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Lahore: Ein Hintergrundbericht zum jüngsten Selbstmordattentat auf das Grab von Schaikh Al-Hudschwiri. Von Hamid Khan

Der unreflektierte Terror

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Über was berichtet wird, bestimmt fraglos unser Weltbild und die Priorität aktueller Themen. Dies gilt auch für Muslime. Welche Dramen Emotionen erzeugen und welche menschlichen Tragödien ignoriert werden, wird auch hier durch die Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie bestimmt.

Es stellt sich die Frage, warum die gewaltsame (und vorhersagbare) Erstürmung des Gaza-Konvois wochenlang die Gemüter erregte, der von extremistischen Verbrechern an Muslimen begangene Terror hingegen kaum. Während in den hiesigen Gesellschaften häufig die Gefahr des Terrors beschworen wird und als Argument für tiefgreifende Veränderungen herhalten muss, wird übersehen, dass laut Erhebungen die absolute Mehrheit aller Opfer des vermeintlichen “muslimischen Terrors” Muslime selbst sind.

Ob es sich um die Zerstörung von Gräbern im Jemen oder Somalia, Angriffe auf Versammlungen des Gottesgedenkens (Dhikr) im Kaukasus oder um die Einschüchterung aufrechter Imame und Gelehrter in Afghanistan oder Pakistan handelt, der Hass auf alles (auch wenn es in Einklang mit der islamischen Tradition steht), was den Extremisten nicht in ihre Weltbild passt, wird manifestiert. Anlässlich des blutigen Selbstmordanschlags vom Freitag, den 2. Juli, auf das Grab eines berühmten Sufi-Gelehrten im pakistanischen Lahore dokumentieren wir den Bericht des pakistanischen Autors Hamid Khan, der augenblicklich in Lahore ist.

(iz). David Trimble sagte einmal: “Der dunkle Schatten, den wir in der Entfernung sehen können, ist kein vor uns liegender Berg, sondern der Schatten des vor uns liegenden Berges. Ein Schatten aus der Vergangenheit, der nach vorne in unsere Gegenwart geworfen wurde. Es handelt sich um einen dunklen Schlamm des historischen Sektierertums. Wir können ihn hinter uns lassen, wenn wir das wollen.”

Mit dem Satz, dass eine Veränderung möglich sei, bezog sich Trimble auf die Anstrengungen zum Friedensprozess in Nordirland in der neuzeitlichen Geschichte. Aber ist dieses Stück Weisheit eine passende Zusammenfassung dessen, was Pakistan in der jüngsten Zeit beunruhigt? Ist sie überhaupt anzuwenden?

Was als der größte Angriff auf ein Sufi-Grab seit Beginn des Terrors im Jahre 2001 beschrieben wird, das Blutbad, das in Data Darba in Lahore stattfand, hat die Notwendigkeit nach mehr Sicherheit noch erhöht. An den Gräbern, innerhalb der Stadt und im ganzen Land. Auch wenn sich – bisher – keine Person oder Gruppe zu der Attacke bekannt hatte, darf vermutet werden, dass dieser Angriff für einen anhaltenden Trend seitens der Militanten steht, andere muslimische Gruppen zu attackieren. Lässt sich das obige Denkmuster aus dem Zitat von Mr. Trimble auf eine “sektiererische” Frage anwenden? Diese wird von Militanten zu dem einzigen Zweck fortgeführt und angeheizt, um staatliche Strukturen zu zerstören und, damit verwoben, eine unüberwindbare Unsicherheit – den Zustand der Furcht – zu schaffen.

Am Freitag, den 2. Juli 2010, wurden 42 Menschen bei einem Selbstmordattentat getötet, dass sowohl tödlich, als auch genau geplant war. Wie konnte, trotz der letzten, verschärften Sicherheitslage in Lahore eine solche Grausamkeit stattfinden? Der erste Selbstmordattentäter schlug in einem unterirdischen Bereich zu, in dem die Besucher ausruhen und sich für das Gebet reinigen können. Der zweite, kurz nach dem ersten, oberirdisch und nahe der angeschlossenen Moschee. Beide benutzten zusätzlich Metallkugeln, um die Wirkung der Explosion noch zu erhöhen.

An wen oder an was soll soll sich die Zivilbevölkerung wenden? Wer trägt die Schuld? Ist es der Staat, das heißt, das Innenministerium? Oder liegt es an den Bemühungen der Armee, die Militanz im Nordwesten auszurotten, was nun zu tödlichen Nachwirkungen in anderen Teilen des Landes führt? Oder liegt es an der US-Anwesenheit, und den negativen Folgen ihrer Politik, in Afghanistan, die allgemein als Ursache hinter dem jüngsten Anstieg der Bombenanschläge in ganz Pakistan angesehen wird? Die Angriffe sollen, nach Ansicht einiger Korrespondenten, mit Sicherheit dafür gedacht sein, die anti-amerikanische Stimmung anzuheizen, die bereits jetzt in Pakistan vorherrschend ist.

