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Konturen des Konflikts in Darfur: Es dominiert die Perspektive der Boulevardmedien. Von Dawud Stewart Hurrell, Cape Town

Ökologie, Land und Krieg

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(iz). Im Zeitalter medialer Politik, in dem komplexe Fragen auf kurze Aussagen reduziert werden, die politisch aufgeladene Bedeutungen transportieren sollen, werden wir an Marshall McLuhan erinnert, der schrieb, dass „das Medium die Botschaft“ sei. Was uns durch moderne mediale Formate erreicht, ist üblicherweise einer Neuanordnung unterworfen. Nachrichten werden in „Unterhaltung“ verwandelt. Oder sie involvieren ein gewisses Maß an Interesse, um die Aufmerksamkeit des Publikums für einen passenden Zeitraum zu bündeln. Dadurch werden Themen vereinfacht und im Rahmen dieses unausgesprochenen Interesses präsentiert.

Auch die Lage in Darfur unterscheidet sich nicht von diesem Vorgang. Denn sie selbst wurde als ein „spannender“ und rassisch motivierter Konflikt zwischen einer arabisch-islamistischen Regierung und eingeborenen afrikanischen Bauern umgedeutet. Und so entsteht eine Situation, die nach Handlung schreit.

Die Folge war die Mobilisierung einer Kampagne, an der sich alle Arten von Leuten beteiligten. Alle fordern ein Ende der Grausamkeiten. Üblicherweise zählt dazu eine irgendwie von den Vereinten Nationen autorisierte Intervention, um dem angeblichen „Völkermord“ Einhalt zu gebieten. Der gemeinsame Nenner in dieser Mobilisierung, wie es von Mahmud Mamdani in seinem Buch „Savious and Survivors: Darfur, Politics and the War on Terror“ erläutert wurde, war der moralisierende Anspruch jener Gruppierungen – darunter auch der Massenmedien. Sie alle sehen sich als die Verbündeten der Entrechteten, die in Darfur versuchen, einen nicht nachgewiesenen Genozid zu verhindern. Und zwar in einer Zeit, in der nirgendwo eine populäre Mobilisierung gegen den illegalen Irakkrieg zu erkennen wäre.

Konturen eines Konflikts
2003 begannen die Rebellenbewegungen SLA und JEM einen Aufstand gegen Regierungsziele im nördlichen Darfur. Anfänglich zerstörten sie 89 Polizeistationen und töteten bis zu 400 Polizeioffiziere und zerstörten auch eine Reihe von Regierungsflugzeugen. Die Rebellen wurden in rund 40 brandneuen Land Cruisern transportiert und sie führten fortgeschrittene Bewaffnung und moderne Satellitenkommunikation mit sich. Ausrüstung, von denen Khartum behauptet, dass die Rebellen sich diese nicht ohne ausländische Hilfe hätte leis­ten oder beschaffen können.

Die Regierung des Sudans antwortete mit einem brutalen Gegen-Aufstand. In dem Prozess bewaffnete sie Stammesmilizen, die nicht mit den Rebellen in Verbindung standen, wie die nomadischen Abbala. Unter anderem auch, weil die Regierung selbst nur über unzureichende militärische Kräfte in der Region verfügte.

Die geografische Bedeutung dieser Angriffe verweist auf ein anderes treibendes Motiv dieses Konfliktes: Konkurrenz um fruchtbares Land und Zugang zu Wasser. Als die Nobelpreisträgerin Wangari Maathai 2004 sagte, dass „die Wurzeln des Darfur-Konflikts in einem Kampf um die Kontrolle einer Umwelt liegen, die nicht mehr alle Menschen versorgen kann, die darin leben müssen“, bezog sie sich auf den ökologischen Aspekt des Bürgerkrieges. Eine Frage, die von den Mainstream-Analysen übersehen wurde, die dazu tendieren, sich im Gegensatz zu den Ursachen um die Ergebnisse kümmern. Die Stammesgebiete der Fur, Massaliet, Tungur, Bergid und Dagu liegen um die Berggruppe Jebel Marra in Zentral-Darfur, eine Gegend, die am meisten von Gewalt betroffen war. Die satte Vegetation dieses 70 Kilometer langen Bergzuges steht im Kontrast zur Wüste des nördlichen Darfur. Sie stellt für jeden, der ihn kontrolliert, ein Mittel für das eigene Überleben dar. Zugang zu diesem Land war eine der treibenden Kräfte des Krieges.

