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Lästern und üble Nachrede: Das Fleisch des Anderen verzehren

Auf dem Niveau von Kannibalen: Reflexionen über die gefährliche Angewohnheit der üblen Nachrede

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Foto: Pixelio

(iz). Wir sitzen beieinander, essen Süßgebäck und trinken Tee. Eine ganz alltägliche Situation. Was leider auch alltäglich ist: Jemand beginnt über eine nicht anwesende Person zu sprechen. Er habe dies und jenes gemacht. Was anderes könne man auch nicht erwarten. Einer der Anwesenden sagt: „Unterlassen wir das. Er ist nicht hier. Lästern gehört sich nicht.“ Und dann kommt der Satz, der das Herz all derer, die eines besitzen, gefrieren lässt: „Ich sage doch nur, wie es ist. Ist es verboten, die Wahrheit zu sagen?“

Die Gefährten kommen zu Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, und berichten davon, dass eine Frau tagsüber fastet, ihre Nächte stehend im Gottesdienst verbringt und zusätzlich noch von ihrem Vermögen freiwillig spendet, jedoch: Sie fügt ihren Nachbarn mit ihrer Zunge (das heißt, durch Beleidigung oder üble Nachrede) Schaden zu. Die Antwort der Krone der Menschheit ist eindeutig: „An ihr ist nichts Gutes. Sie gehört zu den Bewohnern des Höllenfeuers.“ Dies ist bei Bukhari überliefert. Die üble Nachrede, das heißt, das Lästern, ist eine solch falsche Handlung, dass ihr Schaden nicht gemessen werden kann. Deshalb sagt Hasan Basri, ein Schüler Alis, möge Allah zufrieden mit ihm sein: „Wer auf seine Zunge nicht aufpasst, der hat den Islam nicht verstanden.“

Nun, wie ist das Lästern definiert? Wann liegt der Tatbestand des Lästerns vor? Der Geliebte Allahs fragte seine Gefährten: „Wisst ihr, was üble Nachrede ist?“ Ihre Antwort lautete: „Allah und Sein Gesandter wissen es besser.“ Sodann erklärte dieser: „Wenn du über deinen muslimischen Bruder (oder deine muslimische Schwester) etwas sagst, was diesem missfällt, so hast über ihn gelästert.“ Die Gefährten dachten mit und sagten: „Und was ist, wenn ich den Fehler, den ich ausspreche, an ihm sehe?“ „Dann“, sagte der Prophet, „hast du ihm übel nachgeredet, doch wenn ihm dieser Fehler nicht zu eigen ist, so hast du gelogen und bist ein Verleumder.“ Dies ist unter anderem bei Muslim und At-Tirmidhi überliefert.

Das bedeutet: Wenn jemand über einen Dritten etwas sagt, was diesem zuwider ist – ganz gleich, ob es stimmt oder nicht –, so hat er gelästert. Im Qur’an sagt der Allwissende dazu: „Oh ihr, die ihr glaubt! Vermeidet häufigen Argwohn; denn mancher Argwohn ist Sünde. Und spioniert nicht und führt keine üble Nachrede übereinander. Würde wohl einer von euch gerne das Fleisch seines toten Bruders essen?“ (Al-Hudschurat, 12) Das bedeutet, wer über andere Menschen lästert, der ist auf einer Stufe mit Kannibalen.

Der zeitgenössische Gelehrte, Schaikh Muhammed El-Konyevi, führt in seinem Buch „Cennet yolunun Rehberi“ (Wegweiser des Paradieses) aus, dass es vier Arten des Lästerns gibt: 1. Lästern, das einen zum Nichtmuslim macht. 2. Heuchlerisches Lästern. 3. Sündhaftes Lästern. 4. Erlaubtes Lästern.
Das Lästern, das einen zum Leugner des Islams macht, ist folgendes: Jemand lästert. Dieser Person wird gesagt, dass sie aufhören soll zu lästern, doch sie antwortet: „Ich lästere nicht, ich sage nur die Wahrheit.“ Diese Person verlässt den Zustand der Gottergebenheit, des Islam, denn sie erkennt etwas als erlaubt an, das der Allwissende für verboten erklärt hat. Es ist so, als ob diese Person sagen würde: „Das Gebet ist keine Pflicht, Lügen ist keine Sünde, Fasten ist keine Pflicht.“ Etwas, das verboten ist, für erlaubt zu erklären, ist gleichbedeutend damit, zu sagen (möge Allah uns davor bewahren): „Ich weiß es besser als Allah. Ich bin wissender als Allah. Allah ist fehlerhaft in seiner Weisheit.“ Dies widerspricht der islamischen Glaubenslehre und ist somit Ursache dafür, dass jemand zum Leugner des Islam wird. Er ist nicht mehr der göttlichen Weisheit ergeben.

