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Media-Coup oder entscheidende Aufdeckung? Anmerkungen zu den Afghanistan-Enthüllungen von Wikileaks. Von Sulaiman Wilms

Der zweite Streich der „Nestbeschmutzer“

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(IZ/Agenturen). Es wirkte wie ein Paukenschlag, wurde aber seit Wochen minutiös geplant. Die Rede ist hier von dem so genannten „Enthüllungsnetzwerk“ Wikileaks, das jüngst eine unendliche hohe Menge an internen Militärprotokollen über den Krieg in Afghanistan (ab 2004) veröffentlichte. Neben der Dokumente bisher unbekannter ziviler Opfer kam es auch zu Spekulationen zur iranischen und pakistanischen Beteiligung in Afghanistan.

Mehrere Wochen, bevor drei internationale Zeitungen und Nachrichtenmagazine – die „New York Times“, der „Guardian“ und der „Spiegel“ – über die Aktion berichten konnten, hatte Wikileaks diesen Medien die Unterlagen zur Prüfung übergeben. Mittlerweile sind sie direkt über die Wikileaks-Webseite (wikileaks.org) auch von dritter Seite einzusehen. Wikileaks stellt seit drei Jahren sensible und heikle Dokumente und Videos zumeist aus anonymen Quellen ins Netz.

Drei Jahre Enthüllung
Die Veröffentlichung der mehr als 90.000 Dokumente und Reports unterer und mittlerer Dienstgrade aus dem afghanischen Gefechtsgebiet verglich Wikileaks-Chef Julian Assange, der in der Vergangenheit von dritter Seite wegen seines Finanzgebarens angegriffen wurde, mit der Öffnung der ostdeutschen Stasi-Archive. In den letzten drei Jahren hat Wikileaks wiederholt geheime Dokumente veröffentlicht. Dazu zählten Dokumente über Korruption in einigen Staaten, ein Militärhandbuch für das US-Internierungslager Guantanamo, Dokumente einer Schweizer Bank, einen internen Bundeswehrbericht zum Luftangriff auf zwei Tanklaster sowie ein Video der US-Armee von einem Helikopterangriff auf irakische Zivilisten, das weltweit für Aufsehen sorgte.

„Ein Sonderfall“
„Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo erklärte am Tag der Veröffentlichung, dass es sich bei der Nutzung des Wikileaks-Materials um „einen Sonderfall“ handle. Kernaufgabe seines Magazins bleibe die „eigene investigative Recherche“. Mascolo stellte klar, dass für die Bereitstellung der unzähligen Dokumente kein Geld geflossen sei. Nach einer Prüfung des Materials von Fachleuten in der „Spiegel“-Redaktion sei schnell der Eindruck entstanden, „dass das Material authentisch“ ist. Die deutsche Veröffentlichung fiel mit der entsprechenden Ausgabe des „Spiegel“ vom 26. Juli zusammen, die mit der Titelgeschichte über die geheimen Kriegsprotokolle aus Afghanistan betitelt ist.

Hehre Absichten
Ziel von Wikileaks ist es, brisante Dokumente anonymer Quellen öffentlich zugänglich zu machen. Die dahinter stehende Motivation ist es, unabhängige Journalisten und Blogger mit geheimem Material zu versorgen, das diese dann an die Öffentlichkeit weitergeben sollen. Durch die komplexe technische Infrastruktur von Wikileaks, die nach unabhängigen Berichten in den letzten Monaten unter Schwierigkeiten zu leiden hatte, solle sichergestellt werden, dass die entsprechenden Materialien nach einer Veröffentlichung nicht mehr zu eliminieren sind. Die Betreiber machen sich aber nicht nur Freunde. Sie gehen davon aus, auch im Visier westlicher Geheimdienste zu stehen.

Es darf aber bezweifelt werden, ob die Veröffentlichung der Afghanistan-Protokolle überhaupt zu einem Politikwechsel führen wird oder kann. Anders als im Fall des Vietnamkrieges hat sich – beispielsweise in Deutschland – die Politik bisher nicht von einer öffentlichen Ablehnung des offenkundig nicht zu gewinnenden Krieges am Hindukusch beeindrucken lassen. Assange sieht das anders. „Das Material wirft ein Schlaglicht auf die alltägliche Brutalität und das Elend des Krieges. Es wird die öffentliche Meinung verändern und auch die von Menschen mit politischen und diplomatischem Einfluss“, erklärte der Wikileaks-Chef in einem Gespräch mit dem „Spiegel“. Es gebe ein „allgemeines Gefühl“, wonach es besser wäre, „den Krieg zu beenden“.

Seit Jahren sind die kommerziellen Mehrheitsmedien, darunter ironischerweise auch der „Spiegel“, parteinahe Stiftungen und strategische Denkfabriken massiv daran beteiligt, den politischen Status Quo in Sachen Afghanistan aufrechtzuerhalten. Grundlegend fraglich ist, ob sich der Bundestag bei einer jetzigen Abstimmung – trotz der Veröffentlichungen, die die Begründungen für den Afghanistan-Krieg noch weiter untergraben – grundlegend anders entscheiden würde.

Selbst wenn sich kurzfristig nichts ändern wird oder kann, könnte zumindest erwartet werden, dass die Öffentlichkeit künftig von den offiziösen Phrasen der „Verteidigung der Demokratie am Hindukusch“ oder des Schutzes von Frauenrechten in Afghanistan verschont wird. Es kann durchaus hinterfragt werden, ob in Zeiten einer medialen Aufmerksamkeitsökonomie und der beinahe schon medienwirtschaftlich notwendigen Skandalisierung von Ereignissen, die eine strukturelle Kritik dieser unmöglich macht, die Veröffentlichung der Afghanistanberichte eine breitere Wirkung haben wird.

Erkenntnisprobleme
Angesichts der Tatsache, dass es sich bei den Dokumenten um mehr als 90.000 Stück handelt, ist es fast unmöglich, dass sich der normale Medienkonsument – aber auch unabhängige Medien oder Einzeljournalisten – anhand der Dokumente überhaupt ein neues Bild machen kann. Und so sind es wiederum die gleichen Massenmedien, die seit Jahren das öffentliche Bild über den Afghanistankrieg prägen, welche die Dokumentation für „uns“ aufbereiten. Damit bleiben sie es, die unseren Erkenntnisstand und unsere Meinungen prägen. Es ist dringend an der Zeit, über neue Medienformen nachzudenken, die dem Anspruch der „Vierten Gewalt“ gerecht werden.

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