Mahmud Mamdani schrieb, dass „in den 1960er Jahren, als die Trockenheit der Sahelzone die Region traf und die Wüste sich nach Süden bewegte – volle 100 Kilometer in vier Jahrzehnten – viele Einwohner der Sahelzone – Nomaden und sesshafte Menschen – begannen, sich zu bewegen. Einige nach Süden, andere nach Osten, aber alle in die Richtung des Jebel Marra, der auf seiner südlichen Seite vom Fluss Al-Arab ­flankiert wird … Er ist daher eine der sicheren Quellen der Versorgung in einem zunehmend trockener werdenden Land. Genau wie die Dürre keine Grenzen kannte, verloren auch diejenigen, die von ihr betroffen waren, ihren Sinn für Grenzen, sei es zwischen ­Ländern oder zwischen Stammesgebieten, als sie nach Wegen zum Überleben suchten.“

Die Masse der ökologisch vertriebenen Menschen des Nordsudans kamen von den kulturell nicht-arabischen Zaghawa und Bedeyat und den kulturell arabischen Abbala-Stämmen, die aus den Mahamid, Beni Hussein, Maharija und Irayqat zusammengesetzt sind. Während die Zaghawa, die sich bis in den Tschad erstrecken, eine Mischung aus Bauern und Kamelnomaden sind, sind die Abbala im Kontrast dazu beinahe ausschließlich Nomaden. Sie führen ihre Kamele quer durch die ganze Sahelzone. Sie haben keine permanente Heimat, nur eine traditionell symbiotische Beziehung mit anderen Stämmen und Völkern, die ihnen entlang ihrer Wanderungswege begegnen.

Die Folgen dieser Dürre bewirkten, dass diese Gruppe – als sie auf der Suche nach passenden Weideflächen nach Süden und Osten zog – Zugang zu den Gebieten der Fur-, Tungut-, Dagu- und Bergid-Gemeinschaften suchte. Diese entschieden, dass das Land neben ihnen nicht auch noch diese Neuankömmlinge ernähren könnte.

Jene Neuankömmlinge bestanden auf ihrem Recht auf gleichen Zugang zum Land auf der Grundlage, dass sie, wie die einheimische Bevölkerung, Bürger des Sudans seien und daher einen Anspruch auf Zugang zum gemeinschaftlichen Territorium hätten. Die sesshaften Fur wiesen diese Position wegen der Rechte zurück, welche die niedergelassenen Gruppen unter der juristischen Struktur in Aspekten der Landverteilung genossen. Eine Erbe, welches die Briten dem Sudan hinterließen.

Imam Mahdi
Historisch wurden in Darfur jene Kräfte mobilisiert, welche den Briten in den 1880er Jahren eine demütigende Niederlage bereiteten. Angeführt von Imam Muhammad Ahmed ergriff eine multiethnische Gruppe aus Soldaten und Reitern die Waffen gegen die kombinierten britischen und osmanisch-ägyptischen Einheiten, die den Sudan kontrollierten. Der Mahdi, wie er sich selbst nannte, erklärte 1881 den Dschihad gegen die ausländischen Mächte. Schließlich hatte er Erfolg damit, sowohl die Ägypter als auch später die Briten aus dem Land zu treiben, was vom Britischen Reich schmerzlich erfahren wurde. In der Regierungszeitung „The Daily News“ stand geschrieben: „Selten im Gedächtnis der heute Lebendigen wurden in England Neuigkeiten als solche Katastrophen erfahren.“

