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Leben mit Goethe

Über Katharina Mommsen, Erbauerin von Brücken. Von Khalil Breuer, Berlin

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(iz). Man muss sein Thema lieben, um etwas wirklich zu vermitteln“, diesen Grund­satz des berühmten Dichters Goethe verkörpert Prof. Dr. Katharina Mommsen wie kaum eine Andere. Die Gelehrte, 1925 in Berlin geboren, lebt heute als Professor emerita für Literatur der Stanford University in Kalifornien. Ihre Vorliebe für die deutsche Klassik lässt sie noch immer nicht zur Ruhe kommen. Die Professorin gilt nach wie vor als eine der wichtigsten Goethe-Kennerinen dieser Zeit. Trotz ihrer jahrelangen Lehrtätigkeit in den USA bemängelt sie allerdings die fehlende Wirkung Goethes in Amerika. Mit einem Dichter, den man wirklich ehre, so Mommsen, müssen man leben „nicht nur am Sonntag, sondern auch am Montag und allen anderen Tagen in der Woche“.

Mommsen lebt schon lange mit „ihrem“ facettenreichen Dichter. An Goethe schätzt sie nicht nur seine große Bedeutung für die Weltliteratur, sondern auch seine Weltoffenheit. Der Dichter, der selbst nicht ablehnte, „ein Muselmann zu sein“, zieht sie immer wieder in den Bann. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Mommsen insbesondere mit dem erstaunlichen Einfluss des Islam auf Goethes Leben und Werk. Goethes Bewunderung gegenüber dem Islam wurde durch das Werk der Berliner Professorin für ein großes Publikum zugänglich. Für Mommsen ist Goethe der visionäre Brückenbauer, der schon früh die globale Bedeutung des Islam erkannte. Die Autorin des wegweisenden Buches „Goethe und der Islam“ referiert nun schon seit Jahrzehnten über „Goethe als Wegbereiter von Dialogen mit der islamischen Welt“. Ihre Botschaft ist heute wieder hochaktuell. Goethes Vorbildfunktion ist dabei nach wie vor gültig. Goethe, so Mommsen, habe sich wissensdurstig der islamischen Welt und ihrer Offenbarung genähert und sei ein Vorbild für den unbefangenen Umgang mit einer Weltreligion in schwieriger Zeit. Zu Goethes Lebzeiten waren positive Äußerungen gegenüber dem Islam in Europa nicht nur hochbrisant, sondern auch mutig. Schon 1826 stellt Goethe in einer „Faust“-Handschrift für sich fest: „Wer sich selbst und andere kennt wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“

Mommsen kritisiert immer wieder den oft überheblichen wie oberflächlichlichen Umgang mit der islamischen Welt und regt immer wieder an, junge Leute auch zum eigenen Lesen islamischer Texte und Überlieferungen aufzufordern. „Nur so“, mahnte Mommsen, „können junge Leute verstehen, dass die westliche Zivilisation entscheidend vom Islam geprägt wurde“. Mommsen erinnerte an die vergessenen Schlüsseltexte zum Verständnis der islamischen Welt aus westlicher Sicht, wie den Text über die Araber von Alexander von Humboldt in seinem „Kosmos“. Sie vermisst heute in den Schulen und Universitäten das gründliche Studium der Weltreligion.

Goethes Maxime und Weltanschauung sei, so Mommsen, von „Respekt vor dem Islam“ und dem Erkennen der „Einheit“, sowie von tiefem „Freisinn“ gekennzeichnet. Sein „Ost-westlicher Divan“ ist eine berühmt gewordene Liebeserklärung an den Propheten. Die Muslime lernte der Dichter bei einigen Begegnungen zu schätzen. Goethe habe zum Beispiel den Freiheitswillen der kaukasischen Völker bewundert, die heute – so Mommsen kritisch – in ihrem alten Streben nach Unabhängigkeit und Freiheit von der westlichen Welt im Stich gelassen werden.

Für Mommsen ist Goethe bis heute der große Brückenbauer zwischen Ost und West. Sie kann nachvollziehen, dass der Denker Goethe, zum Beispiel auch in „Dichtung und Wahrheit“, schon lange vor dem „West-Östlichen Divan“, sich gedanklich in den Orient flüchtete und sich dort zeitweise mehr zu Hause gefühlt hat als in seiner eigenen Umgebung. Wie viele andere große Deutsche suchte er im Osten eine Heimat für sein Herz. Intellektuell war Goethe die islamische Lehre der Einheit nahe, hat er doch die Trinitätslehre des Christentums brüsk zurückgewiesen.

Ihre persönlichen Einsichten in das einmalige Werk Goethes teilt sie auf zahlreichen Vortragsreisen – auch in viele islamische Länder – einem staunenden Publikum mit. An ihre vergangenen Reisen in den arabischen Raum erinnert sie sich besonders gerne. Ihre erste Reise ging nach Ägypten, ein Land das sie verzauberte und wo sie sich wie in „1001 Nacht“ fühlte. Auch Syrien hat ihr gefallen, vor allem Aleppo und in Damaskus die Umaijaden-Moschee und der Umaijaden-Palast. In Syrien und Jordanien beeindruckte sie die Gastfreundschaft. Die Liebe zur Poesie hat sie in all diesen Ländern gespürt. Selbst Beduinen in arabischen Ländern – so Mommsen – kannten Dichter wie Hatim Tai, Geschichten wie die von Madschnun und Laila.

Heute stören sie die Vorurteile gegenüber den Muslimen. In Amerika, ihrer Wahlheimat, hat sie schnell eine Position gegen den Irakkrieg eingenommen. Hierfür wurde sie hart kritisiert. Nach dem Angriff auf den Irak, den sie nicht als legitimiert empfand, war sie so verzweifelt, dass sie das Land verlassen wollte. Hin und wieder wurde sie auch wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber der amerikanischen Außenpolitik als „Landesverräterin“ beschimpft. Diese Vorwürfe taten der Lehrerin, die den amerikanischen Freiheitswillen immer schätzte, weh. Mittlerweile hat sich die Stimmung gedreht. Viele Amerikaner haben nun auch das Gefühl, betrogen worden zu sein.

Neben diversen Film- und Buchprojekten hat Mommsen eine Stiftung ins Leben gerufen. In Zusammenarbeit mit der Weimarer Stiftung der Klassik will sie mit ihren wertvollen Beiträgen nachhaltig das Denken um das Werk Goethes inspirieren.

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