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Lassen sich aus den Brandanschlägen der letzten Wochen Bedeutungen für die muslimische Gemeinschaft ableiten? Überlegungen von Sulaiman Wilms

Bloße Empörung hilft hier nicht

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(iz). Nach einer Brandstiftung durch Unbekannte auf eine Bielefelder Moscheegemeinde am 11. August kam es am Morgen vom 18. August zu einem weiteren Anschlagversuch auf eine andere Lokalität. Laut Berichten sollen sich ein oder mehrere unbekannte Täter in den Morgenstunden gewaltsam Zutritt zum Islamischen Kulturverein in der Herforder Straße verschafft haben, nachdem sie Überwachungskameras manipulierten. Im Inneren des Gebetsraumes stapelten sie mehrere Bücher, darunter auch Exemplare des Qur’an, aufeinander und setzten sie in Brand.

Die Untersuchungskommission, die bereits mit dem Brandanschlag vom 11. August betraut wurde, hat auch hierzu ihre Ermittlungen aufgenommen. Laut Berichten entstand „nur geringer Sachschaden“. Nach Ansicht der Polizei könne eine „politisch motivierte Tat“ nicht ausgeschlossen werden. Sie rief potenzielle Zeugen dazu auf, bei den Ermittlungen zu helfen.

Vor Kurzem kam es bereits in zwei weiteren Orten zu versuchten oder tatsächlichen Brandstiftungen auf muslimische Einrichtungen in Deutschland. Der gravierendste Fall war eine vermutete Brandstiftung auf den noch unfertigen Neubau der Mevlana-Moschee im Berliner Stadtteil. Als Reaktion darauf organisierte die Gemeinde am 15. August ein öffentliches Freitagsgebet vor der Baustelle.

Obwohl derzeit gerade in sozialen Netzwerken unter Muslimen vor allem Empörung und Befürchtungen dominieren, sollten diese – menschlich verständlichen – Reaktionen keine Antwort auf solche Vorfälle sein. Zumal in keinem der bisherigen Fälle Anhaltspunkte auf Herkunft oder Motivation der mutmaßlichen Täter vorliegen. Ob es sich dabei um Muslim- oder Fremdenfeindlichkeit, politische Rivalitäten, Aktionen von Gruppen wie der PKK oder individuelle Geisteskranke handelt, steht bisher noch gar nicht fest. Es darf nicht vergessen werden, dass vor einiger Zeit ein geistig verwirrter „Migrant“ für Brandanschläge verantwortlich war.

Aus diesem Grund sind auch überzeichnete historische Vergleiche fehl am Platze, die zu Irritationen führen dürften. Wenn überhaupt haben sie nur die Funktion, eine Opferhaltung unter einem Teil der deutschen Muslime zu zementieren. Das kann aber in keinem Fall ein zielführender Weg sein. Aus ihr entsteht niemals aktive Handlung, sondern Ressentiment.

//2l//Anstatt in das reflexhafte Verhalten der letzten Jahre zu verfallen, sind wir Muslime gefordert, hinter solchen Ereignissen nach ihren Bedeutungen zu fordern. Wir haben die Pflicht, unsere eigenen öffentlichen Stimmen zu stärken, anstatt uns nur über vermeintliche oder tatsächliche „Medienhetze“ zu beschweren. Gerade in der Bundeshauptstadt brauchen wir eine ständige Vertretung, die sich bei Öffentlichkeit und Multiplikatoren für unsere Belange einsetzt. Bisher war bei den koordinierenden Gremien kein Wille erkennbar, eine solche zu schaffen.

Tiefergehend, und damit schwerer aufzulösen, ist die bisherige Weigerung, solche und vergleichbare Vorgänge in Verbindung zu den eigenen Zuständen zu bringen. Es ist verblüffend, dass Einzelne und die Moscheegemeinden in der Einschätzung der gesellschaftlichen Krisenlage glauben, dass Ignoranz gegenüber wichtigen Grundfragen folgenlos bliebe. Dazu gehören unter anderem: die nicht mehr lokale Einsammlung und Verteilung von Zakat, der nicht existierende Sinnzusammenhang zwischen Moschee und sozialem Leben, die ethnische Abgrenzung der Moschee gegenüber Mehrheitsgesellschaft und anderen Muslimen sowie die mangelhafte oder gar fehlende Einladung zum Islam nach außen hin.

Jenseits dieser „Breaking News“ bestehen wichtige Herausforderungen. Wir müssen uns ernsthaft fragen, warum wir das Gefühl haben, zu wenige Menschen in diesem Land seien uns solidarisch gesinnt. Haben wir ausreichend dafür Sorge getragen, wie unsere oft ethnisch monochromen Vereine auf die Umwelt wirken? Sind unsere Moscheen offen und einladend genug? Wie wirkt es, wenn Organisationen der Community jahrzehntelang quasi als inoffizielle Vertretung eines ausländischen Staates agieren beziehungsweise wie exterritoriale Zonen erscheinen?

//3// Foto: Twitter@aimanmazyek

Auch die muslimischen Verbände sollten sich Fragen stellen. Reicht es ihrer Meinung nach wirklich, die Rituale der Empörung zu vervielfältigen und Presseerklärungen zu veröffentlichen? Es kann sicherlich nicht genügen, die längst überkommende politische Symbolsprache für sich zu beanspruchen und sich kurz für Fotos bei den betroffenen Gemeinden einzufinden. Als einzige, die derzeit und der Lage sein könnten, muslimische Ressourcen und Know-how zu bündeln, stehen die bundesweit agierenden Strukturen der Selbstorganisation, namentlich ihr Koordinationsgremium, in der Pflicht, hier als wirksame Schnittstelle zwischen Muslimen, Gesellschaft, Medien und Politik zu fungieren. Dem vorgeschaltet braucht es Erkenntnis über die hiesigen Herausforderungen und Probleme, die sich für Muslime in diesem Land ergeben.

Solange die Ursachen und Motive der unbekannten Täter in Bielefeld, Berlin und anderswo geklärt werden, sind plakative Forderungen an Gesellschaft und Politik nur mäßig hilfreich. Sollte sich aber herausstellen, dass es sich hier um antiislamische und antimuslimische Ressentiments handelte, dann ist die Politik selbstverständlich gefordert, eindeutig zu dem Problem Stellung zu beziehen. Dazu gehören: ein stärkeres staatliches Vorgehen, die Definition der Muslimfeindlichkeit als „Hassverbrechen“ sowie erkennbare Solidarität mit den Muslimen des Landes.

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Sulaiman Wilms

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