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Die Macht der Supermärkte

Unsere Handelsriesen profitieren von unfairen Bedingungen

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Foto: Christian Schnettelker, manoftaste.de | Lizenz: CC BY 2.0

„Die Studie der Organisation BASIC zeigt, dass deutsche Supermarktketten bei bestimmten Produkten über 50 Prozent des Verbraucherpreises bekommen, während der Anteil der Bäuerinnen und Bauern bei weniger als 8 Prozent liegt. (…) Insgesamt ist der durchschnittliche Anteil deutscher Supermarktketten am Endpreis von 43,1 Prozent in 1996-98 auf 51,5 Prozent in 2015 gestiegen, während der durchschnittliche Anteil der Kleinbäuerinnen und -bauern sowie ArbeiterInnen nur von 6,3 auf 7,1 Prozent gestiegen ist.“ Oxfam 2018

(iz). Der Einzelhandel ist die letzte Stufe in der Wertschöpfungskette. Er ist ein wichtiges Bindeglied zwischen der Produktion und dem Konsum der Waren durch die EndverbraucherInnen. Der Einkauf im globalen Supermarkt gibt uns die Sicherheit, sich in Berlin, Moskau oder Hongkong stets im wiedererkennbaren Umfeld mit einem wiederkennbaren Sortiment ­eindecken zu können.

Der Supermarkt und (sein weniger ­attraktiver Bruder) der Discounter waren vor Jahrzehnten nur eine von verschiedenen Formen des Lebensmitteleinzelhandels in Deutschland. Heute sind beide dominant. Andere Möglichkeiten des Einkaufs, Direkterzeuger, Wochenmärkte, der Feinkosthandel und andere machen zwar die Mehrheit der Verkaufsstellen aus, müssen sich aber mit einer absoluten Minderheit der Marktanteile begnügen. Noch haben die Deutschen ­in Europa mit 377 Filialen auf eine ­Millionen Einwohner die zweithöchste Ladendichte Europas. Experten gehen davon aus, dass der Internethandel gerade und insbesondere den unabhängigen Handel schwer unter Druck setzen wird.

Die Psychologie der Supermärkte
In seiner Dokumentation „The Century of the Self“ legte der britische Doku­mentarfilmer Adam Curtis nahe, dass durch den Einzug der Psychoanalyse in den USA der 1920er Jahre der Konsumismus dominant wurde. Dadurch veränderte sich das Einkaufsverhalten dramatisch – eine „Kultur des Verlangens“ entstand. Und dieses Verlangen wird seit Anfang der Supermärkte psychologisch betreut, geformt und gefördert.

Bei Angeboten, Preisen, Packungsgrößen, Aufbau der Regale sowie Struktur der Läden wird nichts dem Zufall überlassen. Wer glaubt, der Aufbau eines ­Supermarktes sei der Willkür seiner Manager geschuldet, der irrt. Claudia Horbert, Leiterin des Fachbereichs Ladenplanung beim EHI Retail Institute in Köln, berichtet von Erkenntnissen, wonach Menschen einen Weg gegen den Uhrzeigersinn bevorzugen.

Alles folgt einem Skript, schreibt das deutsche Autorenduo Schartau und ­Valet, werden doch Supermärkte von Werbepsychologen bis ins letzte Detail geplant. „Verpackungsdesigner und Marketingexperten“ kennen die Instinkte der Konsumenten besser als diese selbst. ­Manipulation gehört zum Geschäft und beschert den Supermarktketten „satte Gewinne“.

Der Supermarkt setzte sich als Verkaufsmodell in den USA seit dem ersten Drittel und in Westeuropa mit voller Wucht seit Ende der 50er Jahre durch – hier wurde 1948 der erste Supermarkt von der Migros eröffnet. Das Motto der ersten Versuche war „hoch stapeln und zum Niedrigpreis verkaufen“. In Europa gelten als „Supermärkte“ jene Einzelhandelsgeschäfte mit einer Mindestverkaufsfläche von 400 bis 1.000 Quadratmetern, in denen Frischwaren verkauft werden und in denen Produkte aus dem Nonfood-Sektor nicht mehr als 25 Prozent ausmachen.

Eine Macht im Lande
Nach Ansicht der Oxfam-Expertin Franziska Humbert, die 2017 die Fusion von Edeka und Kaiser’s in der Tageszeitung „Die Welt“ kommentierte, habe diese Konzentration auf dem Lebensmittelmarkt Schattenseiten: „Die Discounter können niedrigste Preise gegenüber ihren Lieferanten durchsetzen, unter denen am Ende die Produzenten der Lebensmittel leiden.“ Damit ist Deutschland kein Einzelfall. Ähnliches findet auch bei unseren westlichen Nachbarn Frankreich, den Niederlanden oder Großbritannien statt.

Aber Deutschland gilt laut Experten als der mit Abstand härteste und erbarmungsloseste Markt für Lebensmittel. „Ein wesentlicher Grund dafür ist die Macht der Discounter. Sie sparen an der Einrichtung und setzen mehr eigene Marken ein, die sie billiger verkaufen können.“ Hinzukommt, dass in Deutschland das Geschäft ausschließlich über den Preis abgewickelt wird. Der hiesige Lebensmittelhandel operiert mit durchschnittlichen Gewinnmargen von 1 bis 3 Prozent (lt. Monopolkommission).

