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Kübra Ercan, Vorsitzende von Hima e.V. über gerechten Handel in der muslimischen Community

Für Fairtrade in der Moschee

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(iz). Der Gerechte Handel oder auch Fair Trade findet in der westlichen Welt immer mehr Unterstützer. Eine steigende Zahl von Menschen möchte nicht länger Dinge verbrauchen, die unter ungerechten Bedingungen produziert werden. Gerade, seitdem Produkte der globalen Bewegung für einen gerechten Welthandel auch unter dem Fairtrade-Siegel in vielen Supermärkten und Discountern zu haben sind, wächst die Nachfrage.

Wie sieht es aber unter Muslimen aus? Gibt es auch hier den Versuch, die religiösen Ansprüche an Ökonomie mit dem alltäglichen Verbrauch in Einklang zu bringen? In der Vergangenheit beschäftigte sich die Initiative Hima e.V. mit dem Verhältnis von Muslimen und Umweltschutz und den religiösen Beziehungen zur Umwelt, hat aber mittlerweile auch den gerechten Handel in ihr Portfolio aufgenommen. Hierzu sprachen wir mit Kübra Ercan. Sie ist erste Vorsitzende des im November 2010 gegründeten Vereins. Neben ihrer dortigen Funktion ist sie bei RAMSA (Rat muslimischer Studierender und Akademiker) in der Organisationsentwicklung tätig und engagiert sich zu­sätzlich in ihrer lokalen Gemeinde.

Islamische Zeitung: Liebe Kübra Ercan, warum habt ihr euch im Rahmen von Hima e.V. an einer Fachtagung über Fairtrade beteiligt?

Kübra Ercan: Ich muss zugestehen, dass wir uns bei der ersten Mail nichts Konkreteres unter der Tagung vorstellen konnten. Vielleicht lag es auch daran, dass eben eine solche, mit dieser inhaltlichen Ausrichtung, noch nie in Deutschland stattgefunden hat. Wir empfanden es aber als unsere Verantwortung, zum Auftakttreffen zu erscheinen, da wir bisher Erfahrungen in Bezug auf die Sensibilisierung zum gerechten Handel in der muslimischen Gemeinschaft sammeln konnten und diese den Initiatoren nicht vorenthalten wollten. Als geklärt wurde, was die Funktion eines Mitglieds des Initiativ­kreises ist, stand für uns fest, dass der Erfolg und die Ausrichtung der Fachtagung zu einem großen Teil in unserer Hand liegt. Umso erschrockener war ich, dass die muslimische Vertretung, die damals bei dem Auftaktreffen anwesend war, einzig aus einem Vertreter des ZDM und Hima bestand.

Islamische Zeitung: Wie schätzt Du das Interesse innerhalb der muslimischen Gemeinschaft ein?

Kübra Ercan: Aus meinen Beobachtungen heraus kann ich sagen, dass das Interesse stetig wächst, was wir auch an der Anzahl und Ausrichtung der Anfragen an unseren Verein merken. Jedoch glaube ich, dass ein großes Hindernis darin besteht, dass der gerechte Handel für viele Muslime zu abstrakt verpackt wird. Firmen wie GEPA, El Puente oder das Fairtrade-Siegel schaffen die Assoziationen nicht, die von Nöten wären, um den Sachverhalt für sie greifbar zu machen. Daher habe ich mich in den Vorbereitungen für die Fachtagung stark dafür ausgesprochen, Begriffe wie „Fairtrade“ zu umgehen.

Was für einen Muslim gilt, ist sowohl die Verteidigung als auch die Praxis von Gerechtigkeit, sodass sich der Wortlaut ‘gerechter Handel’ meiner Meinung nach besser eignet.

Islamische Zeitung: Bisher erhielten solche Fragen des bewussten wirtschaft­lichen Verhaltens keine große Aufmerk­samkeit in der Islamdebatte…

Kübra Ercan: Mit dem ethischen Konsum geht auch die Frage nach dem ethischen Wirtschaften einher. Hier sehe ich starke Tendenzen, dass das Thema sowohl für Muslime als auch für Nichtmuslime als alternatives Finanzsystem zunehmend an Interesse und Attraktivität gewinnt. Ich kenne kaum einen muslimischen Wirtschaftstudenten, der sich damit nicht auseinandergesetzt hätte.

Ob der ethische Konsum eine Aufmerk­samkeit in der Islamdebatte erhält, hängt sehr stark von der Arbeit ab, die in ­diesem Feld geleistet wird. Durch Veröffentlichungen, Projekte und entsprechende proaktive Ansätze bekommt das Thema Gewicht und kann dementsprechend auch in der Islamdebatte mehr Aufmerksamkeit erhalten.

