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Loccum: Tagung über muslimische Jugendorganisationen in Deutschland. Von Yasin Alder, Bonn

Unerkannte Potenziale

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(iz). Unter dem Titel „Coole Muslime? Was wollen und können muslimische Jugendorganisationen zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen“ fand vom 15. bis 17. Mai in der Evangelischen Akademie Loccum eine bemerkenswerte Tagung statt. Die Akademie in Loccum ist nicht nur durch ihren malerischen Tagungsort, sondern mehr noch durch qualitiativ hochrangige Tagungen auch zum Thema Islam und Muslime seit Jahren ein fester Begriff, wobei die Veranstaltungen sich durch ihre Unvoreingenommenheit und Ergebnisoffenheit besonders auszeichnen, was bei derartigen Tagungen und Konferenzen beileibe nicht immer der Fall ist. Auch diese Tagung fand wieder unter Leitung von Dr. Lidwina Meyer statt.

Am ersten Tag stellten zunächst VertreterInnen verschiedener muslimischer Jugendorganisationen und Initiativen ihre Arbeit vor und brachten eventuelle Probleme dabei zur Sprache. Vertreten waren die Muslimische Jugend in Deutschland (MJD), der Rat der muslimischen Studierenden und Akademiker, die Lifemakers sowie die Jugendabteilungen der DITIB, der IGMG und des Bündnisses der Islamischen Gemeinden in in Norddeutschland (BIG). Dabei wurde deutlich, dass muslimische Jugendarbeit – wie islamische Arbeit insgesamt – in Deutschland fast immer rein ehrenamtlich geleistet wird und es ein chronisches Finanzierungsproblem gibt, und zwar aus mehreren Gründen. Eine Anerkennung dieses ehrenamtlichen Engagements, die bisher weitgehend fehle, wurde unter anderem von Fatih Yildiz (BIG) gefordert: „Will man sie nicht sehen oder kann man sie nicht sehen?“, fragte er. Oft fehlen Kenntnisse über Fördermöglichkeiten, aber auch die Zeit, diese zu verfolgen und entsprechende Anträge zu stellen – dies sei allein schon ein Vollzeit-Job, waren sich die Vertreter einig. Ein großes Problem ist darüber hinaus, dass seitens der Behörden oft großes Misstrauen gegenüber den Jugendorganisationen besteht, insbesondere wenn diese vom Verfassungsschutz beobachtet werden oder Verbindungen zu beobachteten Organisationen vermutet werden. Die muslimischen Jugendorganisationen sollten weniger als „Teil des Problems“, sondern vielmehr als „Teil der Lösung“ gesehen werden und gefragt werden, was sie anzubieten haben, statt immer wieder ihr Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung beteuern zu müssen, meinte Yildiz dazu.

Hischam Abul Ola von der MJD ist der Ansicht, dass die Probleme paradoxerweise dann zunähmen, wenn man nicht im Hinterhof bleibe, sondern eben gerade an die Öffentlichkeit trete. Mehrfach seien sinnvolle Kooperationsprojekte der MJD, wie etwa eines zur Kriminalitätsprävention, nach anfänglicher Zusage wieder gestrichen worden, selbst wenn nur ein Journalist einen negativen Bericht verfasst habe. Offenbar bekämen viele Verantwortliche schnell „Muffensausen“ und Angst vor Konsequenzen, wenn sie muslimische Jugendvertreter einlüden oder Gelder für Projekte bewilligten, wenn diese beispielsweise im Verfassungsschutzbericht stünden, meinte Abul Ola. Dieses Problem besteht etwa im Fall der MJD ungeachtet dessen, dass man in bestem Kontakt zu kirchlichen oder gewerkschaftlichen Jugendorganisationen steht, die sogar ein gutes Wort für die MJD einlegten, wie Abul Ola darlegte.

Am Abend stellte Prof. Hans-Jürgen von Wensierski von der Uni Rostock seine Studie „Zwischen Islam und Popkultur – Jugendkulturen junger Muslime in Deutschland“ vor, die durchaus interessante Ergebnisse lieferte, jedoch auch Kritik erntete. Denn etliche Teilnehmer hatten gemäß des Titels wohl eine Studie über verschiedene Strömungen unter praktizierende jungen Muslimen erwartet, die allein schon sehr vielfältig sind, und kritisierten, dass mit dem Begriff „Muslime“ im Rahmen der Studie offenbar alle Jugendlichen mit einem muslimischen Migrations- und Familienhintergrund gemeint sind, unabhängig davon, ob oder inwiefern sie eine Beziehung zum Islam haben. In der Tat erinnert dies daran, als würde man eine Studie über Jugendkulturen unter deutschstämmigen Jugendlichen in Deutschland anfertigen und diese dann mit „Jugendkulturen junger Christen in Deutschland“ betiteln.

