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Leben zwischen Politik und ­Religion

Thomas Mann als ein Suchender zwischen ­geschichtlicher Erfahrung und religiöser Offenbarung. Von Abu Bakr Rieger

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Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R15883 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0

(iz). Es ist eine deutsche Familiengeschichte, „Die Buddenbrooks“, die Thomas Mann weltberühmt macht. Die Beschreibung des Aufstiegs und Verfalls einer Lübecker Kaufmannsfamilie wurde zum ersten deutschen Gesellschaftsroman mit Weltgeltung. Thomas Mann erhielt 1929 für die Buddenbrooks den Literaturnobelpreis. In dem Werk verarbeitet der Schriftsteller seine eigenen Erfahrungen als Sohn eines Kaufmannes und die Erlebnisse in der von Handel geprägten Hansestadt Lübeck. Tho­mas Mann spürt den epochalen Veränderungen seiner Zeit nach, dem Unter­gang bürgerlicher Traditionen, die Veränderung der Konventionen und den dramatischen Entwicklungen im politischen Deutschland. Die Epoche der deutschen Kaiser, der erste Weltkrieg, die Weimarer Republik und schließlich die Schreckensherrschaft der Nazis prägten sein Leben und sein Schaffen.

Es ist wenig überraschend, dass der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer in seiner 1.000-seitigen Publikation „Was ist Deutsch?“ gerade Thomas Mann breiten Raum einräumt. Mann ist nicht nur der große deutsche Schriftsteller, er steht auch für eine deutsche Identität, die sich kreativ und offen mit der Welt auseinandersetzt und eine Reduzierung auf die eigene deutsche Identität als „undeutsch“ empfindet. 1945, nach den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs, schreibt Mann in einer Betrachtung über Deutschland und die Deutschen: „Die Deutschen ließen sich verführen, auf ihren angeborenen Kosmopolitismus den Anspruch auf europäische Hegemonie, ja Weltherrschaft zu gründen, wodurch er zu seinem strikten Gegenteil, zum anmaßlichsten und bedrohlichsten Nationalismus und Imperialismus wurde.“

Thomas Mann, selbst ein Vertreter des deutschen Bürgertums, erspart sich keine Selbstkritik am Zerfall der Kultur und Sitten. Er lässt keinen Zweifel daran, wie Borchmeyer zusammenfasst, dass „die Kulturkatastrophe des Nationalsozialismus mit der Politiklosigkeit des bürgerlichen Geistes zusammenhängt, seinem gegen-demokratischen Herabblicken auf die politische soziale Sphäre von der Höhe des Spirituellen und der Bildung“. Spätestens hier wird die Aktualität der Beschäftigung mit dem Lebenswerk des Nobelpreisträgers deutlich, ist doch ­heute, man denke nur an die Migrationspolitik, die deutsch-bürgerliche Mitte wieder dem Vorwurf ausgesetzt, sich nicht engagiert genug gegen Extremismus und Rassismus einzusetzen.

Tatsächlich ist ein Blick auf das Schicksal der Familie Mann nicht nur bildend, sondern lehrreich. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten muss nicht nur Thomas, sondern auch sein Bruder Heinrich und letztlich alle Kinder der Manns ins Exil, zunächst nach Frankreich und dann nach Amerika, flüchten. Alle sechs Kinder der Manns teilen nicht nur das Schicksal der Immigration, sie sind auch künstlerisch und schriftstel­lerisch hoch begabt. Erika und Klaus Mann engagieren sich zeitlebens gegen die Nazis und Golo Mann wird zu einem der größten deutschen Historiker. Sein brillantes Hauptwerk, die Geschichte der Deutschen im 19. und 20. Jahrhundert, gilt als Klassiker und ist bis heute eine wichtige Lektüre für diejenigen, welche die Geschichte der Deutschen seit 1789 besser verstehen wollen.

Während Manns politische Reflexionen auf Deutschland und insbesondere das Nazi-Regime längst in die Geschichte eingegangen ist, sind seine philosophischen und religiösen Positionen eher unbekannt geblieben. Eines seiner wichtigsten Bücher über die alttestamentarische Geschichte der Joseph-Brüder wird heute kaum noch gelesen. Zweifellos finden sich aber religiöse Fragen, Symbole und Motive in allen Werken Thomas Manns. Das religiöse Problem, so formuliert Mann 1931 grundsätzlich, „ist das huma­ne Problem, die Frage des Menschen nach sich selbst“. In den Buddenbrooks zeigt sich aber bereits seine Skepsis gegenüber dem bürgerlichen Protestantismus, eine Glaubensform, die später gegenüber gottlosen Ideologien kraftlos erscheinen wird. Mann bleibt so zeitlebens ein Fragender. Er schreibt: „Glaube? Unglaube? Ich weiß kaum was das eine ist und was das andere. Ich wüßte tatsächlich nicht zu sagen, ob ich mich für einen gläubigen Menschen halte oder für einen ungläubigen.“