Momentan vereinen nach Angaben der Webseite Lebensmittelpraxis.de die fünf größten Konzerne beinahe 75 Prozent der Umsätze auf sich. Ihre Umsätze sahen 2017 wie folgt aus: Edeka-Gruppe (Edeka, Netto, 57,065 Mrd. Euro), Rewe-Gruppe (Vollsortiment, Penny, andere, 42,493 Mrd. Euro), Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland, 38,5 Mrd. Euro), Aldi-Gruppe (Süd & Nord, 29,550 Mrd. Euro) sowie die Metro-Gruppe (Real, Metro & Rungis 13,623 Mrd. Euro).

Das macht das heutige Geschäftsmodell der Großen Fünf in Deutschland verständlich, von dem Franziska Humbert spricht: „Lebensmittelhändler wie Edeka, Aldi und Co. versuchen, riesige Mengen bei ihren Lieferanten einzukaufen. Auf die Mengen kommen dann oft noch einmal Rabatte und ähnliche Nachlässe. So sinkt der Preis pro Stück. Gleichzeitig entsteht eine Eintrittshürde für die Lieferanten. Besonders im Fruchthandel kann überhaupt nur der Lieferant mitspielen, der diese riesigen Mengen auch liefern kann.“

Was daraus folgt
Die Oxfam-Studie „Endstation Ladentheke“ zeigte bereits 2008, dass die Marktkonzentration besorgniserregende Ausmaße annimmt: Je größer der Marktanteil der wenigen verbleibenden Supermärkte, desto mehr können sie ihre Einkaufsmacht gegenüber den Zulieferern ausspielen. In den letzten zehn Jahren hat sich die Lage alles andere als verbessert. „Schon heute verlagern die Supermarktkonzerne viele Kosten und Risiken auf die Zulieferer. Zum Beispiel verlangen sie, dass Zulieferer sich mit Zuschüssen an der Neueröffnung von Geschäften beteiligen oder Jubiläums- und Hochzeitbonusse geben“, so damals die Oxfam-Expertin Marita Wiggerthale gegenüber der „Islamischen Zeitung“.

In der gegenwärtigen Lage stellen die verbliebenen Supermarktketten das ­„Nadelöhr“ auf dem Markt dar, durch das die meisten Produkte hindurch müssen. An ihnen kommen die meisten Lieferanten nicht mehr vorbei. Selbst große Marken und internationale Produzenten haben es nicht mehr leicht, sich gegen sie durchzusetzen. Aufgrund dieser massiven Marktmacht können Supermarktketten die Lebensmittelproduktion weltweit gestalten. Sie sind die Türsteher für den globalen Lebensmittelhandel: Zehntausende von Produkten müssen täglich auf dem Weg zu den VerbraucherInnen an ihnen vorbei.

Da der „Kuchen“ nicht größer, sondern nur anders verteilt wird, bedienen sich die großen Ketten an Geschäftspraktiken, die alles andere als fair sind. Zu diesen gehören beispielsweise rückwirkende Änderungen von Vertragsbedingungen. Das heißt, Lieferanten müssen gegebenenfalls rückwirkende Geldbeträge bezahlen, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten. Für das Führen einer Ware entfallen Gebühren. Das heißt, die ­Lieferanten müssen alleine schon dafür bezahlen, Waren anliefern zu dürfen. Es fallen Gebühren, sogenannte Regalmieten, dafür an, dass entsprechende Plätze in den Verkaufsregalen bereitgestellt werden. Schließlich operieren die Einzelhandelsketten mit der Androhung von „Auslistung“. Dies droht Anbietern, wenn sie nicht auf die Bedingungen der Supermarktketten eingehen. Egal, ob es sich um Produzenten in Deutschland oder in Drittweltländern handelt, kann das für sie schnell das Aus bedeuten.

Den Preis zahlen die Kleinsten – überall
Deutsche Produzenten und Lieferanten sehen sich gezwungen, die betriebswirtschaftlichen Folgen dieser unfairen Betriebspraxis weiterzutragen. Das heißt, der Preisdruck wird entlang der Lieferkette weitergegeben. Und zwar an Angestellte und ArbeiterInnen in Deutschland sowie im Süden. Aber auch Tiere sowie die Umwelt insgesamt zahlen einen Preis für das Geschäftsgebaren deutscher Akteure. Standards gibt es entweder nicht viele oder die angepriesenen bestehen oft nur aus Kontrollen auf dem Papier.

Vor Kurzem hat sich nun die Hilfsorganisation Oxfam unter dem Kampagnentitel „Ripe for Change/Die Zeit ist reif“ dem Wirken internationaler Supermarktketten und ihrem betrieblichen Handeln gewidmet und dabei auch die deutschen Marktführer einem kritischen Blick unterzogen. Damit wollen sich die Helfer einsetzen, die „Ausbeutung im Lebensmittelsektor“ zu beenden. Kleinbäuerinnen und -bauern sowie ArbeiterInnen bekämen im Vergleich zu Supermärkten einen immer geringeren Anteil am Einzelhandelspreis vieler Waren.