Es wird auch vermutet, dass Fraktionen innerhalb des indischen Auslandsgeheimdienstes (RAW), Research & Analysis Wing, anfänglich einen Plan befürwortet haben, der Spannungen zwischen den dominanten religiösen Gruppen Pakistans steigern sollte, um Misstrauen und – in Folge – Instabilität zu erzeugen. Jene Elemente werden auch verdächtigt, die chinesische Xinkiang auf die gleiche Art und Weite zu beeinflussen. Aber was oder wer steht hinter den Anschlägen? Handelt es sich dabei um extremistische Militanz oder um den Akt seitens ausländischer Agenten oder Elemente, der den jetzigen Zustand Pakistans ausnutzen möchte, um verdeckte Ziele zu erreichen?

Salim Raza, dessen Verantwortung es an diesem Tag war, mit einem Scanner versehen, das Eingangstor des Data Darbars zu bewachen. Er beobachtete dabei einen verdächtig aussehenden Mann, dessen Bekleidung ihn als typischen “Sunniten” [Anhänger des Mehrheitsislams] oder, genauer gesagt, als Anhänger von Dawat-e-Islami auswies. Dabei handelt es sich um eine spirituelle, sunnitische Organisation, die sich am Weg des Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, orientiert. Der Mann, den Salim sah, trug einen grünen Turban, weiße Kleidung, einen Schal und eine Tasche bei sich. Salim verfolgte ihn, aber bevor er ihn erreichen konnte, zündete der Attentäter unglücklicherweise schon seinen Sprengstoff.

Der Sprecher der pakistanischen Taliban (Tehrik-i-Taliban Pakstan), Azam Tariq, sagte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP an einem unbekannten Ort, dass die Angriffe ausländischer Verursacher hätten und dass die Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP) keine öffentlichen Orte angreifen. Ihr Ziel seien vielmehr Armee, Polizei und andere staatlichen Kräfte. Im Namen der TTP verurteilte er die Angriffe, während verlautbarte, was die Ziele der TTP seien.

Tariq Rahman schrieb in seinem Essay “Pluralism and Intolerance in Pakistani Society”, dass “Pluralismus nicht ausschließlich in einer bloßen Vielfalt besteht. Eine vielfältige Gesellschaft von gegenseitig widerstreitenden Gruppen kann eine tickende Zeitbombe sein. Ihre polarisierenden Fraktionen können sich derart hassen, dass die Gesellschaft früher oder später in einem Kleinkrieg oder einem offenen Bürgerkrieg auseinander bricht.”

Obwohl dies wie eine extreme Darstellung der düsteren Ergebnisse von Intoleranz scheinen mag, drängt der gesellschaftliche Pluralismus – oder Parteigeist – der Gesellschaft in Ereignissen wie denen vom letzten Freitag an die Oberfläche. Gibt es wirklich eine solche “Intoleranz” im Land? Oder werden jene, die kaum dazu in der Lage, die Unterschiede anderer zu verstehen, von Zeit zu Zeit daran erinnert, dass solche Unterschiede bestehen?

Der Zerfall des Moghul-Sultanats und als Ergebnis die folgende koloniale Herrschaft haben viel dazu beigetragen, Angst, Frustration und Enttäuschung unter den Muslimen des Subkontinents hervorzurufen. Einige, wie Syed Ahmed aus Rae Bareilly (1786-1831), leisteten Widerstand, aber mussten sich geschlagen geben. Manche, wie Sir Syed Ahmed Khan (1817-1898), lernten Englisch machten sich zu Juniorpartnern im kolonialen System – und in der Ausübung von Macht.

Andere hingegen suchten die Schuld für den Verlust an Macht und Prestige bei sich selbst. Sie versuchten, den Islam zu reinigen, indem sie sich neuen Ideologien – und Ideologen – anschlossen. Und so gründeten sie Gruppen – oder Sekten. Sind wir in der Lage, die Quelle der heutigen Probleme zu bestimmen, denen wir uns gegenüber sehen, indem wir retrospektiv über die Vergangenheit nachdenken?

Abu'l-Hassan Ali Hudschwri oder Data Sahib, der große Sufi, der in Data Darba begraben wurde, wurde um das Jahr 990 christlicher Zeitrechnung im afghanischen Ghazni geboren. Er war bekannt für seinen wesentlichen Beitrag zur Verbreitung des Islams auf dem Subkontinent. Er starb 1077 in Lahore.

Seine Abhandlung über die Wissenschaft des Sufismus (Tasawwuf) ist ein Schlüsseltext innerhalb dieses Wissenszweiges. Es beleuchtet die Methoden der früheren Sufis. Mit dem Namen “Kaschf Al-Mahdschub”, oder “Die Enthüllung des Verborgenen” trägt es einen passenden Titel für ein Buch, das sich mit solchen Fragen beschäftigt.

Und so ist man angesichts dessen gezwungen zu fragen, ob wir auch eine Enthüllung darüber erleben werden, wer für die unglückseligen Ereignisse vom letzten Freitag verantwortlich war.

Hinweis auf einen weiterführenden Artikel:
Das Übel des Takfirs oder “Die Gefahr der Ignoranz”

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