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Konferenz über die Bedeutung des Islam in der Entwicklungszusammenarbeit. Von Tasnim El-Naggar, Berlin

Kennenlernen, Kooperieren, Helfen

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(iz). Am 7. und 8. Dezember fand eine Konferenz von Islamic Relief und der Welthungerhilfe mit dem Titel „Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe im Kontext des Islam – Gemeinsam für konstruktive Agenden und Partnerschaften arbeiten“ im Wissenschaftszentrum Bonn statt. Menschen, die auf unterschiedliche Weise in der Entwicklungszusammenarbeit eingebunden sind, waren aus ganz Deutschland und auch Europa angereist – aus England, Italien, Finnland, den Niederlanden, Belgien, der Schweiz, Russ­land – um sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.

Dr. Hany El Banna, Mitgründer und ehemaliger Präsident von Islamic Relief und Bärbel Dieckmann, Leiterin der Welthungerhilfe, gaben den Auftakt. Walter Schwarzenbrunner von ECHO (European Commission Humanitarian Aid) setzte auf die Neutralität und Unabhängigkeit, die bei der Entwicklungszusammenarbeit nötig ist, um niemanden zu diskriminieren. Gleichzeitig aber betonte er, dass der kulturelle und religiöse Kontext eines Landes bekannt sein müsse, um keinen Schaden anzurichten, sondern effizient zu helfen, wo es nötig und dringlich ist, unabhängig vom religiösen Hintergrund.

Dass der Sudan, Somalia und Afghanistan muslimisch seien, sei kein Grund für die hohe Gefahr, die von ihnen ausgehe. Besonders wichtig sei es ihm, dass internationale Nicht-Regierungsorganisationen sich besser koordinieren und enger zusammenarbeiten, um sich nicht gegenseitig zu behindern. Dr. Gunter Mulack vom Auswärtigen Amt sieht den 11. September als Punkt, der die vormals normale Beziehung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen gestört habe, insbesondere in Afghanistan. Er kritisierte, dass Regierungen in muslimischen Ländern trotz der islamischen Prämisse von sozialer Gerechtigkeit und der Würde des Menschen die Bedürfnisse ihrer Bürger nicht wahrnähmen, kritisierte die mangelnde demokratische Legitimation dieser Staaten und forderte eine offene demokratische Kommunikation. Sein Resümee lautet: „Wir sind diesbezüglich nicht wirklich vorangekommen“, seinen eurozentrischen Ansatz untermauernd. Kritisch merkte das Publikum daraufhin an, das nicht alles auf den 11. September geschoben werden könne.

Amin Marco Obermüller von der Welthungerhilfe betonte vor allem den Aspekt des Vertrauens, der in der Entwicklungszusammenarbeit zwischen Gebern und Nehmern grundlegend sei. „Wir haben sehr viel Tee getrunken, obwohl ich ein Kaffeetrinker bin, und haben geredet“, erzählt er, „Dann war Vertrauen da, und das, was wir vorher vergebens vorgeschlagen hatten, wurde angenommen“. Aus panzergeschützten Jeeps über Mikrofon zum Volk zu sprechen, sei einer erfolgreichen Entwicklungszusammenarbeit nicht gerade zuträglich, denn es impliziere Misstrauen und Angst.

Verschiedene Podiumssprecher bemängelten, dass unter den Angestellten von Hilfsorganisationen oft viel zu wenig über Kontext und Kultur des Landes bekannt sei, was die Vertrauensbildung erheblich erschwere. So ist etwa die Kenntnis der Sprache vor Ort von enormer Bedeutung: Plan- und Zielformulierungen müssten übersetzt, Transparenz für die Bevölkerung geschaffen werden, um Missverständnisse und Misstrauen zu verhindern.

Hany El Banna appellierte an das Gute im Menschen: Geben alleine reiche nicht aus, sondern es müsse mit Liebe sein, und es müsse gemeinsam sein. Das „Big Us“ sei wichtig, und damit meint er Muslime und Nichtmuslime, die gemeinsam helfen können. Es sei nicht wichtig, welche Religion die notleidenden Personen haben, sondern man müsse sich schlichtweg fragen: „Was können wir gemeinsam tun? Wo können wir gemeinsam helfen?“

Zuweilen kam leider während der Konferenz das Gefühl auf, doch allzu stark vom Thema abzuweichen. Sich wiederholende Diskussionen um den Sinn oder Unsinn der freien Marktwirtschaft oder eine ausgeprägte Deklamation der iranischen Politik zugunsten der Frau sprengten den Rahmen.

So wurde immer wieder von den muslimischen und nichtmuslimischen Sprechern betont, dass Entwicklungsdefizite, Bedrohung und Gewalt und die Beschneidung fundamentaler Menschenrechte nichts mit dem Islam, sondern mit den jeweiligen Governance-Strukturen oder lokalen Verhältnissen zu tun habe. Eine Korrelation zwischen Islam und Entwicklungshemmnis sei faktisch nicht auszumachen, betonte auch Arwa Hassan von der GTZ und forderte dazu auf, die islamischen Strömungen zu stärken, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht entwicklungshemmend seien. Es konnte festgestellt werden, dass die verschiedenen Hilfsorganisationen unabhängig von ihren religiösen Ausrichtungen doch weitestgehend ähnliche oder gleiche Ansätze und Ziele verfolgen, nämlich Hilfe zur Selbsthilfe. Unwesentlich seien dagegen Unterschiede, die islamische Hilfsorganisationen mit sich bringen können: Die Pflicht der Armensteuer (Zakat) oder andere islamische Institutionen machten die strukturelle Arbeit im Gegenteil einfacher.

An der Zeit ist es nun, diese Ansätze und Ideen zusammenzubringen und die Zusammenarbeit zwischen muslimischen, andersreligiösen und nichtkonfessionellen Hilfsorganisationen stärker zu koordinieren. Dafür muss man sich erst einmal kennenlernen, und der erste Schritt dazu wurde auf dieser Konferenz ganz sicher gesetzt – nun müssen weitere konkrete Schritte folgen, um aus Worten Taten werden zu lassen.

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