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London: World Halal Forum Europe eröffnet spannende Debatte über die Zukunft des Halal-Markts in Europa. Von Khalil Breuer

"Muslimische Kaufkraft"

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(iz). Wie entwickelt sich der europäische Halal-Markt? Das World Halal Forum Europe lud zu einem zweitätigen Forum über die Zukunft des europäischen Halal Marktes nach London ein. Unter verschiedenen rechtlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten ging es um das Zusammenspiel von europäischem und islamischem Recht in dem neu entstehenden Halal-Markt, aber auch um diverse Wachstumshindernisse.

Während sich islamische Organisationen bisher in der Öffentlichkeit wenig selbstkritisch zeigten und kaum über ihre eigenen Perspektiven diskutieren, wurden auf dem WHF Europa kritische Fragen angenehm offen angesprochen. Das Kernproblem ist klar: Bisher gibt es keine Einigkeit zwischen den Muslimen über weltweit gültige Standards, also die klare Definition, was „Halal“ ist oder nicht mehr. Die strittigen Punkte machen es gerade für Europas Muslime nicht einfach zu erkennen, welchen Produkten man vertrauen kann. Oft genug werden die angewandten rechtlichen Standards von verschiedenen Marktteilnehmern nur unzureichend oder nicht nachvollziehbar veröffentlicht.

Das gut besuchte Forum lud ein, über Perspektiven, Probleme und Visionen des wachsenden Halal-Marktes Euro­pas nachzudenken. Die Gründerin des Forums, Jumaatin Azmi, erinnerte in ­ihrem Grußwort an die „Wichtigkeit Eu­ropas für die Entwicklung einer globalen Halal-Industrie“. Besonders der europäische Halal-Lebensmittelmarkt ist längst milliardenschwer und größer als der Markt einiger arabischer Staaten. Er wird von muslimischen und nicht-muslimischen Produzenten aus aller Welt beliefert.

Der Projektleiter des Events, Abdulhamid Evans, formulierte die Zukunftsperspektiven: „Muslimische Kaufkraft ist ein wesentlicher Aspekt der Präsenz von Millionen Muslimen in Europa, die sich hier längst zu Hause fühlen.“ Evans betonte, dass gerade im wichtigen Lebensmittelbereich die „Halal-Produkte“ auch Qualitätsprodukte – idealerweise die besten – sein sollten. Selbstkritisch führte er aus, dass bis heute viele beteiligte Firmen oder Zertifizierungsstellen nicht professionell genug arbeiteten. Er rief insbesondere beteiligte muslimischen Organisationen auf, im Interesse der muslimischen Verbraucher bei anstehenden Einigungen auf verbindliche Standards kompromissfähig zu sein.

Interessant war, dass auch problematische Seiten des teilweise ungeregelten Halal-Marktes angesprochen wurden. Der britische Lebensmittelexperte und Jurist John Pointing beleuchtet die Schattenseiten des Marktes. Oft genug werden Verbraucher über die Qualität von Wurst- und Fleischwaren getäuscht. „Ich wäre beinahe Vegetarier geworden“, merkte der Experte über seine Erfahrungen mit importiertem Halal-Fleisch an. Zweifellos gibt es in dem umkämpf­ten globalen Geschäft – bei kleinen Gewinnmargen – auch eine regelrechte „Lebensmittelmafia“ (die Markenzeichen benutzen), die keinen Bezug zu echter, islamisch motivierter Qualitätskontrolle haben. Pointing erklärte auch mit diesen Fakten den Trend, Lebensmittel und Angaben über Herkunft und Qualität noch mehr zu regulieren. „Muslime“, so riet er, „sollten jedenfalls das Markenzeichen ‘Halal’ kritisch hinterfragen.“

Der Rechtsanwalt Philip Pfeffer ­führte brilant in EU-Pläne ein, Halal-Produkte zu einer bestimmten Kennzeichnung zu verpflichten. Geplant ist eine Kennzeichnungspflicht von Waren, die aus Schlachtungen nach jüdischen und islamischen Rechtsregeln stammen – also auch von Tieren, die vor ihrer Tötung nicht betäubt worden sind. Auf den Produkten wäre dann ein Hinweis „Fleisch aus Schlachtung unbetäubter Tiere“ zu finden. Pfeffer rief jüdische und mus­limische Verbraucher auf, diese „dis­kriminierende“ Kennzeichnungspflicht abzulehnen und für ihre Verbraucherrechte einzutreten. Er warnte vor einer allgemeinen Tendenz in Europa zur „Skandalisierung normaler religiöser Praktiken“.

Pfeffer kritisierte das europäische DialRel-Programm. In dem von der EU geförderten Programm hatten zwei Dutzend europäische Akademiker über Schlachtungsmethoden bestimmter Religionen beraten. „Leider fehlten in dem Programm aber genau die Wissenschaftler“, so Pfeffer, „die eben argumen­tieren, dass die Betäubung den Tieren mehr Schaden zufüge, als eine professionelle Schlachtung entsprechend jüdischer und islamischer Regeln“.

Mudassar Ahmad von der Unternehmensberatung „Unitas Communications“ riet Muslimen zu einer PR-Kampagne über die Hintergründe von Halal-­Pro­duk­ten und im Falle der Schlachtung von Tieren auch zu offenen Gesprächen und Diskussionen mit Tierschutzorganisationen. In den Medien, so Mudasssar, werde immer wieder der für Muslime prägende, tiefe Respekt vor Schöpfung und Geschöpfen unterschlagen. Muslime und Tierschützer erkennen natürlich die Gefahren der Industrialisierung der Lebensmittelproduktion.

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