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London: Was hat es mit den Ausschreitungen in England auf sich? Die Engländerin Tasnim Morrison versucht, Antworten zu finden

Gucci, Hass, und der Hunger auf Konsum

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(iz). Die ersten Antworten von Polizei wie von Politik auf die sich ausbreitenden Unruhen waren gleichermaßen nichtssagend und herablassend. Innenministerin Theresa May lobte die Polizei für ihren lebensgefährdenden Schutz der Londoner und ihres Eigentums. Eine Sprecher von David Cameron, der dank seines Italienurlaubs nicht in der Lage war, schnell genug auf die Lage zu reagieren, kündigte an, dass die Rädelsführer „mit den Konsequenzen ihrer Aktionen konfrontiert werden“ würden. Nick Clegg [Camerons Stellvertreter] beschrieb die Unruhen als „nutzlosen, opportunistischen Diebstahl, der nichts mit dem Tod von Mark Duggan zu tun hat.“

Im krassen Gegensatz zur Politik versuchten Augenzeugen und Anwohner, einen ersten Sinn aus all dem zu ziehen. Für viele stellten sich – neben der Wut und Empörung über die Beschädigung von Geschäften, Autos und Häusern – die Ereignisse als beinahe unausweichliche Folge auf eine jahrelange Unzufriedenheit und Spannungen zwischen Jugendlichen und der Polizei dar. Viele Menschen haben das Gefühl, dass solchen Problemen inmitten ihrer Kommunen nicht die notwendige Aufmerksamkeit von Polizei oder Regierung eingeräumt wurde. Nun gut, aber dies erklärt nicht die Plünderungswelle…

Während wir darauf warten, dass uns die Massenmedien sagen, was wir denken sollen, werfen wir doch einen kurzen Blick auf jene Teile der Welt, in denen bestimmte „Auslöser“ zu „farbkodierten Revolutionen“ oder zum so genannten „arabischen Frühling“ führten. Warum, so sollten wir unsere politische Führung fragen, haben die schwerwiegenden, mit der Polizei in Verbindung stehenden Vorfälle in Tottenham nur geistlose und opportunistische Gewalt, Plünderungen und Zerstörungen ausgelöst?

Wenn die Unruhestifter in London und anderswo – anders als die Menschen in Tunesien, Libyen, Syrien etc. – keine Freiheit und Demokratie brauchen, was wollen sie dann? Der Mob stürmte Supermärkte, Elektrogeschäfte und bekannte Markenläden für Kleidung. Manch einer ging seelenruhig vor den Polizisten die Straße auf und ab. Beladen mit Armen und Einkaufswagen voller Konsumgüter: Kleidung, Turnschuhen, Fernsehern, Laptops, Lebensmitteln und sogar Windeln.

Dies ist nicht nur unnötiges, gewalttätiges Verhalten. Es ist ein Zeichen der Zeit, ein Brotaufstand des 21. Jahrhunderts und lässt sich auf das Verlangen nach Konsumgütern reduzieren. Aber ein solcher Hunger ist kein realer; wie könnte er das sein inmitten einer landesweiten Fettsucht-Epidemie? Dieser Hunger ist programmiert und wird durch eine erbarmungslose Werbeindustrie vorangetrieben. Sie verlangt von uns, Geld auszugeben und fordert uns durch eine derartige Überfülle heraus, sodass wir ausgeben, was wir nicht haben. Das Ziel ist die Befriedigung eines suchtmachenden Verlangens nach den aktuellsten Designer-Waren und den neuesten Hightech-Spielzeugen. Wir werden davon überzeugt, dass der Verbrauch von „Zeug” sowie eine niemals endende Auswahl genauso notwendig für unser Überleben sind wie Lebensmittel und Wasser.

Wir leben in einer Blase, in der uns wir uns daran gewöhnten, unser Geld auszugeben, verbrauchen, was wir haben, und anzustreben, was wir nicht haben. Jedoch gibt es jetzt ein spürbares Gefühl der Furcht. Die Menschen ahnen den sich ankündigenden wirtschaftlichen Zusammenbruch. Sie wissen, dass die Politik sie nicht beschützen wird, noch dieses überhaupt kann. Vielmehr wurden die Menschen von ihr wieder und wieder betrogen. Es ist auch Furcht, die zu diesen Ausschreitungen führte. Eine Furcht, wonach jene Blase platzen könnte.

Täglich bombardieren uns Nachrichten mit Terrorangriffen, Naturkatastrophen und bewaffneten Einzeltätern, während unsere eigene Regierung persönliche Freiheiten abbaut und unsere Privatsphäre verletzt. Wer glaubt wirklich einem Politiker, wenn dieser uns versichert, dass die Wirtschaft sich gerade erholt und dass die Arbeitslosigkeit nicht ansteigen wird. Die Freiheit zu konsumieren, die unser modernes Leben bestimmt hat, entgleitet unserem Zugriff. Es ist unausweichlich, dass daraus vollkommene Panik und Verzweiflung folgen, da wir nicht mehr wissen, wie wir unser Leben außerhalb führen sollen. Was bleibt, ist das Schreckensbild verarmter Horden aus dem globalen Süden, die an unseren Grenzen um Zuflucht kommen.

Was wir sehen, ist keine Jugend im Widerstand und auch kein Ereignis, dass sich gegen die Polizei richtet. Wir erkennen die wachsenden Risse einer Gesellschaft, die unter dem Gewicht von Schulden, sozialer Ungerechtigkeit und selbstzerstörerischem Nihilismus zusammenbricht. Was wir sehen, ist die Zukunft des Finanzkapitalismus.

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