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Loccum: Tagung befasste sich mit dem Verhältnis von Religion und Umweltschutz

Wie ökologisch sind Islam und Muslime?

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(iz) Unter dem Titel „Wie 'grün' ist der Islam? Umwelt- und Klimaschutz mit muslimischer Perspektive“ fand Anfang November in der Evangelischen Akademie Loccum eine höchst interessante Tagung über ein Thema statt, das Muslime gerade erst begonnen haben, zu entdecken – auch wenn es in den islamischen Quellen und der islamischen Ethik tief verwurzelt ist.

Im Auftaktvortrag sprach Fazlun Khalid von der britischen IFEES, Pionier in Sachen Islam und Umweltschutz, über die muslimische Sicht auf die Schöpfung und deren Schutz. Khalid beschrieb die aktuelle Lage mit dem Bild eines Bulldozers, der ein riesiges Loch gräbt, und Menschen verschiedener Religion, die versuchen, mit Schaufeln das Loch wieder zu füllen – doch es wird größer und größer. Das Umweltproblem habe menschheitsgeschichtlich erst vor etwa 300 Jahren begonnen, mit der industriellen Revolution, die einher ging mit dem Verlust des Bewusstseins, ein Teil der Natur zu sein, welches von allen Religionen geteilt wird. Heute stelle sich die Frage, ob jenes Denken, welches das Problem verursacht habe, auch die Lösung hervorbringen könne, so Fazlun Khalid, der dies natürlich verneinte. Der Glaube an unbegrenztes Wachstum und Fortschritt führe letztlich nur zu Zerstörung. Die Natur wurde zum Objekt degradiert, zu dem „Anderen“, und an der Wurzel des Problems sei auch das heute vorherrschende ökonomische System. Khalid führte auch die islamischen Prinzipien aus, die das muslimische Verständnis und den Umgang mit der umgebenden Schöpfung bestimmen sollten und wie diese sich heute in praktische Maßnahmen umsetzen lassen. Dass der Mensch Teil der Natur ist, müsse heute auch Muslimen vielfach erst wieder vermittelt werden, wobei der Umweltaktivist Khalid dieses Bewusstsein mit dem Wort „embeddedness“, eingebettet sein, auf den Punkt brachte.

Schon im Rahmen der einleitenden Podiumsdiskussion “Brauchen wir einen Öko-Islam in Deutschland?”, bei der auch Yasin Alder von der Islamischen Zeitung teilnahm, wurde deutlich, dass es bei der Tagung eigentlich um zweierlei Aspekte des Themas geht: Zum einen, welche islamischen Quellen und Begründungen sich für ein Umweltbewusstsein und aktiven Schutz finden lassen, und zum anderen, wie man Muslime unter Berufung auf eben diese islamische Ethik für den Umweltschutz ansprechen und gewinnen kann. Yasin Alder meinte, dass es auch unter Muslimen heute vielfach eine Entfernung von der Natur und damit der unmittelbaren Erfahrung der Schöpfung gebe. Viele Muslime gingen nur selten selber oder auch mit ihren Kindern in die Natur, sodass es bereits in der Erziehung an Naturerfahrung mangele. Statt dessen wüchsen auch viele muslimische Kinder in einer virtuellen Scheinwelt, geprägt von Fernsehen, Computerspielen und Internet, auf. Man müsse daher schon bei der Kindererziehung beginnen, ein entsprechendes Bewusstsein zu schaffen.

Aus dem Bereich der bestehenden Umweltschutzaktivitäten stellten Dr. Turgut Altug vom Türkisch-Deutschen Umweltzentrum, der sich selbst freilich nicht muslimisch definiert, sowie Yasemin Aydemir, beide aus Berlin, ihre Arbeit vor. Yasemin Aydemir engagiert sich bei Yesil Cember („Grüner Kreis“), einer türkischsprachigen Gruppe im Rahmen des BUND (Bund für Umwelt- und Naturschutz), die vor allem türkischsstämmige Migranten ansprechen will. Ebenfalls vom BUND, jedoch unter Beteiligung anderer Verbände und Institutionen wie der Türkischen Gemeinde Deutschland, gibt es das Projekt „Bizim Dünya“, in dem unter anderem Multiplikatoren geschult werden, die Türkischsprachige für Umwelt- und Ernährungsthemen sensibilisieren sollen. Sowohl Altug als auch Aydemir besuchen im Rahmen ihrer Arbeit auch Moscheegemeinden. „Wir brauchen keinen 'Öko-Islam', denn der Islam ist schon ökologisch. Wir brauchen ökologisch handelnde Muslime“, meinte Yasemin Aydemir. Diese türkischsprachigen Aktivitäten stießen jedoch teilweise auch auf Kritik. So merkte Can Aver vom Zentrum für Türkeistudien (ZfT) an, dass Muslime in Deutschland noch immer vor allem als Migranten angesprochen würden, und nicht als Deutsche oder muslimische Deutsche, wie das etwa in Großbritannien schon eher der Fall sei.

