IZ News Ticker

Medien vergiften das Klima

Die Sucht der Islamfeindlichkeit wird zu weiteren Opfern führen. Von Mudessar Ahmad

Werbung

Foto: Karl-Ludwig Poggemann

„Der Terroranschlag auf Londoner Muslime wirft auch ein zwielichtiges Licht auf die Massenmedien. Die Massenmobilisierung von Lesern, auf Grundlage einer unscharfen Terminologie, der Stimulierung niedriger Instinkte und mangelnder Differenzierung, erreicht eben auch Psychopathen, Gewalttäter auf Sinnsuche und sektiererische Sekten aller Couleur.“ (Abu Bakr Rieger)

Ich will Muslime töten“, das waren die berichteten Worte des Mörders, der am Abend des 18. Juni in eine Menschenmenge vor einer Londoner Moschee raste.

Er möchte Muslime töten. Und, ist das ein Wunder? Großbritanniens rechtsgerichtete Medien haben mitgeholfen, die Feindlichkeit gegenüber den muslimischen Gemeinschaften des Landes anzustacheln. Damit spielen sie gleichermaßen muslimischen und rechtsgerichteten Extremisten in die Hände. Der Rechtsaußenflügel der regierenden Konservativen dachte, er könne diese Wut nutzen, um seine Wählerbasis zu verbreiten, ohne dabei das Leben von Briten zu riskieren. Sie haben sich geirrt.

Britische Boulevardblätter haben, anders als ihre amerikanischen Gegenstücke, wichtige „politische Muskeln“. Die meisten sind eng mit den konservativen Tories verbunden. Man stelle sich einmal vor, amerikanische Boulevardmedien würden den sensationalistischen Journalismus nicht nur zur Berichterstattung über Brangelinas Scheidung nutzen, sondern auch ihren Lesern mitzuteilen, wen sie wählen, was sie denken und was sie fühlen sollen. Malen wir uns nur aus, was geschähe, behandele man den „National Enquirer“ wie die „New York Post“.

„The Sun“, das beliebteste Boulevardblatt, brachte eine falsche Schlagzeile, wonach „einer von fünf britischen Muslimen mit dem IS sympathisiert“. Der „Daily Star“ behauptete, dass in den Moscheen „offiziell Gelder für Terror gesammelt würden“. Bis vor Kurzem brachte die „Daily Mail“ eine regelmäßige Kolumne von Katie Hopkins, die eine „Endlösung“ für den Islam forderte.

Und es ist nicht nur die Yellow Press; auch die respektablere Seite der britischen Medien ist süchtig nach Islamophobie. Douglas Murray, ein rechtsgerichteter Aktivist, der verlangte, die Bedingungen der europäischen Muslime sollten „durch die Bank weg“ erschwert werden, erhielt zur Prime Time einen zweiminütigen Monolog im politischen Flagschiff der BBC am Samstag. Dort sagte er den Zuschauern, die Briten müssten für den Kampf gegen Terror „weniger Islam“ haben.

Nach den Angriffen auf Muslime­ außerhalb der Finsbury Park-Moschee werden wir daran erinnert, dass Radikalisierung nicht nur ein Problem der Muslime ist. Bei all dem kamen sozioökonomische Verarmung, Entfremdung sowie entmenschlichende Ideologie zu einer gefährlichen, radikalisierenden Mischung zusammen, die Extremismus ausbrütet. Das kann in muslimischen Gemeinschaften geschehen und in nicht-muslimischen Gemeinschaften. Immerhin betreffen ein Viertel aller Antiterror-Vorfälle der britischen Polizei Gewalt weißer Suprematisten.

Unglücklicherweise hat die konservative Regierung lange der Idee widerstanden, dass Radikalisierung nicht nur ein Problem von Muslimen ist. Premierministerin Theresa May selbst goss Öl ins Feuer. Ihr verschlüsselter Rassismus als Reaktion auf frühere Terrorangriffe von Muslimen, scheint die muslimische Gemeinschaft zu bezichtigen, Extremisten zu beherbergen.

May erwähnte nicht, dass die Behörden wiederholt über den Manchester-Bomber und die Terroristen der London Bridge gewarnt wurden – von Muslimen. Sie erklärte nicht, wieso Sicherheitsbehörden und Polizei nicht die Mittel hatten, um angemessen zu reagieren. Sie rechtfertigte nicht die Entlassung von 20.000 Polizeibeamten, als sie Innenministerin war.

In ihrem Statement direkt nach dem Anschlag distanzierte sich May von ihrer Politik der versteckten Signale. Sie versprach einen genauso harten Umgang beim rechtsextremen Terrorismus, wie dieser mit muslimischen Terroristen gepflegt wird. Der wirkliche Test von Mays Führung liegt darin, ob sie den Mut haben wird, den rechtsextremen Terror auf die gleiche Weise zu benennen, herauszufordern und zu untersuchen, wie sie es bei Angriffen durch Muslime tut.

Und kann sie die Nation darin anleiten, es ihr nachzutun? Werden weiße Briten dieses verabscheuungswürdige Verbrechen genauso verurteilen wie Muslime es mit extremistischen Terrorakten tun? Werden sich Priester den Beerdigungsriten für rechte Täter verweigern, wie es britische Imame bei den Angreifern auf die London Bridge taten?

Wir wären angesichts von Vorschlägen zu Recht erschrocken, wonach die ­Geschichte des Blutvergießens im „weißen“ Europa hieße, dass weiße Europäer eine besondere Neigung zu Gewalt hätten. Oder, dass weiße Briten heimliche Terrorsympathisanten seien, wenn sie nicht lautstark protestieren. Oder, dass Mitglieder der Gemeinde, aus welcher die Angreifer kamen, mit Sicherheit etwas gewusst hätten, sich aber gezielt weigerten die Behörden zu informieren. Oder, der absolute Höhepunkt, dass die Lösung des Problems darin bestünde, wenn wir weniger Weißheit hätten.

Die meisten von uns wissen, dass ­solche Vorschläge Unsinn sind, sobald wir sie hören. Warum also, werden die gleichen Ideen dann so ernst genommen, wenn es um die muslimische Gemeinschaft geht?

Werden die Briten Theresa May vertrauen, ihnen diese Fragen zu beantworten? Und kann sie gegen rechtsgerichteten Terror kämpfen, während sie eine Koalition mit der rechtsextremen DUP eingeht, die Verbindungen zum politischen Terrorismus unterhält, damit sie die parlamentarische Mehrheit sichern und den harten Brexit durchsetzen kann?

Viele Menschen in Großbritannien sind schockiert, ihre Nation am Rande zivilgesellschaftlicher Unruhe zu sehen – mit einer ungewählten Führerin, die sich durch Geheimabsprachen mit terroraffinen Strukturen an der Macht hält. Und mit der irrationalen Isolation, die hervorgebracht werden könnte, wenn man aus der EU ausbricht.

Ich befürchte, dass auf der gegenwärtigen Entwicklungsrichtung viele Menschen fühlen, dass Großbritannien der erste gescheiterte Staat der ersten Welt werden könnte. Das heißt, dass wir zu einer höher entwickelten Version der Staaten werden, in die wir sonst einmarschieren. Vielleicht werden sie bei der nächsten Wahl entscheiden, dass die Lösung in einem Regimewechsel besteht.

Muddassar Ahmed ist Vorsitzender des Forum for Change, einer Denkfabrik, die zu Themen der Inklusion und Vielfalt arbeitet. In der Vergangenheit hat er die britische Regierung beraten.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen