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Kritische Anmerkungen über eine Frankfurter Tagung. Probleme der Einflussnahme traten offen zu Tage. Von Kathrin Klausing, Hannover

Wie unabhängig ist die Lehre bei uns?

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(iz). Vom 5. bis zum 7. Juni tagte in Frankfurt das vom Bundesinnenministerium und der DITIB finanzierte Fachsymposium „Koranwissenschaften heute – Genese, Exegese, Hermeneutik, Ästhetik“. Es handelte sich dabei um das zweite in einer Symposienreihe zum geistigen Erbe des Islam, die von der Stiftungsprofessur für Islamische Religion (von der Diyanet gestiftet) und der GEFIS – Gesellschaft zur Förderung der Islamstudien veranstaltet wird. Über zwei Tage stellten Wissenschaftler ihre Thesen in vier thematischen Panels dar. Es ging in diesen Panels um die Genese des Qur’antextes, Qur’anauslegung und Qur’anwissenschaften, Qur’anhermeneutik und zuletzt um Ästhetisches Erleben des Qur’an. Geladen waren Islamwissenschaftler, christliche Theologen und zahlreiche Vertreter der so genannten „Ankaraner Schule“.

Organisatorisches

Das Fachsymposium stieß auf ein relativ großes Interesse und war bis zum Schluss sehr gut besucht. In Teilen schien es jedoch, als hätte man sich seitens der Organisatoren nicht ausreichend auf ein internationales Publikum eingestellt. So wurden Vorträge nie übersetzt. Wo das Publikum bei englischsprachigen Vorträgen noch mitging, warf es bei türkischsprachigen Vorträgen teils entnervt das Handtuch. Inhaltliches

Auch inhaltlich blieben beim interessierten Gast einige Fragen unbeantwortet. Eine große Frage, der auf dem Symposium nachgegangen werden sollte, war die Frage nach der Entstehung des Qur’ans. In seinem Vortag zu diesem Thema befand Ömer Özsoy – der derzeitige Inhaber der Stiftungsprofessur in Frankfurt -, dass die zeitgenössische muslimische Fachliteratur zur Entstehung des Qur’an beziehungsweise seiner Geschichte weder qualitativ noch quantitativ etwas vorzuweisen habe. Weiterhin kritisierte er, dass „Wer ein solches Unternehmen [Geschichtsschreibung der Qur’angenese, Anm. d. A.] startet, findet sich einem undurchdringlichen Überlieferungsmaterial, dessen Authentizität umstritten ist. Zusätzlich wird man mit einer nicht nur allgemein anerkannten, sondern auch in der Literatur fixierten, gar zum Dogma gewordenen Vorstellung konfrontiert, dass der Qur’an Wort für Wort bis heute erhalten sei […] und dass der Prophet den Auftrag hatte, die Offenbarung in Textform zu bringen.“ Dabei werden von dieser Denkrichtung beispielsweise in Bezug auf die Diskussion um die Authentizität des Qur’ans ganze Literatur- und Wissenschaftszweige der klassischen Qur’anwissenschaften ignoriert. Wie geht man zum Beispiel mit der Literatur um die Tawatur-Thematik1 um? Wie erklärt man sich an die 30.000 Tradentenbiografien, die in den frühen Qur’anwissenschaften zu genau diesem Zweck – der Überprüfung der Authentizität des Qur'ans – einer kritischen Analyse unterzogen wurden? Ein simpler Verweis auf die „Undurchdringlichkeit“ des Materials ist hier nicht ausreichend und erweckt eher den Eindruck, man würde sich vor der Arbeit scheuen. Wenigstens eine kritische Analyse dieses Literaturberges wäre jedoch nötig, um die eigene Glaubwürdigkeit wenigstens ansatzweise untermauern zu können. All dies sind Fragen, die dem islamisch gebildeten Laien bei einer solchen Konferenz in den Sinn kommen, die aber nicht adressiert wurden.

Mündliche und ­schriftliche Überlieferung

Angenehm fielen zwei Vorträge am Anfang des Symposiums auf. Generell ist es so, dass die Unterscheidung zwischen der schriftlichen und der mündlichen Überlieferung des Qur’ans immer noch Schwierigkeiten bereitet beziehungsweise vielen gar nicht bewusst ist. Dieser Mangel scheint dem Projekt Corpus Coranicum bewusst zu sein. Ein Anliegen dieses Projektes – auf der Tagung vertreten durch Michael Marx – ist die parallele Aufnahme sowohl schriftlicher als auch mündlicher Überlieferung des Qur’antextes in die Dokumentation, die nach Abschluss des Projektes der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. Ein weiterer interessanter Beitrag kam von Daniel Birnstiel von der Universität Cambridge. Er stellte seine Analyse der Thesen Luxenbergs zum aramäischen Urtext des Qur’ans vor. Birnstiel ging in Kleinstarbeit die einzelnen von Luxenberg angeführten Belege für einen aramäischen Urtext durch. Dabei kam nicht selten heraus, dass sprachliche Belege von Luxenberg herbeizitiert wurden, die beispielsweise erst 1.000 Jahre nach demjenigen Text dokumentiert sind, dessen Ursprung beziehungsweise eigentliche Lesart sie darstellen sollten.

Von wissenschaftlicher Unabhängigkeit

Allgemein ist es problematisch, wenn Wissenschaft nicht unabhängig betrieben werden kann. Dies wurde auch bei diesem Symposium schmerzlich ins Bewusstsein gerufen. Die Einflussnahme, die durch die Stiftung eines solchen Lehrstuhls und die Finanzierung dieser Symposien ausgeübt wird, ist beträchtlich, was allein schon an der Auswahl der Referenten deutlich wurde – zum Großteil Vertreter der so genannten „Ankaraner Schule“. Die türkische Religionsbehörde erkauft sich auf diese Weise ein Mitspracherecht im öffentlichen und universitären Islamdiskurs in Deutschland. Es ist zwar nicht so, dass sie dieses Recht nicht haben sollte – jedoch verdirbt eine solche Dominanz die Diskussionskultur auf einer wissenschaftlichen Veranstaltung, die so zu einer reinen Repräsentationsschau einer einzelnen Denkschule verkommt. Mehr unterschiedliche Stimmen hätten eine echte Diskussion auf Niveau garantieren können.

1 Der Tawatur-Begriff bezeichnet eine mündliche Überlieferung über eine (je nach Definition unterschiedlich große, aber bestimmte) Anzahl an Tradenten in jeder Überlieferergeneration. 

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