Herr Reinhard Benhöfer, Umweltbeauftragter der Evangelischen Landeskirche Hannover, stellte seine praktische Arbeit vor, bei der er für eine große Zahl von Kirchengemeinden zuständig ist. Freilich ist zu bedenken, dass die Umweltarbeit der Kirchen von einer ganz anderen finanziellen Ausstattung ausgeht als die der muslimischen Gemeinden in Deutschland, und natürlich auch in ganz andere Strukturen eingebettet ist. Tanju Doganay von Nour Energie aus Darmstadt präsentierte deren Konzept für Photovoltaik-Anlagen auf Moscheedächern. Jenny Bednarek von der GTZ stellte ein Projekt vor, bei dem Imame in Algerien in die Umweltbildung der Bevölkerung einbezogen werden, wobei auch Materialien erstellt wurden – ein Umwelthandbuch für Imame und ein Biodiversitätslehrbuch für Qur'anschulen -, welche die Verbindung von Islam und Umweltschutz deutlich machen. Unter vielen Teilnehmern löste es Überraschung aus, dass der deutsche Staat im Ausland solche Aktivitäten entfaltet, von denen man hier kaum hört, und es kam auch die Frage auf, warum solche Programme nicht auch in Deutschland aufgelegt würden. Eine entsprechende Fortbildung und Sensibilisierung von Imamen auch hierzulande wurde für allseits für sinnvoll befunden, unabhängig davon, von wem diese ausgeht. Ein Vorschlag, der auf der Tagung mehrfach aufkam, war der, seitens der muslimischen Verbände Umweltbeauftragte einzusetzen und das Thema Umwelt und Bewahrung der Schöpfung auch in die Lehrpläne des islamischen Religionsunterrichts einzubringen, sei es in Moscheen, in Kindergärten, an den Schulen oder den neuen universitären Lehrstühlen für islamische Religionspädagogik.

Erörtert wurde auch die Frage bestehender Berührungsängste zwischen den Umwelt- und Naturschutzverbänden sowie Muslimen und deren Verbänden. Die Verbände sähen sich oft selbst bereits als offen und erwarteten von Muslimen, dass sie bei Interesse auf sie zukämen, meinte Dr. Christiane Katz von der Universität Lüneburg. Auf muslimischer Seite wurden hingegen teils von den Erfahrungen in den Herkunftsländern herrührende Hemmungen, sich öffentlich zu engagieren, konstatiert, etwa von Firouz Vladi von der Schura Niedersachsen, aber auch, dass man mit Problemen wie Diskriminierung und der zeit- und kapitalintensiven, in der Regel ehrenamtlichen Arbeit in den Moscheevereinen bereits mehr als ausgelastet sei, wie Ahmad Aweimer vom Zentralrat der Muslime meinte. Aweimer vertrat daher die Ansicht, dass die etablierten Umweltverbände zuerst ihrerseits auf die muslimischen Verbände und Moscheen zugehen sollten, und nannte einige erfolgreiche Beispiele dafür. Im Verlauf der Tagung wurden mehrere Vorschläge für konkrete Kooperationsmöglichkeiten und Netzwerke zwischen muslimischen Verbänden und Umweltverbänden gemacht.

In seinem Vortrag über so genannte „Grüne Moscheen“ oder „Öko-Moscheen“, von denen es im angloamerikanischen Raum und in Südostasien bereits einige interessante Beispiele gibt, schlug Mounir Azzaoui entsprechende Modellprojekte auch für Deutschland vor. Er plädierte dabei gleichzeitig auch für eine mehr den örtlichen Gegebenheiten angepasste Architektur: „Soziale Nachhaltigkeit bedeutet auch ortsangepasste, innovative Moscheen.“ Ein Problem, das auch in diesem Kontext eine Rolle spiele, sei der anhaltende „Brain drain“ in den Moscheegemeinden, das heißt, das junge, qualifizierte Muslime sich aus verschiedenen Gründen von der Arbeit in den Moscheen fern hielten oder zurückgezogen hätten. Azzaoui kritisierte aber auch ein generell erkennbare Haltung unter Muslimen: „Viele Muslime sind immer noch zurückgezogen. Wie soll man sich für die Umwelt einsetzen, wenn man kein Interesse für die Menschen um sich herum hat?“, fragte Azzaoui.

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