Thomas Mann liest bereits seit 1894 intensiv Nietzsche. Das berühmte Wort des Philosophen, dass Gott tot sei und der Mensch sich auf diese neue Zeit vorzubereiten habe, beschäftigt ihn. Nietzsche ruft nicht nur nach einem „Übermenschen“, sondern warnt auch vor dem deutschen Nationalismus und großen Katastrophen in einer gottlosen Zeit. Golo Mann widmet Nietzsche ein lesenswertes Kapitel in seiner deutschen Geschichte und fasst den tragischen Einfluß Nietzsches auf das geistige Deutschland zusammen: „Schließlich hat dann ein großer Verbrecher, der sich in den 1930er Jahren Deutschlands bemächtigte, sich selber wohl für den von Nietzsche gefeierten Übermenschen gehalten, und seine literarischen Ratgeber haben fleißig aus Nietzsches Werken geschöpft… .“

Im amerikanischen Exil beschäftigt sich Thomas Mann naturgemäß mit den verheerenden Folgen des dritten Reiches auf den Humanismus. Die Gottlosigkeit der Nationalsozialisten und die künftige Gestaltung des Politischen rufen ihn zu einer neuen Beschäftigung mit der Religion auf. Heinrich Detering hat 2012 hierzu ein interessantes Buch geschrieben: „Thomas Manns amerikanische Reli­gion“. Das Buch erzählt die eher unbekannte Beziehung des Schriftstellers zu amerikanischen Theologen und erklärt seinen Versuch einer Neubestimmung des Verhältnisses von Politik und Religion. Detering zeigt in seinem Buch wie intensiv sich Mann mit der Geschichte der unitarischen Kirche und ihrer Wurzeln in der amerikanischen Literatur, von Emerson bis Whitman, beschäftigt hat.

Mann ist dabei fasziniert von der Idee des einen Gottes, welcher der Einheit des Menschengeistes entspricht und darum allen Nationalismen entgegensteht. Hier sieht Mann, nach den Erfahrungen der rassistisch motivierten Diktatur, eine origi­näre Rolle des neuen Christentums. Demokratie ist für ihn ein Name dieses Phänomens. In einer Rede aus dieser Zeit stellt er klar, dass die Demokratie der politische Name für die Ideale sei, die das Christentum als Religion in die Welt gebracht habe. Im letzten Band der Joseph- Tetralogie, die er in Amerika verfasst hat, heißt es dann eindeutig über die notwendige Einheit der Welt: „Es heißt die Einheit der Welt verkennen, wenn man Religion und Politik für grundverschiedene Dinge hält, die nichts miteinander zu schaffen hätten noch haben dürften.“

Die Forderung nach der Einheit von Politik und Religion, damals als eine Reaktion auf den Faschismus vorgestellt, dürfte heute für einige Diskussionen sorgen. Gleichzeitig wächst die Sorge über einen neuen Fundamentalismus der monotheistischen Religionen, die einerseits ideologisch oder andererseits weltfremd erscheinen. Es ist interessant, dass diese Frage in den letzten Jahren von einem Enkel Thomas Manns, Frido Mann, neu aktualisiert worden sind.

Frido Mann hat nicht nur Musik­wissenschaften und Psychologie, sondern auch Theologie studiert. Der in München lebende Schriftsteller hat mit einem Vortrag über das religiöse Verständnis Thomas Manns das Buch Deterings inspiriert und auch selbst zu dem Thema publiziert. Unter dem Titel „Das Ver­sagen der Religion. Betrachtungen eines Gläubigen“ geht er der Frage nach, ­welchen Beitrag Religion, Naturwissenschaft und Kultur zur Beantwortung der Sinnfragen leisten können. Frido Mann möchte die Bezeichnung Offenbarung „über die enge, monopolitische Definition seitens der monotheistischen Religionen hinaus in einem gebotenen Maß ausdehnen“.

Frido Mann, verheiratet mit der Tochter des Physikers Heisenberg, sieht in den Erkenntnissen der Quantenphysik, der Erfahrungen der Geschichte, bis hin zu Werken der Literatur, geistige Phänomen die einen offenbarenden Charakter haben und von den Religionen nicht ignoriert werden können. „Erst durch das Gegenteil des Lichts erkennt man das Licht“, zitiert er Rumi. „Alle Teile des großen harmonischen Ganzen, stehen in einer Liebesbeziehung zu einander, die aus der unendlichen Gottliebe gespeist sind“ ­beschreibt Mann die Grundlage allen religiösen Denkens. Auf dieser Basis der Einheit aller Erkenntnis können, nach Frido Mann, auch die Religionen wieder ihrer politischen und gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden. Man mag hinzufügen, dass ohne eine Antwort auf die Krisen dieser Zeit, von der ökologischen Krise, über die Flüchtlings- bis hin zur Finanzkrise zu geben, die Relevanz des religiös motivierten Denkens weiter schwinden wird.

Es liegt also nahe, die schriftstellerischen Werke und die geschichtlichen Erfahrungen der Familie Mann in die aktuellen Debatten einzuführen. Es gilt, wenn man an die aufgeregten Debatten über Politik und Religion denkt, der Schlusssatz, den Golo Mann für seine Geschichte der Deutschen gewählt hat: „Wir hoffen, das, was die Nation von anderen Nationen immer unterschied und unterscheiden wird, auch wenn ephemere Gegensätze verschwunden sind, unsere schöne Sprache, werde nicht dünn und gemein werden, sondern ihren Adel erneuern; und mit ihr alles, was im Wort seinen Ausdruck findet. Geschähe es nicht, was würde alle wiedergewonnene Großmacht und Scheinmacht uns dann helfen?“

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Abu Bakr Rieger

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