Islamische Zeitung: Könntest Du uns beschreiben, welche praktischen Schritte noch nötig sind?

Kübra Ercan: Wenn wir über die Implementierung des gerechten Handels in der muslimischen Gemeinde sprechen, dann sprechen wir von einer sehr heterogenen Gruppe. Da gibt es kein Prinzip und keine Methode, die sofort und in allen Gemeinden fruchtet. Ich glaube, der wichtigste Schritt ist, in der jeweils ­betroffenen Gemeinschaft ein positives Gefühl für die Thematik zu erzeugen.

Hierfür muss man auf unterschiedlichen Ebenen arbeiten. Zum einen muss die Bedeutung der religiösen und spirituel­len Notwendigkeit in die Gemeinschaft transportiert werden und zum anderen muss man durch gemeinschaftliche Aktionen einen Umsetzungsanstoß anregen. Mit den nötigen Kooperationspartnern und der Nutzung der umliegenden Struktur würde die Gemeinde viel positives Feedback erhalten, sodass sie in ihrem Vorhaben bestärkt wäre.

Die konkreten Maßnahmen wären für die entsprechende Gemeinde jeweils abweichend. Das Wichtigste hierbei ist es, jede Gemeinschaft da abzuholen, wo sie gerade steht. Die Art der Kommunikation und die Form, wie Informationen verpackt werden, sind der Schlüssel zum Erfolg. Nehmen wir ein Frauenfrühstück als Beispiel. Allein der Rahmen bietet sich an, weil Frauen diese Form des Zusammenkommens gut finden. Angeboten ­werden Fairtrade-Produkte, sodass die Frauen mit den Produkten in Berührung kommen.

Entsprechend der spezifischen Gemeinschaft müsste man schauen, wie man die Informationen zu diesen Produkten und ihrem Hintergrund verpackt. Bei Akademikern und Studenten fruchten Fakten und Zahlen, während ich bei einer Gruppe, die im Durchschnitt einen Grundschul/Mittelschulabschluss hat, die mit den Produkten verbundenen ­Geschichten in den Vordergrund rücken würde.

Islamische Zeitung: Können die Muslime auf einer höheren Ebene noch weitere Anstrengungen unternehmen?

Kübra Ercan: In meinem Workshop haben wir als Gedankenexperiment die Implementierung von Fairtrade-Läden in 100 Moscheen eines Dachverbandes durchgeführt. Dabei wurde sehr schnell deutlich, wie gut sich die Strukturen der Dachverbände für ein solches Vorhaben nutzen lassen. Der Multiplikationsfaktor, der dadurch verursacht wird ist immens. Überlegen Sie sich, wenn nur zwei der führenden Dachverbände sich diesem Thema widmen würden, wie viele Menschen und wie viele Moscheen wären betroffen? Das ist ein unglaubliches Potential und hätte einen unheimlichen Effekt.

Hierbei habe ich mich wieder auf Gemeindemitglieder als Konsumenten und die Gemeinde als Anbieter von gerecht gehandelten Produkten bezogen, weil ich die Rolle der Dachverbände für ein flächendeckendes und effizientes Umsetzen eines Vorhabens innerhalb der muslimischen Gemeinde betonen wollte. Leider fehlt mir nämlich häufig genau hier die nötige Weitsicht. Was in der kleinen Gemeinde um die Ecke funktioniert, funktioniert auf der nächsthöheren Ebene nicht immer so leicht.

Lassen wir die Gemeinden mal außen vor, so glaube ich, dass sich Muslime stärker als Akteure des gerechten Handels einbringen könnten. Häufig sind die Labels und die Organisationen, die bisher gerecht gehandelte Produkte vertreiben, unter Muslimen umstritten. Mir fehlt es an Muslimen, die dort mitmischen und zum Beispiel eigene gerechte Produkte auf den Markt bringen. Ein positives Beispiel hierfür ist Atif Choudry, den ich letztes Jahr kennenlernen durfte. Unter dem Namen zaytoun vertreibt er gerecht gehandelte Produkte aus Palästina im Raum UK. Neben Oliven und Olivenöl, handelt er mit palästinensischen Gewürzmischungen und sichert den Bauern ein Fundament für ihre Selbstversorgung.

Islamische Zeitung: Wäre es nicht auch ein mögliches konkretes Projekt, gezielt ein Angebot solcher Wa­ren von muslimischen Produzenten zu schaffen?

