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Mainz: Jahrelanger Einsatz – Islamischer Kindergarten eröffnet

"Wir müssen mehr in die Bildung investieren"

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(iz). Bereits seit einigen Jahren hat sich in Mainz ein muslimischer Verein en­gagiert und ausdauernd um die Einrichtung eines islamischen Kindergartens bemüht (die IZ berichtete darüber ausführlich im Januar 2008). Am Montag, den 2. Februar 2009, ist der Al Nur Kindergarten (Al Nur bedeutet „das Licht“) offziell eröffnet worden. Wir sprachen aus diesem Anlass mit der Leiterin Britta Haberl, einer deutschen Muslimin.

Islamische Zeitung: Frau Haberl, was hat sich seit unserem letzten Bericht vor einem Jahr getan, und wie kam es nun schließlich zur Eröffnung des Kindergartens?

Britta Haberl: Es gab noch einige Probleme seitens der Politik; die CDU hat sich zunächst etwas quer gestellt. In einem Ortsteil gab es einen CDU-Politiker, der sehr stark gegen uns agierte. Am Ende hat die CDU sich aber doch ­positiv positioniert. Ansonsten hatten wir eine recht gute Resonanz, die SPD zum Beispiel hat uns von Anfang an positiv unterstützt, auch die ÖDP und die GRÜNEN. Die FDP hat sich überhaupt nicht dazu geäußert. Das Jugendamt hat sich lange Zeit gelassen, uns die Genehmigung zu erteilen, hat diese jedoch schlussendlich geben müssen. Wir haben auch einen wissenschaftlichen Beirat, der aus drei Professoren besteht, die wir in pädagogischen Fragen um Unterstützung gebeten haben. Er besteht aus Prof. Franz Hamburger von der Universität Mainz, Prof. Otto Filtzinger vom Institut für Interkulturelle Pädagogik im Elementarbereich in Mainz und Prof. Hans Reich von der Uni Landau. Dies hat uns auch auf politischer Ebene sehr geholfen. Auch Prof. Günter Meyer von der Uni Mainz, der Geograph ist, sich vor allem mit der arabischen Welt befasst und den wir schon seit einigen Jahren kennen, ist positiv auf uns zugekommen, hat unsere Probleme mit der Presse, der Politik und dem Jugendamt gesehen und ist spontan in unseren Verein eingetreten, um den Kindergarten gegenüber den Behörden zu vertreten. Er hat sich dann insbesondere auch in die Diskussion mit dem Jugendamt eingeschaltet. Das war eine ganz tolle Sache, dass wir da so unterstützt wurden. Wir sind ja als Arab-Nil-Rhein-Verein schon seit zehn Jahren in Mainz aktiv, auch im Dialog, und dadurch vielen auch bekannt. Das hat uns natürlich auch geholfen.

Islamische Zeitung: Wie war der ers­te Tag im Kindergarten?

Britta Haberl: Wir haben erst einmal mit neun Kindern begonnen. Demnächst werden es aber mehr werden, denn es gibt eine Reihe von Kindern, die noch nicht ganz drei Jahre alt sind, aber schon bei uns angemeldet sind. Es wird also noch dauern, bis die Gruppe voll wird, ich bin aber guter Dinge, dass dies bald der Fall sein wird, denn die Nachfrage ist groß. Wir haben bereits eine Warteliste, auf der ein- und zweijährige Kinder eingetragen sind. In den nächsten Monaten dürfte die Zahl von 25 Kindern erreicht werden.

Islamische Zeitung: Wie war die Resonanz der Medien auf die Eröffnung?

Britta Haberl: In den beiden Lokalzeitungen sind bereits Interviews erschienen, kurz vor der Eröffnung gab es größere Artikel darüber. Am Eröffnungs­tag klingelte ständig das Telefon; der SWR wollte bei uns drehen, auch die ARD, was wir aber abgelehnt haben, weil wir am ersten Tag, die neuen Kinder, neuen Eltern und die neue Erzieherin, die sich erst einmal kennenlernen müssen, nicht auch noch sofort mit der Presse oder dem Fernsehen konfrontieren wollen. In ein paar Wochen können sie gern einmal kommen. Die Zeitungen haben ein paar Fotos gemacht, aber auch nur nachmittags, als kein Kindergartenbetrieb war. Die dpa hat ein Interview mit uns gemacht, auch die „Bild“-Zeitung kam und wollte über uns berichten. Es gab auch ein Interview im SWR 4 Radio. Wir haben die Interviews gegeben, aber darauf geachtet, dass die Kinder darin nicht einbezogen wurden.

Islamische Zeitung: Sie haben mittlerweile auch die gesuchten Erzieherinnen gefunden?

Britta Haberl: Ja, wir haben jetzt eine feste Erzieherin mit einer Ganztagsstelle und eine weitere, die ehrenamtlich einspringen kann, falls es notwendig ist.

Islamische Zeitung: Was raten Sie anderen interessierten Muslimen aus Ihren Erfahrungen heraus?

Britta Haberl: Ich möchte in erster Linie die Muslime in Deutschland ermutigen, mehr für die Erziehung und Bildung der Kinder zu tun. Wir planen ja nicht nur einen Kindergarten, sondern auch eine islamische Schule, wobei es noch an der Finanzierung hapert. Ich möchte an die Muslime appellieren, nicht immer nur Moscheen zu bauen, sondern statt dessen Schulen und Kindergärten zu planen. Moscheen gibt es inzwischen genug. Wichtig ist die Bildung der Kinder, darin muss investiert werden. 30 Prozent der muslimischen Jugendlichen haben mittlerweile keinen Schulabschluss, das muss man sich einmal vorstellen. Das ist eine Katastrophe! Ein Großteil der Kinder aus Migrantenfamilien ist auf Hauptschulen, um die 60 Prozent, von denen wiederum viele gar keinen Abschluss machen. Nur ein kleiner Prozentsatz schafft es aufs Gymnasium. Es muss enfach mehr für die Bildung getan werden. Als Muslime sind wir da auch selber gefragt, wir können nicht einfach warten, dass der Staat etwas tut. Es ist bereits fünf vor zwölf. Im Kindergarten fängt es schon an mit der deutschen Sprachbildung. Wir legen bei uns im Kindergarten sehr großes Gewicht auf die Sprachbildung und dass von Anfang an die deutsche Sprache sehr stark gefördert wird. Die Kinder lernen im Alter von drei Jahren auch unglaublich schnell. In Rheinland-Pfalz wird von staatlicher Seite erst im letzten Kindergartenjahr Sprachförderung betrieben, aber das ist viel zu spät. Wir müssen einfach selber etwas für unsere Kinder tun. Es gibt genügend Muslime, die gebildet sind, die Pädagogen, Sozialpädagogen, Erzieher sind, die solche Projekte anfangen könnten. Wichtig ist auch, dass man die Zusammenarbeit mit deutschen Institutionen sucht. Man sollte auf die entsprechenden Fachleute zugehen und sich von ihnen mit beraten lassen. Es gibt Fachleute für Integration, für Sprachbildung, für Migranten, Pädagogen und dergleichen. Man sollte sie mit einbeziehen und es gemeinsam versuchen. Dann verlieren sich zum einen viele Ängste auf der anderen Seite und man erhält auch fachlich gute Unterstützung. Diese Leute sind vielfach auch bereit, mitzuhelfen, es muss nur die Initiative dazu von uns kommen.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau Haberl, vielen Dank für das ­Gespräch.

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