Mamdani erklärt, dass der Islam als Bindemittel diente, mit dem die verschiedenen Stämme in der Region verbunden wurden. „Der Schlachtruf des Mahdi war einfach – damit Gerechtigkeit exis­tie­ren kann, muss der Islam gereinigt werden. Der Islam stellte die Ideologie bereit, welche die Vielfalt der ethnischen mobilisierte und das Bindemittel lieferte, eine multiethnische Bewegung zu ­generieren.“

Die Gefahr erkennend, welche diese politischen und spirituellen Entwicklungen für die ausländische Herrschaft über Darfur und Sudan darstellten, suchten die Briten einen Weg zu finden, die Vielschichtigkeit des Sultanats und den Vormarsch des Mahdi dadurch aufzuheben, dass sie die Politik des „Teile und herrsche“ anwendeten, nachdem sie unter General H.H. Kitchener im Jahre 1898 wieder entscheidende Gebiete kontrollierten. Ganz wesentlich dabei war die Entscheidung, die Stammesgesellschaft im Darfur wieder zu beleben, wie in der gesamten sudanesischen Gesellschaft, um Differenzen auszunutzen – gemeinsam mit einer Politik der indirekten Herrschaft durch unterwürfige lokale Autoritäten.

Mamdani schreibt, dass die „britische Verwaltungspolitik in der Kolonie des Sudan durch ein überragendes Ziel geprägt wurde – die Entfernung jeglicher Spu­ren des mahdistischen Einflusses von dem Land, indem die eigentliche Grundlage seiner überethnischen Mobilisierung eliminiert wurde. Der britische Kolonialismus betrieb eine Politik der Re-­Tribalisierung“. Der „Stamm“ sei als die authen­tische politische Identität der Afrikaner „im Gegensatz zu allen anderen translokalen Identitäten“ betont worden. Zur britischen Strategie zählten die Abschaffung von privatem Landbesitz und die Neuverteilung von Flächen als lokalem Eigentum. Diese stellte das Land nicht unter die Kontrolle einer überragenden Autorität wie die eines Sultans, sondern teilte die Flächen vielmehr in Stammesgebiete auf.

Die Folge dieser Re-Tribalisierung sollte weitreichende Konsequenzen für Darfur haben, sobald die Dürre im Sahel ein beunruhigendes Muster der Migrationsbewegung erzwang. Denn die Neuverteilung von Land in tribale Heimstätten führte zu einer weiteren diskriminierenden Politik der Bereitstellung von Flächen für jene Völker wie die sess­haften Fur, die von den Briten als „einheimisch“ bestimmt wurden.

Demnach wurden die sesshaften Völker in Darfur mehr als „Afrikaner“ denn als „Araber“ eingestuft. Ihnen wurde der Rang von Einheimischen zugewiesen und sie genossen mehr Rechte als ihre Brüder, die Araber, die angeblich aus dem Nahen Osten und anderswo in das Gebiet einwanderten. Diese Unterscheidung erwies sich als falsch und diente nur zur Verstärkung von Spannungen zwischen jenen Gruppen. Im britischen Sys­tem hatten „Einheimische“ mehr Rechte, darunter auch politische Vertre­tung, als diese „Siedler“. Mamdani schreibt, dass „für die gesamte Bevölkerung, nomadisch und sesshaft, die Folge der ökologischen Krise durch ein Land und ein Regierungssystem gefiltert wurde, welches durch die koloniale Periode geprägt wurde“.

Und so entwickelte sich während der 1980er Jahre in der Region ein Bürgerkrieg zwischen Stämmen mit Landrechten und solchen ohne. Insbesondere standen Zaghawa und Mahariya (Abbala) gegen die Fur-Stämme, die sich weigerten, Ansprüchen auf Land, die auf einer gemeinsamen Staatsbürgerschaft beruhen, zuzustimmen. Zaghawa-Siedlungen wurden zerstört und ihre Führer hingerichtet. Das gleiche Schicksal wurde den Fur zuteil. Angehörige der Zaghawa, die in städtische Räume zogen, hatten größeren geschäftlichen Erfolg als jene in ländlichen Gebieten, die in einen anhaltenden Konflikt mit Stammesmilizen verwickelt wurden.

