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Mainzer Arzt erwartet neue Massenflucht wegen Giftgas in Syrien

Drei Fragen zum Thema Giftgas an den Sozialmediziner Gerhard Trabert. Interview von Peter Zschunke

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Foto: Tech. Sgt. H. H. Deffner, DoD | Lizenz: Public Domain

Gerhard Trabert war gerade erst aus Syrien zurückgekehrt, da erhielt er von einem Arzt in Idlib die Nachricht vom schweren Angriff im Kriegsgebiet, vermutlich mit Nervengas. Und Fotos mit vielen toten Kindern.

Mainz (dpa). Nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff in Nordsyrien erwartet der Mainzer Arzt Gerhard Trabert, dass sich noch mehr Bewohner des Kriegsgebiets zur Flucht entschließen. Trabert, der erst am vergangenen Wochenende von einem Besuch des Flüchtlingslagers Ain Issa nördlich der syrischen Stadt Al-Rakka zurückgekehrt ist, hält Kontakt zum Arzt einer Klinik in Idlib, in der Opfer des Angriffs vom Dienstag behandelt werden. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur zeigt er sich bestürzt über die jüngste Eskalation des Bürgerkriegs.

Der 60 Jahre alte Arzt und Professor für Sozialmedizin begründete 1994 eine mobile medizinische Versorgung für Obdachlose. 1998 gründete er den Verein Armut und Gesundheit in Deutschland, der der Nationalen Armutskonferenz angehört. In den vergangenen Jahren engagierte sich Trabert verstärkt für Flüchtlinge und wirkte unter anderem bei der Rettung von Bootsflüchtlingen im Mittelmeer mit.

Frage: Welche Informationen haben Sie von den Folgen des Angriffs in Chan Scheichun?

Gerhard Trabert: Ich habe zuerst von Muheb Kaddor davon erfahren, einem Arzt im Krankenhaus von Idlib, mit dem ich schon länger in Verbindung bin. Er hat Berichte von Augenzeugen gehört und mir Fotos geschickt. Diese Bilder kann man nicht zeigen, viele tote Kinder. Alle sind geschockt und fassungslos. Mehr als 100 Menschen sind sofort gestorben, sagt Muheb Kaddor. Mehrere Hundert sind verletzt.

Frage: Wie kann den Verletzten medizinisch geholfen werden?

Gerhard Trabert: Das Krankenhaus in Idlib ist etwa 70 Kilometer vom Ort des Angriffs entfernt und hat bisher 20 Patienten aufgenommen. Der Arzt nimmt an, dass das Nervengift Sarin eingesetzt wurde. Denkbar wäre auch Chlorgas. Die meisten dieser Gifte sind schwerer als Luft. Deswegen sind besonders die Kinder betroffen, weil die höhere Konzentration am Boden ist. Sarin führt zu einer Atemlähmung, weil bestimmte Neurotransmitter von den Synapsen nicht mehr aufgenommen werden, da ersticken die Menschen. Bei einer Atemlähmung müssen die Menschen künstlich beatmet werden, aber Atmungsgeräte sind nur ganz wenige vorhanden.

Frage: Was bedeutet der Angriff für die humanitäre Situation im Kriegsgebiet?

Gerhard Trabert: Es ist zu befürchten, dass nun wieder ein neuer Flüchtlingsstrom einsetzt, in Richtung der türkischen Grenze. Ich rechne damit, dass dann vor der geschlossenen Grenze neue Flüchtlingslager auf syrischer Seite entstehen. Dabei gibt es das Problem, dass dort keine Hilfsorganisationen vor Ort sind – mit allen Auswirkungen auf die Versorgungslage der Menschen. Wir sind letztlich für die Verelendung dieser Menschen mitverantwortlich, wenn wir mit der Schließung der Balkanroute die Menschen von uns fernzuhalten suchen. Sie haben das Recht zu fliehen und sich in Sicherheit zu bringen.“

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