IZ News Ticker

Leben zwischen Drinnen und Draußen

Balkone werden in der Corona-Krise zu wichtigen Lebensorten

Werbung

Foto: Freepik.com

Auf Balkonen präsentierten sich Könige und Päpste, aber auch Deutsche Meister. Oben und Unten sind klar zugeordnet. In der Moderne wurde der Balkon aber auch zu einem Ort der Entspannung – nicht nur für Herrschende. Von Christoph Arens

Bonn (KNA). Nie war er so wertvoll wie heute. Wer in Corona-Zeiten über einen Balkon verfügt, ist fein raus. Frische Luft, Urlaubsgefühle, ein Grill und vielleicht sogar ein paar Pflanzen, die mitten in der Stadt ein wenig Naturnähe andeuten – und das alles bekommt man, ohne das Haus verlassen zu müssen. Balkonien als Urlaubsland-Ersatz.

Zugleich ist der soziale Stellenwert der Balkone noch gewachsen: Sie sind Orte der Geselligkeit und der Nachbarschaftskontakte geworden. Oder zur Bühne umfunktioniert: Künstler musizieren in luftiger Höhe und sorgen für Ablenkung und gute Laune gegen die Virus-Depression. Bürger singen gemeinsam von Balkonen aus, klatschen und bedanken sich damit bei Pflegekräften und Ärzten. Und ein Plausch von Balkon zu Balkon ist risikolos.

Balkone gibt es schon seit mehreren tausend Jahren. Sie sind mal architektonischer Schmuck, mal Machtsymbol, Refugium und Freizeitraum: Ihre Rolle und Funktion haben sich ständig gewandelt. Schon altrömische Wandmalereien bezeugen, dass an Bauten der Römischen Kaiserzeit überdachte Balkone üblich waren – als Zeichen politischer und wirtschaftlicher Macht und nicht zuletzt als Ort, an dem der Besitzer weit ausladender Latifundien seinen Herrschaftsanspruch repräsentativ geltend machte.

In Indien nutzte man überdachte Holzbalkone mit kunstvoll gestalteten Gitterkonstruktionen, die Schutz vor der heißen Sonne boten. Im arabischen Raum ermöglichten die geschnitzten Gitterbalkone den Frauen eine Öffnung zur Welt, weil sie unbeobachtet dem Leben draußen zusehen konnten. Die Türken brachten diese Balkone dann seit dem 15. Jahrhundert auch in die Küstenländer des Mittelmeeres.

Vor allem in Italien zierten sie ab dem 16. Jahrhundert Balkone die Adelspalazzi – allerdings zunächst vor allem als repräsentatives Element der Fassadengliederung herrschaftlicher Bauwerke. Seit dem 19. Jahrhundert sind Balkone auch im einfachen Volk populär, eine Massenerscheinung, ein zusätzlicher Lebensraum in luftiger Höhe, und auch ein Gartenersatz in den großen Städten.

Balkone verwischen Grenzen und sind Scharniere: zwischen den eigenen vier Wänden und dem öffentlichen Raum, zwischen Drinnen und Draußen, Natur und Privatem. Bepflanzt wie ein Garten oder möbliert wie ein Zimmer, bieten sie zusätzliche Optionen. Balkone überschreiten den Grundriss des Hauses, erlauben den Bewohnern aber dennoch, ganz bei sich zu sein. Sie machen es möglich, das tägliche Schauspiel auf der Straße zu verfolgen, fernzusehen gewissermaßen, aber auch, sich selbst zu zeigen.

Lange wurden Balkone wegen ihrer repräsentativen Bedeutung zur Straße hin gebaut. Je stärker der Freizeitaspekt in den Vordergrund trat, desto mehr wurden sie zum ruhigeren Innenhof ausgerichtet.

The following two tabs change content below.
Avatar

Christoph Arens

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen