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Malische Vertriebene kehren nur zögerlich in den Norden zurück. Von Katrin Gänsler

Flüchtlinge im Dilemma

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Bamako/Timbuktu (KNA). Sie würden gerne zurückkehren, doch sie können es noch immer nicht. Unter den rund 475.000 Flüchtlingen, die den Norden Malis seit Mitte Januar 2012 verlassen haben, ist die Angst vor der unsicheren Versorgungslage groß. Außerdem sind viele der Ansicht, dass die Region auch vier Monate nach Beginn der französischen Militärintervention noch nicht wieder sicher ist. Doch auch der Alltag in den Städten wie Bamako, Mopti und Sevare ist für sie nur schwer zu bewältigen.

Aly Diakite zieht durch die sandigen Straßen von Timbuktu. Ab und zu bleibt er stehen und spricht mit Leuten, die er von früher kennt. Sie fragen ihn nach seiner Frau und den Kindern, die in Sevare, in Zentralmali, Zuflucht gesucht haben. „Bis wir alle zurückkehren können, wird es dauern“, sagt er. Er zuckt mit den Schultern. „Ich würde gerne bald zurückkommen. Aber ich denke nicht, dass das eine gute Idee ist.“

Diakite zeigt auf die alten Gebäude in der historischen Stadt. Er sei gerne in Timbuktu, schließlich sei das Leben hier ruhig und entspannt gewesen, bis die Islamisten kamen und die Stadt besetzten. Einige Male hat er sich die Lage selbst angeschaut. Zum Beispiel feierte er das Ende des Ramadan in Timbuktu. Seine Familie blieb jedoch in Sevare. Im April 2012 hatten sie dort Unterschlupf bei einer Tante gefunden, die nicht nur sie, sondern auch weitere Familienmitglieder aus Gao aufnahm. „Dort ist es eng. Wir sind 25 Personen, und ich habe keine Arbeit“, sagt Diakite. Gleichzeitig ist er jedoch sicher: „In Timbuktu ist es auch nicht besser. Auch hier könnte ich nicht arbeiten. Und wir haben nicht einmal jemanden, der uns ein paar Lebensmittel zustecken würde.“

Nach Statistiken des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR) vom Mai leben noch immer 300.783 Menschen aus dem Norden Malis nicht wieder in ihren Heimatorten, sondern in anderen Regionen. 174.129 weitere sind in die Nachbarländer geflohen. Mit über 74.000 Personen hat Mauretanien bisher die größte Zahl aufgenommen. Danach folgen der Niger und Burkina Faso.

Nach Beginn der Rebellion durch die Befreiungsbewegung von Azawad (MNLA) im Januar 2012 und der Besetzung durch islamistische Gruppen ab April 2012 hatte es im Januar eine erneute Flüchtlingswelle gegeben. Zwar wurde die französische Militärintervention überwiegend begrüßt. Zugleich sorgte sie jedoch für Unsicherheit in der Bevölkerung. Die Zahl der Flüchtlinge stieg weiter. Von einem messbaren Rückgang ist bislang keine Rede.

Die Schutzsuchenden sind nun meist auf sich gestellt. „In Mali selbst gibt es keine Camps“, erklärt Eduardo Cue, UNHCR-Sprecher in Bamako. Flüchtlinge kämen entweder bei Familienangehörigen unter oder mieteten selbst Häuser. Genau das sei oft ein Problem. „Die Mieten in Bamako sind sehr teuer. Viele Familien haben nicht die finanziellen Möglichkeiten, diese dauerhaft zu bezahlen. Das gilt auch für die Ausbildung der Kinder und den Kauf von Lebensmitteln.“ Laut Cue will deshalb mancher zurückkehren. Das Flüchtlingsleben – gerade in der Hauptstadt Bamako – sei schlichtweg nicht bezahlbar.

Das erlebt auch Alousseni Ag Samake Tag für Tag. Der Kunsthandwerker aus Timbuktu hatte sich Ende vergangenen Jahres mit seiner Familie auf den Weg nach Bamako gemacht. Ende Januar kamen sie schließlich an. Ob die Flucht richtig war, das kann er nach knapp vier Monaten in der Hauptstadt nicht sagen. „Wir wollten ja Sicherheit, weg von den Islamisten. Doch einfacher ist das Leben nicht.“

Bisher hat er nicht einmal eine bezahlbare Unterkunft gefunden. Stattdessen lebt die Familie weiter in einem Rohbau am Stadtrand von Bamako – ohne fließendes Wasser, Toiletten und Moskito-Netze, obwohl die Regenzeit bald einsetzen wird. „Nach dieser Erfahrung würde ich am liebsten sofort wieder zurückgehen“, sagt der Familienvater. „Ich hatte gehofft, hier Arbeit zu finden, Tuareg-Schmuck zu verkaufen.“ Geglückt ist das nicht. Deshalb fehlt ihm vor allem eins: das Geld, um den Transport in den Norden zu bezahlen. „Wenn ich es hätte, dann würden wir morgen fahren.“

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