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Matt in fünf Zügen?

Anmerkungen zur politischen Lage der muslimischen ­Gemeinschaft in Deutschland

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Foto: ABWI74, Pixabay | Lizenz: CC0 Public Domain

(iz). In Francis Ford Coppolas Drama „Apocalypse Now“ findet sich ein kurzer Dialog. „Wer ist hier der kommandierende Offizier, Soldat?“, will die Hauptperson Willard wissen. „Sind das nicht Sie?“, fragt der Fußsoldat zurück. Dieser Austausch kann als Metapher für die Lage des Politischen in der muslimischen Gemeinschaft Deutschlands sowie ihre politische Lage gelten.

„Warum die Skepsis?“, kann eingewandt werden. So viel Politik, so viel Organisation waren noch nie. Haben wir nicht eine wachsende Zahl von Moscheegemeinden, Dachverbänden und Metaorganisationen? Heuer jährt sich immerhin zum 10. Mal der Beginn der Deutschen Islamkonferenz. Und überhaupt, macht es sich der Kritiker nicht zu einfach, wenn er meckernd am Spielfeldrand steht? Wir haben für diesen Text mit Muslimen gesprochen, die sich innerhalb und außerhalb der Organisationen engagieren und ihre Wahrnehmung eingeholt.

Verkürzt lässt sich festhalten, dass die gemeinschaftliche Lage der Muslime in Deutschland stark durch zwei Dinge geprägt wurde. Zum einen dominierte in ihrer Entstehung die Einwanderung (die „biodeutschen“ Muslime werden auch weiterhin stiefmütterlich behandelt). Zum anderen kam es mit dem 11. September 2001 zu einer Zäsur, welche die muslimische Selbstorganisation vor komplexe, dauerhafte Herausforderungen stellte. So musste sie erstmalig die Notwendigkeit anerkennen, sich von radikalen Ideologien abzugrenzen und diese innerislamisch, auf Grundlage der Lehre, zurückzuweisen.

Während bis Ende der 1990er Jahre das Provisorium halb-migrantischer, halb-muslimischer Daseinsformen dominierte, sah sich die muslimische Selbstorganisation in Folge durch massiven Druck von außen zum Handeln veranlasst; nicht selten überstürzt und ohne gemeinschaftliche Debatte. Es ist keine Übertreibung: Die „großen“ Projekte muslimischer Verbände seit den Anschlägen von New York sind zumeist eine Reaktion auf Zuruf von außen. Einige sind erwähnenswert, weil sie den Zustand des „organisierten Islam“ bis heute prägen:

Schaffung einheitlicher Strukturen: Das Projekt „Muslimische Einheit“ entstand mit der Jahrtausendwende. Einerseits forderten Staat und Politik in der aufgeheizten Atmosphäre Ansprechpartner. Andererseits wurde deutlich, dass Muslime für die Bewältigung ihrer Zukunftsaufgaben gemeinsame Diskussions- und Entscheidungsprozesse brauchten, da keine der eigentlichen Aufgaben für eine individuelle Organisation allein zu bewältigen war. „Einheit“ scheiterte aus verschiedenen Gründen – externen wie internen. Was blieb, war der Koordinationsrat der Muslime (KRM); ein Gremium, das wenig zu beraten und noch weniger zu entscheiden hatte. Die Folgen sind erheblich. Mit Ausnahme von adhoc-Aktionen gibt es weder verbindliche Entscheidungsebenen, noch eine religiös-rechtliche Grundlage, auf der sich der organisierte Islam in Deutschland bewegt.

Über den Islam konferieren: Vor zehn Jahren hob Wolfgang Schäuble die Islamkonferenz aus der Taufe. Zum ersten Mal war die Politik auf höchster Ebene bereit, mit der muslimischen Selbstorganisation zu sprechen. Von Beginn an krankte sie an mindestens zwei Faktoren. Einerseits weigerte sich Berlin zu lange, direkt mit teilnehmenden Verbänden auf Augenhöhe zu sprechen, sondern moderierte eine Debatte zwischen ihnen und ihren Kritikern. Außerdem behandelte sie die DIK als Vehikel für Sicherheits- und Antiterrorpolitik. Andererseits hebelten sich die Muslime zum Teil selbst aus, weil ihr Wunsch nach „Anerkennung“ von vorneherein Diskurshoheit und Definitionsmacht abtrat.

Bildung und Wohlfahrt: Auch in der höheren Vermittlung von islamischem Wissen sowie in der „Wohlfahrt“ (historisch eine muslimische Stärke) richten sich Verbände – ohne innermuslimische Debatte und Konzeptarbeit – am Staat aus. Es hat den Anschein, die Verantwortlichen setzen auf den „Großen Bruder“ als Mittel, Kernaufgaben zu realisieren.

Krise
Fraglos gibt es externe Faktoren, die Einfluss auf Probleme des Politischen in der muslimischen Gemeinschaft nehmen. Dazu gehören der gestiegene Druck auf sie, ein dauerhafter Zwang, sich politisch äußern zu müssen und damit die Positionen der Lehre dem ­Politischen unterzuordnen, sektiererische Elemente sowie der Einbruch neuer Organisationsformen.

Es wäre aber zu einfach, den Blick nur nach außen zu richten. Vieles ist der fehlenden Einheit, mangelnder Begegnung und Ziellosigkeit geschuldet. Nach dem de facto Scheitern des KRM gibt es jenseits regionaler Zirkel gar keine Ebene mehr, auf der sich die deutschen Muslime politisch begegnen könnten.

Ein aktuelles Beispiel war die Performance muslimischer Kandidaten bei den Berliner Wahlen. Es gelang den Antretenden beziehungsweise ihren Parteien nicht, ein Mindestmaß an Stimmen erhalten, um relevant zu wirken. Ein anderes ist die oft fehlende Kapazität zur konzertierten Aktion. Häufig setzen individuelle Akteure auf den kurzzeitigen Erfolg, statt langfristig und kollektiv zu denken.

Die Krise des Politischen in der muslimischen Gemeinschaft lässt sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

1. Dank der Migrationsgeschichte setzen sich importierte Konfliktlinien verstärkt in Deutschland fort. Immer häufiger kann nur das Für oder Wider geäußert werden. Eine wohlwollende oder nüchterne Distanz wird schwieriger.
2. Eine etwaige muslimische Führung ist derzeit kaum in der Lage, Inhalte und Ziele zu definieren.
3. Muslime bewegen sich geistig immer häufiger in negativen Bezügen. Es sind Angriffe oder Kritik, die eine Reaktion hervorrufen.
4. Sind Muslime in Deutschland egozentrisch geworden? Fehlt es ihnen an Beiträgen für die gesamtgesellschaftliche Debatte?
5. Politisch haben die deutschen Muslime die Lektionen aus den zwei bis drei Jahren vor und nach dem 11. September 2001 verschlafen.

Binnenperspektive
Wie sehen aktive oder ehemalige Verantwortliche in den muslimischen Gemeinschaften die Lage? Mohammed Khallouk ist Akademiker und stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). Mit Ibrahim El-Zayat haben wir einen ehemaligen Verantwortlichen befragt, der jahrelang an verschiedenen Projekten und in diversen Gremien engagiert war.

Soweit es Differenzen innerhalb der Community betrifft, sieht Mohammed Khallouk „eine gewisse Lagerhaltung“. Diese sei aber von der deutschen Öffentlichkeit „teils bewusst, teils unbewusst“ gefördert worden. Insbesondere dann, wenn „innermuslimische Kleingruppen“ zu jeder wesentlichen, Muslime betreffenden Frage um Statements gebeten würden. Ibrahim El-Zayat sieht dies anders: „Falls hier die politische Situation in Bezug auf die Türkei gemeint ist, dann kann ich nicht erkennen, dass innerhalb der muslimischen Community eine Lagerhaltung vorhanden ist.“ Im Gegenteil erkenne er über viele frühere vermeintliche Grenzen hinweg, dass sich der praktizierende Teil der Muslime ziemlich uneingeschränkt auf die Seite der türkischen Regierung gestellt habe.

Wie sehen die beiden Befragten das Potenzial von Führung, Inhalte und Ziele definieren und realisieren zu können? Für Khallouk versuchten die organisierten Muslime durchaus, positive Inhalte und Ziele zu verfolgen. „Dennoch stehen die Muslime in Deutschland ständig unter Druck einer politischen und medialen Öffentlichkeit, sich gegenüber vermeintlichen oder tatsächlichen Extremisten abgrenzen zu müssen und sich für dieses und jenes Verhalten zu rechtfertigen.“ Das verlange sehr viel Energie, die für neue positive Ziele und Inhalte fehlen würde. El-Zayat sieht die Ursachen stärker bei Muslimen verortet. Es gebe seit Jahren ein erhebliches Defizit im Bereich der Führung muslimischer Institutionen in Deutschland und den meisten europäischen Ländern. „Die Hauptursache ist darin begründet, dass sich die muslimischen Gemeinschaften nach wie vor überwiegend über ihre Herkunftskulturen definieren und die Entwicklung einer deutschsprachigen islamischen oder muslimischen Identität fehlt.“ Deshalb bleibe es ein Faktum, so der langjährige Kenner, dass in vielen Bereichen der muslimischen Infrastruktur keine klare Vision und Idee einer muslimischen Präsenz vorhanden sei.

Auf die Frage, ob es in politischer Hinsicht eine Schieflage in Richtung negativer Themen gebe, kommen beide Gesprächspartner zu unterschiedlichen Gewichtungen. Für Mohammed Khallouk existiere sie zum Teil. Sie werde aber mit der medial erzeugten Lagerbildung verstärkt. Davon abgesehen seien die Muslime „auch tagtäglich öffentlicher Kritik“ ausgesetzt, auf die sie reagieren müssten. Ibrahim El-Zayat stimmte der Frage nach einem etwaigen Missverhältnis zu. Die Prioritäten eines erheblichen Teils der muslimischen Gemeinschaften lägen nicht im Bereich der positiven Mitgestaltung der Gesellschaft, „und das muss sich ändern“.

Eine etwaige Egozentrik unter Deutschlands Muslimen wollten beide gleichermaßen nicht erkennen. Der zweite ZMD-Chef kann keinen Mangel an Beiträgen für die gesellschaftliche Debatte erkennen. Vielmehr tauchen Egozentriker unter den Muslimen „in der medialen Öffentlichkeit“ überproportional auf. Muslime würden meist erst aktiv, so Ibrahim El-Zayat, wenn ihre unmittelbaren Belange betroffen seien. „Trotzdem kann man nicht davon sprechen, dass die Muslime in Deutschland egozentrisch sind. Der Einsatz vieler für ihre Heimatländer auch über Religionsgrenzen hinweg ist ein guter Beleg dafür, dass eine weitergehende Verantwortlichkeit gefühlt und wahrgenommen wird.“ Aber leider setze man sich seiner Meinung nach tatsächlich nicht ausreichend mit den gesellschaftlichen Herausforderungen Deutschlands auseinander.

Der Blick von außen
Bei einigen Aktiven in der muslimischen Zivilgesellschaft weicht die Wahrnehmung stellenweise von der innerhalb des „organisierten Islam“ ab. Dies mag unterschiedliche Ursachen haben, dokumentiert aber, dass es offenkundig an einem, wenn nicht einheitlichen, so doch übergreifenden, Diskurs in der Community hapert.