Der von Oxfam herausgegebene Bericht basiert auf einer Studie der französischen Institution BASIC. „Diese zeigt am Beispiel zwölf verschiedener Produkte, wie zunehmend ungleich die Anteile an der Wertschöpfung für Supermarktketten und für Kleinbäuerinnen und -bauern sowie ArbeiterInnen sind. Die Durchschnittslöhne der ArbeiterInnen sowie die Durchschnittseinkommen der Kleinbäuerinnen und -bauern decken dabei nicht einmal das Existenzminimum“, heißt es in der Einleitung.

Der Preisdruck auf Produzenten und ArbeiterInnen aus Ländern des globalen Südens in Kombination mit dem Rückgang staatlicher Unterstützungsmaß­nahmen führe zu vermehrten Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen in den Lieferketten auch der deutschen Supermarktkonzerne. „Zwangsarbeit auf Fischkuttern in Südostasien, Niedriglöhne auf Indiens Teeplantagen und Hunger auf südafrikanischen Traubenfarmen“ – überall dort, wo Menschen Lebensmittel für Supermärkte in Deutschland und anderen Ländern produzierten, seien Menschenrechtsverletzungen gang und gäbe. „Anstatt jedoch ihre starke Marktposition zu nutzen, um dieser Situation ein Ende zu setzen, üben Supermärkte einen ­immer drastischeren Preisdruck auf ihre Lieferanten aus und machen eine sozial gerechte und nachhaltige Lebensmittelproduktion nahezu unmöglich.“

Auch wenn dies allein das globale Ernährungssystem nicht in Ordnung bringen werde, können und sollten Supermärkte nach Ansicht von Organisationen wie Oxfam deutlich mehr tun, „um nicht mehr Teil des Problems zu sein, sondern Teil der Lösung“. Zu diesem Zweck ­müssen sie ihre Geschäftspolitik in Bezug auf Menschenrechte und insbesondere ihre Beschaffungspraktiken ändern und für mehr Transparenz sorgen.

Wie weit geht die Konsumverantwortung?
Als Antwort auf global ungerechte Produktions- und Handelsverhältnisse entwickelte sich bereits vor Jahrzehnten eine internationale Bewegung für mehr ­Gerechtigkeit und für fairen Handel. Einerseits bemühte man sich im Rahmen des Nord-Süd-Ausgleichs um Druck auf die internationale Handelspolitik zur Verbesserung von Rahmenbedingungen für arme Produzenten. Andererseits gab es, zuerst in sogenannten Dritte-Welt-Läden, auch den Wunsch vieler nach einer anderen Praxis. Oft mit Wurzeln in den Kirchen fingen Einzelne an, Waren (Lebensmittel wie Kaffee oder auch Kunsthandwerk) direkt von Erzeugergenossenschaften zu importieren. Ziel waren: gerechte Löhne, soziale Entwicklung sowie – später – eine ökologisch nachhaltige Produktion. Aus kleinen Anfängen entstand eine professionelle Bewegung für gerechten Welthandel, auch bekannt als Fairtrade.

Für die Journalistin und Autorin Kathrin Hartmann („Die Grüne Lüge – Weltrettung als profitables Geschäftsmodell“) sind die von Supermarktketten beworbenen Siegel für umweltfreundlich und sozial nachhaltig erzeugte Produkte ein „Selbstbeweihräucherungsbusiness der Mega-Konzerne“. Im Gespräch mit dem Online-Medium „telepolis“ (17. Juli) äußerte sie sich sehr kritisch über die Tendenz, die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Folgen auf den einzelnen Verbrauchern abzuwälzen.

Für Hartmann stellt dieser Trend ein „Greenwashing“ dar. Hier bemänteln die großen Lebensmittelkonzerne- und Händler ihre Geschäfte, „die alles andere als sozial, gerecht und umweltverträglich sind“, unter grünen Begriffen. Das könne in der Form geschehen, „dass sie mit marktkonformen NGO’s wie dem WWF zusammenarbeiten“ oder irgendwelche Umwelt- oder Sozialprojekte machten. Das sei nie ganz gelogen, aber betreffe nie das eigentliche, zerstörerische Kerngeschäft.

Hartmann fordert, große Konzerne endlicher wieder viel stärker in den Blickpunkt politischer Kontrolle zu rücken. Stattdessen aber werde via „Greenwashing“ den Verbrauchern die Last übertragen. Ihnen wird eingeredet, es ließen sich über die richtige Kaufentscheidung systemische Probleme lösen. Dieses Vorgehen habe mehr als einen Zweck. Erstens, soll es den Konsumenten ein gutes Gewissen verkaufen. Zweitens, soll es den Unternehmen die Politik vom Hals halten, „indem sie behaupten, wir kümmern uns selber über die Gesetze hinaus freiwillig darum. Man muss ihnen also nicht mit politischer Regulierung kommen“.

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Sulaiman Wilms

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