Am zweiten Tag wurden dann einige Projekte konkreter vorgestellt, so von den Lifemakers, vom Aktionsbündnis gegen Zwangsheirat, Aktivitäten für Jugendliche in einer IGMG-Moschee in Hannover, ein bpb-gefördertes Projekt zur politischen Bildung mit muslimischen Jugendlichen in Essen, das Projekt TANDEM der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland und die Interkulturelle Öffnung der Jugendverbände und Jugendringe in NRW. Desweiteren wurde über die Erfahrungen bei der Ausbildung junger Muslime zu ehrenamtlichen JugendgruppenleiterInnen am AKE-Bildungswerk in Vlotho berichtet, das auf Initiative von Gerhart Schöll seit Jahren in diesem Bereich vorbildliche Arbeit leistet. Auch die jungen Muslime müssten in Vorleistung treten und sich endlich als Teil der Gesellschaft sehen statt sich selbst auszugrenzen oder aufzugeben, meinte Saloua Mohammed von den Lifemakers und erntete dafür Zustimmung. Dazu brauche es allerdings auch das Gefühl, von der Gesellschaft anerkannt zu sein. Selma Öztürk von der Schura Niedersachsen warnte davor, die jungen Menschen allein auf ihre muslimische Identität zu reduzieren und dabei ihre individuellen Qualitäten und Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen zu übersehen. Tasnim El-Naggar vom Berliner Aktionsbündnis gegen Zwangsheirat stellte den präventiven Ansatz ihrer Initiative vor, die – anders als andere Projekte gegen Zwangsheirat wie etwa von diversen nichtmuslimischen Frauenorganisationen – den „Islam nicht als Problem, sondern als Lösung“ für diese Problematik betrachte, insbesondere bei der Prävention. Obgleich ihre Initiative in Berlin von maßgeblichen Stellen wohlwollend unterstützt werde, unter anderem vom Beauftragten für Integration und Migration Piening und Innensenator Körting, sei von der für die Vergabe von Geldern zuständigen Stelle die Gewährung einer Förderung abgelehnt worden, da einige der Kooperationspartner des Bündnisses vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Marissa Turac vom Landesjugendring NRW erinnerte in ihrer Vorstellung der gerade erst begonnen interkulturellen Öffnung der Landesjugendverbände daran, dass die Jugendringe bisher kaum mit Migrantenvereinen und muslimischen Vereinen zu tun hatten, obwohl diese ja teils schon seit langem bestehen. Dass eine solche institutionelle Vernetzung der vorgestellten muslimischen Ini­tiativen und Projekten noch fehle, war eine der Erkenntnisse dieser Runde. Es folgten Workshops zu den Themen Zusammenarbeit mit kommunalen und bundesweiten Strukturen der Jugendarbeit, interreligiöse Zusammenarbeit, Fördermöglichkeiten und Qualifizierungsmaßnahmen sowie internationaler Jugendaustausch. Bei den Ergebnissen wurde festgehalten, dass hinsichtlich Fördergeldern – bei allem zeitlichen und personellem Aufwand – man auch durch Kooperationen mit anderen Trägern der Jugendarbeit von diesen profitieren könne, und dass immerhin die bestehenden Strukturen und Verbände im Bereich der Jugendarbeit seit kurzem doch verstärkt um Muslime werben würden und sich um Kontakte zu diesen bemühten. Für die Muslimische Jugend Österreich (MJÖ) stellte Mag. Farid Hafez deren Arbeit vor. Diese ist nicht zuletzt aufgrund der in Österreich seit 1912 bestehenden offiziellen Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft viel besser vernetzt und in die dortigen Strukturen der Jugendarbeit eingebunden; sie erhält sogar Bundesmittel als Basisfinanzierung und für einzelne Projekte – davon können Muslime in Deutschland bisher nur träumen. Die MJÖ hat beispielsweise Projekte gegen Gewalt an Schulen oder zur Berufsqualifizierung durchgeführt. Verwundert zeigte sich Hafez, dass aus seiner Sicht die muslimischen Organisationen eher defensiv agierten und die Problematik der Beobachtung durch den Verfassungsschutz und das Misstrauen der Behörden offenbar viel größer sei als in Österreich. Dennoch befürchtet Hafez auch in Österreich eine zunehmende Verschlechterung des Klimas gegenüber Muslimen.