Heuchlerisches Lästern ist es, wenn jemand übel von jemandem spricht, ohne seinen Namen zu erwähnen. Sündhaftes Lästern ist es, wenn jemand mit der Erwähnung des Namens übel von jemandem spricht. Erlaubt ist das Lästern über diejenigen, die offenkundig sündigen, das heißt, über solche, die sich nicht für ihre Handlung schämen, und über die Leute der Bi’da. Diese gehören zu einer der fünf Kategorien, die das „Lästern“ erlauben.

Dies ist gemäß Schaikh Muhammed El-Konyevi dann gestattet, wenn jemandem Leid zugefügt wird und dieser den zuständigen Instanzen davon berichten muss, um sein Recht zugesprochen zu bekommen oder, um einen muslimischen Bruder (oder eine Schwester) vor der Boshaftigkeit eines Dritten zu bewahren. So ist es gestattet über diese Boshaftigkeit zu sprechen. Zudem ist das „Lästern“ erlaubt, um eine Fatwa bezüglich eines Themas einzuholen; um Hilfe zu erbitten; um einen, der Schlechtigkeiten verfallen ist, wieder aufzuhelfen; und wenn man jemanden bei dem Namen nennt, für den er bekannt ist. Beispielsweise ist jemand bekannt für seine Locken. So ist es gestattet, zu sagen: „Kennst du den und den…? Den mit dem Lockenkopf?“

Nun wissen wir, dass es vier Arten des Lästerns gibt und wann es erlaubt ist, über jemand Drittes zu sprechen. Doch warum lästern Menschen überhaupt? Schaikh Muhammed El–Konyevi sagt, dass es viele Gründe dafür gibt, und zählt sechs von ihnen auf: 1. Um Hass loszuwerden, reden manche schlecht über andere. Sie meinen, sie würden sich vom Hass im Herzen befreien, wenn sie das, was sie stört, aussprechen. 2. Um den Freunden nicht zu missfallen. Wenn die Freunde lästern, so wagt man es weder, ihre Gesellschaft zu verlassen, noch ihnen zu sagen, dass das, was sie gerade tun, hässlich ist. Man fürchtet, dass es sie kränken könnte und dass sie sich von einem distanzieren könnten. 3. Eine sehr häufige Ursache ist es, sich selbst erhöhen zu wollen. Das heißt, jemand sucht erst nach Fehlern eines anderen und spricht dann über diese, um selbst besser dazustehen. 4. Aus Neid. 5. Um sich zu vergnügen. 6. Um jemanden zu erniedrigen und sich über diese Person lustig zu machen.

All diese Gründe entspringen einem schlechten Charakter. Ein islamisches Sprichwort besagt: Während das Gebet fünf Mal täglich Pflicht ist, ist ein guter Charakter 24 Stunden am Tag Pflicht. Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, wurde nach Jesus aus einem Grund gesandt: „Ich wurde nur gesandt, (um das Wissen) um den guten Charakter vollkommen zu machen.“ Wer sich zur Gottergebenheit bekennt, muss wissen, was es bedeutet, gottergeben zu sein. Gottergebenheit ist der Versuch, seinen Charakter zu bessern. „Charakter ist das, was jemand regelmäßig tut“, so Muhammed El-Konyevi.

Es gibt Menschen, die sagen, dass es nicht möglich sei, sich zu ändern. Diese Menschen widersprechen mit dieser Aussage der Weisheit des letzten Propheten, der sagte: „Ich verbürge mich für ein Haus im Paradies jenem, der sich des Streits enthält, selbst wenn er im Recht ist, und für ein Haus in der Mitte des Paradieses dem, der sich der Lüge enthält, selbst wenn es Spaß ist, und für ein Haus am höchsten Platz des Paradieses dem, der seine Wesensart bessert.“ Wäre es nicht möglich, seinen Charakter zu bessern, so würde der Prophet diese Möglichkeit nicht erwähnen. Es ist durchaus möglich. Der freie Wille ist wie ein Schwert. Wenn du deine Triebe und Neigungen nicht mit ihm durchbohrst, so werden deine Triebe und Neigungen dich durchbohren. Dies ist deshalb wichtig zu wissen, weil die Zunge dazu neigt, unnützes und gehaltloses Gerede von sich zu geben, um nur nicht die Wirkung der Stile ertragen zu müssen. Wenn es still ist, wird der Mensch mit sich konfrontiert. Er muss sich seiner selbst stellen und das ertragen Menschen von schlechter Gesinnung nicht. Es kostet Mut. Sich von der Angewohnheit des Lästerns zu befreien ist kein Leichtes, doch es ist möglich – vorrangig mit Wissen! Wer Wissen über die Übel des Lästerns hat, wird es unterlassen.

Wer weiß beispielsweise, dass jemand, der lästert, gute Taten von seinem Konto auf das Konto desjenigen überweist, über den er lästert?

