wird so zu Ergebnissen kommen, doch stellt sich in Wirklichkeit eine tiefere Frage: die Frage nach dem Sinn und der Bedeutung dieses Ereignisses.

Bei der Reflexion über das Geschehen drängen sich Fragen auf, die nicht nur technischer Natur sind. Es sind solche, die die paradoxen Umkehrung der „Loveparade“ in einen Akt der Aggression bedenken, den Unsinn eines Massenspektakels, der Leben zu „Feier und Rausch“ reduziert hinterfragen, und der grundsätzlichen Frage nach dem Tiefgang einer plärrenden, konsumierenden Kultur nachgehen.

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