Kübra Ercan: Die Frage greift in meine letzte Antwort mit ein. Es wäre als konkretes Projekt machbar und mit Sicherheit sinnvoll. Allerdings stellt sich für mich die Frage, ob ich als Muslim nicht verpflichtet bin, der ganzen Menschheit zu helfen und jeden mit der mir vorgeschrie­benen Gerechtigkeit zu behandeln. Es ist unumstritten, dass sehr viele Muslime von den Folgen der Weltwirtschaft betroffen sind. Zu nennen wäre hier beispielsweise die exzessive Textilindustrie in Bangladesch. Würde man hier anlehnend ein Projekt aufziehen, glaube ich, dass man nach innen und nach außen ein falsches Signal setzen würde.

Es ist verständlich, dass der Zugang und die Identifikation mit Menschen, mit denen wir ethnisch und im Glauben verbunden sind, leichter fällt. Dies ist aber für mich keine Legitimation, sich auf diese Menschen zu beschränken. Wie viele si­cherlich wissen, haben die ersten Muslime mit Nichtmuslimen auf beste Art und Weise gehandelt. Die Gerechtigkeit und Transparenz mit der Muslime im Handeln vorgingen, war unter anderem ein Grund dafür, weshalb sich der Islam in vielen Ländern auf eine solch positive Art und Weise etablieren konnte. Wo würden wir heute als Muslime stehen, wenn wir uns nur um Muslime gekümmert und auf sie konzentriert hätten?

Islamische Zeitung: Wo bestehen für euch die Bezugspunkte zwischen Fair­trade und Umweltschutz?

Kübra Ercan: Diese beiden Themen sind sehr stark miteinander verwandt. Der Begriff Umwelt impliziert auch Menschen, die mit uns durch kausale Zusammenhänge verbunden sind. Es ist vielleicht auf den ersten Blick nicht erkennbar, ich werde aber versuchen, diesen Zusammen­hang knapp darzustellen.

Unsere Handlungen haben eine unmittelbare und mittelbare Folge für die uns umgebende Welt. Durch die Emissionen und Verschmutzungen, die wir verursachen und Technologien, die wir nutzen, sind schon lange nicht mehr nur du und ich betroffen, sondern auch Inselbewohner im pazifischen Ozean, durch Dürre heimgesuchte Afrikaner, usw.

Die Welt verändert sich. Das können wir nicht verhindern, aber zu wissen, dass jemand in Afrika wegen dem Futtermitteln meiner Kühe, die ich speise, hungern muss, empfinde ich beispielsweise als Ungerechtigkeit.

Somit entspricht Umweltschutz auch Menschenschutz. Darüber hinaus ist bei Beurteilungen von gerechten Arbeits­verhältnissen die Frage zu klären, welchen belastenden Faktoren die Arbeiter ausgesetzt sind. Ein nicht-ökologischer Anbau impliziert die Nutzung von Pestiziden, Fungiziden, etc. In den Kampagnenbildern gegen Monsanto kann man sich anschauen, welche Folgen dieser Einsatz mit sich bringt. Da unsere Nachfrage den Markt bestimmt und wir durch den Kauf dieser Produkte auch diese Arbeitsverhältnisse fördern, ist hier ebenfalls eine Verwandtschaft zwischen dem gerechten Handel und dem ökologischen Handeln erkennbar.

Islamische Zeitung: Viele Muslime, die ehrenamtlich oder professionell Projekte anschieben und aufbauen, machen nicht selten die Erfahrung, wie schwierig es ist, andere zum Mitmachen zu bewegen…

Kübra Ercan: Wir sind ein ehrenamtlich arbeitender Verein, können uns aber über den Zulauf nicht sonderlich beschweren. Wir brauchen definitiv mehr Mitarbeiter, um unsere Arbeit schneller und besser voran zu bringen. Woran wir aber interessiert sind, ist ein gesundes und nachhaltiges Wachstum unseres Vereins. Ich finde es sehr wichtig, sich für die Menschen, die ins Team einsteigen, Zeit zu nehmen. Potentiale, Kompetenzen, Schwächen und Wünsche herauszufinden und die Mitarbeiter entsprechend einzusetzen. Das würde bei einem zu großen Zulauf schwieriger in der Realisierung werden.

Wenn es sich um lokale Projekte handelt, die eventuell sogar nur Tagesaktionen sind, finde ich es viel leichter, Menschen dazu zu bewegen, mitzumachen. Mit der nötigen Argumentation und etwas Überzeugungskraft ist es relativ leicht.

Dies kann eventuell daran liegen, dass Aktionen, die islamisch und grün sind, momentan etwas Exotisches und Erfrischendes darstellen, sodass Menschen es gerne ausprobieren. Wie sich dieses Interesse zukünftig entwickeln wird und ob wir neue Strategien anwenden müssen, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.

Islamische Zeitung: Liebe Kübra, vielen Dank für das Interview.

Webseite für Hima e.V.:
www.hima-umweltschutz.de

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