Aus diesem Grund hat Hasan Basri ein Tablett mit Obst an jemanden geschickt, der über ihn lästerte. Er legte einen Brief bei, auf den er Folgendes schrieb: „So wie ich gehört habe, haben Sie mir Ihre guten Taten geschenkt. Haben Sie bitte Nachsehen mit uns, da unser Geschenk nichts im Vergleich zu Ihrem Geschenk ist.“ Es geht sogar so weit, dass jemand, der keine guten Taten aufzuweisen hat, sich die schlechten Taten desjenigen anhäuft, über den er lästert. Gelästert wird zumeist über Personen, die einem nicht sonderlich sympathisch sind – es ist somit die größte Dummheit, gerade dieser Person solch wertvolle Geschenke zukommen zu lassen. Es hat guten Grund, dass der Prophet sagte: „Wer schweigt, wird gerettet.“ Auf die Frage: „Was fürchtest du am meisten für mich?“ Hielt der Prophet seine Zunge und sagte: „Dies!“

Ein weiteres Mittel dazu, sich von der Angewohnheit des Lästerns zu befreien, ist es, an seine eigenen Fehler zu denken, wenn man im Begriff ist, über jemand anderen zu reden. Schaikh Muhammed El-Konyevi sagt: „Wer an seine eigenen Fehler denkt, während er über die Fehler anderer sprechen möchte, unterlässt es. Wenn er bei sich keine Fehler findet, so muss er wissen: Es gibt keinen größeren Fehler als diesen.“ Dies bedeutet: Sich selbst fehlerlos zu wähnen ist der größte aller Fehler.

Ein weiteres Problem sind in der heutigen Zeit die falschen Beschäftigungsfelder. Ja, es ist eine regelrechte Kunst, zu wissen, womit man sich beschäftigen sollte. Aus diesem Grund sagen die Gelehrten: Wer wissen möchte, welchen Wert er bei Allah hat, soll darauf schauen, womit er beschäftigt ist. Mit unnützen Dingen beschäftigt zu sein ist ein Anzeichen dafür, Allah fern zu sein.

Imam Al-Ghazali sagte, dass die Gefährten damit ihre Zeit verbrachten, entweder etwas für ihr Diesseits oder für ihr Jenseits zu tun. Mit nichts anderem. Das heißt: Sie waren entweder mit einem direkten Gottesdienst beschäftigt oder mit einem indirekten: Solche Gottesdienste sind all jene Handlungen, die dem Frieden und dem Wohl der Menschheit dienen und mit der Absicht verrichtet werden, Allah zu gefallen. Allah liebt dasjenige seiner Geschöpfe am meisten, das sich für das Wohl seiner anderen Geschöpfe am stärksten einsetzt.

Die Ehre der Osmanen kam nur dadurch. Der geistige Vater des Osmanischen Reiches, Schaikh Edebali sagte zu Osman Gazi: „Wenn sich der Mensch erst einmal hinsetzt, ist es ihm kein Leichtes, wieder aufzustehen. Wenn sich jemand nicht bewegt, wird er träge. Wenn er träge wird, fängt er an, leere Worte zu sprechen, die leeren Worte wandeln sich ins Lästern. Und wenn das Lästern beginnt, bessert ihn auch das Gute nicht mehr. Der Freund wird zum Feind und der Feind zum Raubtier.“

Damit der Feind nicht zum Raubtier wird, damit der Freund nicht zum Feind wird, damit man nicht taub für die Wahrheit wird, damit sich Gespräche nicht ins Lästern und in leere Worte wandeln, muss der Mensch seine Trägheit überwinden und etwas leisten. Die Menschen sprechen oft über die Dinge, die sie tun. Wenn nun jemand nichts tut, worüber soll er dann sprechen? Er kann lediglich das kommentieren, was andere tun.

Aus diesem Grund sagt Schaikh Mevlana Rumi: „Wer klug ist, nützt sich selber und nützt zugleich uns allen.“ Das heißt: Dadurch, dass ich fleißig bin, kann ich andere inspirieren, fleißig zu sein. Sagte doch auch Goethe: „Ein edles Beispiel macht die schweren Taten leicht.“ Wer sich selbst geholfen hat, oder metaphorisch gesprochen: Wer die Kraft erlangt hat, aufzustehen, der kann anderen die Hand reichen und ihnen helfen, aufzustehen. Wer dieses Ziel nicht hat, muss sich ernsthaft die Frage stellen, ob er Muslim sein möchte oder nicht.

Der Mensch ist immer mit etwas beschäftigt, doch jemand, der sich nicht bewusst entscheidet, dessen Beschäftigung wird ihm von seinem Nafs zugewiesen. Seine Triebe und seine Neigungen nehmen ihm die Entscheidung ab. Mündig ist jedoch nur der zu nennen, der sich bewusst einer Richtung zuwendet. Dies ist die Bedeutung der Worte Imam Schafiʼis: „Wer sein Nafs nicht mit guten Dingen beschäftigt, wird vom Nafs mit schlechten Dingen beschäftigt.“

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Ahmet Aydin

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