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Kommentar zur Londoner Afghanistankonferenz: Der Westen ist in seiner komplexen Interessenlage verfangen. Von Abu Bakr Rieger

"Mieten, nicht kaufen"

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(iz). Ein Bekannter klärte mich unlängst über einen charakterlichen Aspekt der Afghanen auf: “Einen Afghanen”, so mein Gesprächspartner “könne man vielleicht mieten, aber niemals kaufen”. Diesen Satz sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man das jahrzehntelange, nicht enden wollende Kriegsdrama besser verstehen will. Jedenfalls dürfte – wenn man dieser Einsicht glauben schenkt – das millionenschwere Aussteigerprogramm, dass wankelmütige “Taliban” zum Überlaufen bringen soll, eher auf Sand gebaut sein.

Die Debatte um den neuen Kurs am Hindukusch, ist – wegen der typisch vernetzten Interessenlage des Westens – nicht einfach zu durchschauen. Zweifellos motivieren weder die Bundeswehr, noch die deutschen Soldaten imperiale Absichten. Die eigentliche Strategie rund um Kabul dürfte allerdings sowieso eher in Washington, als in Berlin entschieden werden. Die deutschen Soldaten baden aber leider die tiefen Widersprüche und Verfehlungen der Mission mit aus.

Ja, es geht dem Westen um Sicherheit, aber natürlich auch um dauerhafte geopolitische Dominanz; es geht um zivile Hilfe, um Schulen und soziale Projekte, aber auch um den Import westlicher Denk- und Verhaltensweisen durch die unzähligen NGO's vor Ort. Es geht nicht um Demokratie, aber um eine Art starken Staat, wie wir ihn auch schon von anderen Orten kennen, wo die Demokratie und unsere Interessen nicht zusammenkommen wollten. Eine Diktatur mit Westbindung also, die nebenbei Ressourcen, Pipelines und die öffentliche Meinung gleichermaßen absichert.

Die Liste grober Widersprüche könnte leicht verlängert werden; vor allem, wenn man gerade die ökonomischen Interessenlage, die von idealistischen Politikern gerne vergessen wird, näher betrachtet. Die Interessen der Rüstungsindustrie liegen offen zu Tage, der Kampf um Ressourcen und Pipelines in der Region ist bekannt und zudem liefern die auffällig erfolgreichen Machenschaften der global vernetzten Drogenbarone neuen Stoff für Verschwörungstheorien. Für die Schurkenwirtschaft ist das Leben in Kabul schon im Diesseits paradiesisch.

Dem Westen fehlt bisher völlig ein Verständnis von der Rolle des Islams in der Region. Es wundert aus muslimischer Sicht nicht, dass islamische Länder, islamische Gelehrte oder islamische NGO's bei der strategischen Umsetzung der Londoner Beschlüsse keine Rolle spielen werden. In den westlichen Medien wird die islamische Kraft auf das extreme Wirken der Taliban reduziert. Ansonsten gilt hier noch immer der archaisch wirkende Satz, der Gut und Böse teilt: “Wer nicht für uns ist, ist gegen uns”.

Es ist eine Ironie der Geschichte: Der Einmarsch der Taliban-Ideologie in die komplexen Stammeswelten jener Welt hätte ohne westliches Geld – wie man heute weiß – nie den dafür nötigen Schub erfahren. Besorgniserregend ist die Abwendung vieler Muslime von dem traditionellen, islamisch korrekten Sufismus in Richtung einer Ideologie der Fanatiker, Selbstmordattentäter und Terroristen. Das ist das eigentliche Pulverfass, an dem der “Krieg gegen den Terror” mit seinen zehntausenden zivilen Opfern weiter zündelt.

Über Jahrhunderte hatten gläubige Afghanen für menschenverachtende Taktiken nichts übrig. Ohne eine korrekte islamische Lehre wird sich die geistige Verwilderung der ganzen Region weiter fortsetzen. Die Einrichtung von Lagern und Reservate erinnert bis zu einem gewissen Grad an das Schicksal der Indianer. Ein Nomos und eine echte Friedensordnung ohne den Islam dürfte aber – angesichts der Millionen von Muslimen in der ganzen Region – nur eine vage Phantasie bleiben.

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