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„Krieg gegen den Terror“ fand längst seinen Einzug in die Populärkultur. Von Sulaiman Wilms

Im Schatten der Killerdrohnen

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„‘Es gab eine Zeit’, sagte Kate (…), ‘in der von Fürsten, die ihre Länder in den Krieg führten, erwartet wurde, dass sie ihr Leben in der Schlacht riskierten – du weißt schon: Durch das eigene Vorbild führen. Heute reisen sie in gepanzerten Autos mit bewaffneten Leibwächtern und machen ihr Glück dreitausend Meilen entfernt, während der Rest von uns mit den Folgen ihres Handeln zurückbleibt.’“ (Robert Harris, The Ghost)

(iz). Wir leben im Schatten der Terrordrohnen. Der entgrenzte „Krieg gegen den Terror“ hat nicht nur die internatio­nale Poli­tik und das Völkerrecht pervertiert, ­sondern auch auf vielen anderen Ebenen bis in unseren Alltag hinein seinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Davon ist allerdings in unserer „Öffent­lichkeit“ – ein recht amorphes Gemisch – nur selten etwas zu merken, es sei denn, es wird ein Terroranschlag befürchtet wird oder es kommen Bun­deswehr­soldaten ums Leben. Ansonsten werden die im Grunde skandalösen Vorgänge wie die be­wusste Tötung von Zivilisten (jüngst von Wikileaks aufgedeckt), die stillschweigende Duldung von Folterflügen der CIA oder die bundesdeutsche Weigerung, aus Guantanmo entlassene Ex-Häftlinge aufzunehmen zu den Akten gelegt.

Es funktioniert die Maschinerie der Aufmerksamkeitsökonomie. Gestern ­Afgha­nistan, heute das „Rettungspaket“ für Griechenland und morgen der Ausfall von Michael Ballack; alles veraltet mit der gleichen Geschwindigkeit. Ähnlich verhält es sich mit der fortschreiten­den Aushöhlung bürgerlicher Freiheitsrechte. Erinnert sich noch jemand unter uns daran, was das Bankgeheimnis oder die Unverletzbarkeit der eigenen Wohnung bedeutet?

Es wäre eine unzulässige Verallgemeinerung, zu behaupten, dass Mainstream­medien sich nicht kritisch mit dem bun­desdeutschen Anteil am „Krieg gegen den Terror“ auseinandersetzten. Aller­dings unterliegen sie dabei der oben erwähnten Aufmerksamkeitsökonomie. Es fehlt ihnen in Zeiten eines professionellen Zynismus an Tiefe und Biss – von Empathie für die namenlosen Opfer dieses Krieges ganz zu schweigen.

Findet die Wahrheit nicht mehr den ihr angemessenen Ort, verschwindet sie nicht, sondern bahnt sich neue Wege. So darf es nicht verwundern, dass sich bei einem Desinteresse am „Krieg gegen den Terror“ die „Populärkultur“ des ­Themas annahm. Von Popsongs, über Holly­woodfilme bis zur „Unterhaltungsliteratur“ hat der Komplex Eingang in ihren Diskurs gefunden. Dabei steht Holly­wood nicht nur für grottenschlechte, propagandistische B-Filme oder für die erschütternd inhumane Fernsehserie „24“, die trotz ihrer perfekten Inszenierung das massive Inkaufnehmen von „Kol­lateralschäden“ und die offene Bejahen von Folter zelebriert.

Nicht nur Dokumentationen und unab­hängige Produktionen beschäftigen sich mit dunklen Aspekten der westlichen Außenpolitik, Hollywood hat einige ­sehenswerte Filme hervorgebracht, in denen schmerzhafte Fragen gestellt und menschliche Dilemmata nachgezeichnet werden. Obgleich schon einige Jahre alt, zählt der Film „Syriana“ meiner Meinung nach zu den wichtigs­ten Produktionen. Der an den Erinnerungen des ehemaligen CIA-Agenten Robert Baer angelehnte Film stellt unangenehme Fragen in Sachen Anti­terrorkrieg und Wirtschaftsinteressen. Bemerkenswerterweise haben sich gerade in der angelsächsischen Welt Auto­ren, die von vielen Exponenten des Feuilletons wahrscheinlich nicht als „ernsthafte Literaten“ eingeschätzt werden, zu Wort gemeldet. Bei einem Blick auf Bücher von Autoren wie John le Carré (zu Recht ein Chronist des „Kriegs gegen den Terror“), James Lee Burke oder Robert Harris fällt auf, wie ernst sie dieses Thema nehmen.

Während der Dampfplauderer Matussek im Magazin „Der Spiegel“ von der deutschen Kriegsbeteiligung in Afghanistan schwärmt und von „uns“ patriotische Verehrung deutscher Soldaten einfordert, beschreibt der US-Amerikaner James Lee Burke in seinen aktuellen Krimis auch den Alptraum, mit dem Heimkehrer aus dem Irak und aus Afghanistan zu kämpfen haben.

Und unsere professionellen „Islamkritiker“ sollten zwei Mal nachdenken, wenn sie angesichts des „Kriegs gegen den Terror“ meinen, dass dort, wo geho­belt werde, „auch Späne“ fallen. Robert Harris gibt ihnen in „The Ghost“ einen ausreichenden Denkanstoß: „Die eigenen Moralvorstellungen sind nicht mehr so fix, wie sie es einmal waren. Methoden, die für die Generation meines Vaters undenkbar waren, selbst wenn sie gegen die Nazis kämpften – beispielsweise Folter -, scheinen nun akzeptable, zivilisierte Verhaltensweisen zu sein.“

Lesetipps: „Absolute Friends/Absolute Freunde“ und „A Most Wanted Man/Marionetten“ (John le Carré), „Rain Gods“ (James Lee Burke) und „Ghost“ (Robert Harris)
Filmtipps: Syriana (Regie Stephen Gaghan), The Road to Guantanamo (Regie Michael Winter­bottom), Von Löwen und Lämmern (Regie Robert Redford), Battle for Haditha (Regie Nick ­Broomfield), Rendition/Machtlos (Regie Gavin Hood), Der Mann, der niemals lebte (Regie ­Ridley Scott) und Green Zone (Regie Paul Greengrass)

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