1989 kam es zu einem Versöhnungstreffen zwischen den Konfliktparteien. Als Folge sahen sich die Fur und die Abbala als Opfer einer Vernichtungskampagne. Die Fur sprachen von einem an ihnen begangenen Völkermord und die Abbala behaupteten, Opfer eines Holocausts zu sein. Die Bedeutung dessen ist, so merkt Mamdani an, dass dies Sichtweisen der Konfliktparteien waren, „bevor“ die „arabische“ Regierung von Omar Al-Bashir die Macht übernahm.

In einem ungeschickten Versuch, die landlosen nomadischen Abbala zu befriedigen, gewährte der Regierungskommissar von Nyala dem Hamdania-Stamm ein Stück Land südlich von Nyala auf einer der Regierung gehörenden Fläche. Dieses befand sich innerhalb der „Magdumate“ oder Provinz der Fur. Diese wurde nicht in die Entscheidung mit einbezogen und griffen zu den Waffen, was zu neuerlicher Gewalt führte.

Die Krise in Darfur ist in weiten Teilen das Ergebnis eines rechtlichen Scheiterns. Und zwar einer vorurteilsbeladenen rechtlichen Struktur, einem Erbe des britischen Kolonialismus, welche einen gleichmäßigen Umgang mit den Folgen der ökologischen Vertreibung und eine traditionelle Vermittlung in dem Konflikt verhinderte. Das ganze wurde durch die Kurzsichtigkeit der Regierung verschlimmert.

„Die Hunde des Krieges von der Leine lassen“
Die mediale Beschreibung des Darfur-Konflikts repräsentiert die „Spitze des Eisbergs“ in Anbetracht der tieferen geostrategischen Manöver, die im Sudan vor sich gehen. Hinter den Forderungen nach einer humanitären Intervention verbergen sich die unausgesprochenen Interessen und verdeckte ausländische Hilfen für die Konfliktparteien. Die im Sudan operierende Hilfsorganisation CARE International beispielsweise erhielt in der Vergangenheit Spenden von einem der weltgrößten Waffenproduzenten: Lockheed Martin.

Berichte eines Stellvertreterkrieges und ausländischer Unterstützung für die Rebellengruppen dienen nur zur Stärkung von Befürchtungen innerhalb der sudanesischen Regierung vor einer Destabilisierung. Der strategische Wert des Sudans darf nicht unterschätzt werden. Die Sanktionen gegen den Sudan und die von den USA betriebene Isolierung des Landes führten zu einem Vakuum, dass von den Chinesen gefüllt wurde. US-Ängste drehen sich um die zukünftigen Beziehungen zwischen dem Sudan und der Volksrepublik China.

Khartum könnte tatsächlich zu einem Zentrum der militärischen und ­logistischen Präsenz Chinas am Horn von Afrika werden. Gemeinsam mit der Tatsache, dass der Sudan an das gleiche Gewässer wie Saudi-Arabien und Israel grenzt, wird er zu einem Gebiet mit wichtiger Bedeutung an der Grenze zum Nahen Osten.

Die einheitliche US-Kampfgruppe, AFRICOM, die militärisch für das ­gesamte Afrika ohne Ägypten verantwortlich ist, arbeitet gemeinsam mit CENTCOM, welches den Nahen ­­Os­ten und Zentralasien in Sachen strategischer Planung und Kräfteentsendung ­abdeckt.

Berichte von sudanesischen Flug­zeugen, die von chinesischen Erdölan­lagen in die Luft steigen, bevor sie Stellungen der Rebellen in Darfur bom­bardieren, dienen nur zur Verstärkung dieser Befürchtungen.

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