Wolf Ahmed Aries, deutscher Muslim der ersten Stunde, Autor und Referent zu muslimischen Themen, zeigt sich irritiert. Er könne keine Führung erkennen. „Es gibt verschiedene Verbandsspitzen, mehr nicht.“ Der Osnabrücker Islamwissenschaftler Bilal Erkin sieht die Frage ambivalent. Auf allen muslimischen Verbänden sitze Druck der Politik, Medien, Gesellschaft sowie den Muslimen selbst. Demnach gestalte sich die innermuslimische Debatte „daher erklärlicherweise über die gesamtgesellschaftliche Debatte“. Er habe den Eindruck, man versuche mit viel Eifer und Mühe den „brennenden Themen der Öffentlichkeit“ nachzukommen. Erst danach könne man sich aufrichtig den eigenen Anforderungen widmen. „Darunter leiden manchmal die eigenen Gemeindemitglieder.“ Die Bloggerin Mahdiya Rogalski gesteht positive Entwicklungen zu. Für sie gebe es sowohl „viel Negativität im Umlauf“, als auch ein wachsendes Gefühl des Miteinanders.

Wolf Ahmed Aries und Mahdiya Rogalski vermissen beide eine eigenständige, hörbare und mehr als nur vereinzelte Rolle von Gelehrten. „Weder die wenigen einheimischen Gelehrten“, so Aries, „noch jene, die aus der Umma zu uns kommen oder geschickt werden, sorgen sich um die deutschen Verhältnisse“.

Der deutsche Islam-Veteran Aries sieht für die oft bemängelte Fokussierung auf Negativthemen Wurzeln in der Vergangenheit: „Seit dem Beginn des Islaminstituts in den 1970er Jahren ging es stets darum, die Gleichberechtigung, die Anerkennung als Teil der deutschen Gesellschaft zu erreichen. Dazu wurden die ‘Hindernisse’ identifiziert und in ihren historischen Kontext gestellt. Dieser Strategie folgten die Verbände.“ In der Realität sei so eine negative Utopie entstanden, die bis heute alle Ansätze zu einer positiven verhindert habe. Für Rogalski definierten „definitiv“ Negativthemen. Sie seien in der Überzahl. „Ich schätze, dass die Mehrheit sich von der Negativität beeinflussen lässt und es enorme Kraft kostet, dennoch positiv zu bleiben.“ Der Islamwissenschaftler Erkin erkennt das Phänomen an, sieht aber „die größte Verantwortung“ bei den Medien. Positivnachrichten seien Seltenheit. „Das ist auch der Grund, warum von Muslimen selbst definierte Themen wenig Gehör finden.“

Die Frage einer etwaigen muslimischen Egozentrik ist ursächlich mit ihrer Fähigkeit verbunden, Beiträge für das Ganze zu formulieren. Für Wolf Ahmed Aries ist dieser Selbstbezug „ein Schutzmechanismus, den es zu respektieren gilt“. Ein Teil davon sei die immer noch sehr starke Rückbindung an die Ursprungsregionen beziehungsweise -länder. Bilal Erkin sieht beide Aspekte der Frage. Im Interesse der religiösen Bedürfnisse von Muslimen seien einzelne Fragen durchaus wichtig. Aber, so fragte Erkin, „was nützt eine Gesellschaft, in der diese Fragen im Sinne der Muslime geklärt sind, aber die übrigen Lebensbereiche nicht funktionieren?“

Wohin nun?
Um zu wissen, wo wir uns befinden, müssen wir zwei Vektoren kennen: Woher wir kommen und wohin wir uns bewegen (wollen). Die Voraussetzung für ein energetisches Handeln der Muslime ist ein genuines Zusammenkommen der Gemeinschaft sowie eine Debatte.

Die Verhältnisse sind auf eine schiefe Ebene geraten. Ihre Geschwindigkeit – und die einhergehende Veränderung – nimmt exponentiell zu. Will der organisierte Islam mehr sein als eine Ansammlung von Verbandsvertretern, muss er sich von der Trägheit seiner verbandspolitischen Struktur freimachen sowie von dem unbewiesenen Glauben, er könne agieren, ohne die Zeichen der Zeit zu beachten. Und er muss die restlichen Segmente der muslimischen Gemeinschaft mit einbeziehen.

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Sulaiman Wilms

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