Am letzten Tag gab es noch einmal eine Podiumsdiskussion, bei der Prof. Franz Hamburger, Erziehungswissenschaftler an der Uni Mainz und Mitglied des Bundesjugendkuratoriums, das beratende Funktion beim zuständigen Bundesministerium, dem BMFSFJ hat, durch seine klaren Worte viel Anklang fand. Die Mehrheitsgesellschaft könne die Perspektive, welche die Migrantenjugendlichen bereits hätten, nämlich mit Vielfalt umgehen zu können, vielfach noch nicht nachvollziehen. Es sei eine Bewusstseinsveränderung dahingehend notwendig, die veränderte Gesellschaft endlich zu akzeptieren. Prof. Hamburger kritisierte zudem, dass es ein Stereotyp des „Migrationshintergrundes“ gebe, das sich als Ordnungsinstrument verfestigt habe und Menschen mit „Migrationshintergrund“ in eine bestimmte Position dränge. Das Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft zu diesen Menschen gleiche dabei einer Aktiv-Passiv- beziehungsweise Subjekt-Objekt-Beziehung („Wir wollen sie integrieren“), die sehr tief sitze. Dr. Lidwina Meyer merkte dazu an, dass sich nicht nur im Bewusst­sein, sondern auch strukturell etwas ändern müsse. Hamideh Mohagheghi von der Muslimischen Akademie, deren Gründung ja nicht von muslimischer, sondern staatlicher Seite ausging, stellte enttäuscht fest, dass sogar ihre Einrichtung inzwischen keine staatliche Förderung mehr erhalte. „Die Gesellschaft ist an diesem Punkt nicht demokratisch“, bewertete Prof. Hamburger dies. Gleichbehandlung, Gleichheit müsse der Grundsatz sein, „alles andere ist Diskriminierung.“ Staatliche Förderung habe allerdings auch ihren Preis, meinte Hamburger, nämlich den Verlust des Ehrenamtes, das man nicht unterschätzen dürfe. Aus seiner Erfahrung als Mitglied im Beirat eines erst im Februar diesen Jahres gegründeten muslimischen Kindergartens in Mainz [die IZ berichtete] sagte Hamburger, die Forderung nach Transparenz, wie sie an muslimische Organisationen und Einrichtungen gestellt werde, sei „unersättlich“. Je mehr man sich öffne, wie etwa besagter Kindergarten, desto mehr nehme der Druck, immer mehr von sich preiszugeben, zu, was zu einer Spirale werden könne. Man sollte selbsbestimmt entscheiden können, was man von sich erzählt, und sich nicht dazu erpressen lassen. „Warum sollte man mehr erzählen als ein normaler katholischer oder evangelischer Kindergarten dies tut?“.

Halima Zaghdoud vom Interkulturellen Büro Essen meinte, dass eine interkulturelle Öffnung der Behörden noch nicht stattgefunden habe und fragte, welche Muslime die Gesellschaft denn eigentlich haben wolle – „solche, die keine mehr sind?“ Ayse Tuncbilek vom Arbeit und Leben Hamburg e.V. merkte aus dem Publikum an, dass in Hamburg vor allem eine stark laizistisch geprägte türkische Migrantenorganisation von den Behörden beratend herangezogen werde, und dass solche Vetreter oft die Integration blockierten, indem sie zum Beispiel verhinderten, dass man von Seiten der Behörden mit Moscheen zusammenarbeitet. Ähnliche Beobachtungen äußerte auch Hischam Abul Ola hinsichtlich linksgerichteter oder atheistischer Behördenmitarbeiter beziehungsweise Berater mit Migrationshintergrund. Marissa Turac plädierte dafür, dass Behörden bei Zweifeln die betroffenen Vereine selbst kontaktieren und sich ein eigenes Bild machen sollten, statt Informationen nur aus einer Quelle zu beziehen. Auch Hamideh Mohagheghi forderte, dass man gerade mit den als problematisch Betrachteten reden müsse, denn wenn man von vornherein das Gespräch verweigere, erreiche man gar nichts, im Gegenteil. „Natürlich gibt es in dieser Gesellschaft gemeinsame Werte, an denen wir alle festhalten müssen. Man kann auch sehr unterschiedlich sein, aber trotzdem zusammenarbeiten und etwas bewegen“, so Mohagheghi.

Insgesamt wurde deutlich, dass die anwesenden muslimische Jugendorganisationen im Hinblick auf eine bessere strukturelle Vernetzung und Kooperation zwar wollen, nur mit dem Können (Zeitmangel durch ehrenamtliche Tätigkeit, fehlende finanzielle Mittel oder Förderungen, mangelndes Wissen über entsprechende Möglichkeiten) und dem Dürfen (Misstrauen seitens Behörden, Problem der Beobachtung durch den Verfassungsschutz) hapert es noch. Mehrere Teilnehmer wünschten sich zudem generell eine klarere Trennung zwischen den Begriffen „Muslime“ und „Migranten“, die eben nicht deckungsgleich seien, da eine zunehmende Zahl von jüngeren Muslimen de facto Deutsche seien oder sich als Deutsche fühlten und nicht als Migranten. Sie wünschen sich, dass das Potenzial, das in ihnen stecke, mehr erkannt und anerkannt werde.

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