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Mehr Achtung für die Geschichte des Islam in Deutschland und Osteuropa ist nötig. Von Mieste Hotopp-Riecke, Berlin

Plädoyer für Perspektivenwechsel

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(iz). Olaf Zimmerman, Geschäftsführer des Deutschen Kultur­rates, sagte bei der Präsentation des Dossiers „Islam Kultur Politik“ in Berlin, der beste Schutz gegen die Angst vor dem „unbekannten Muslim“ sei Wissen über das Fremde in unserer Nähe. Die zukünftige deutsche Gesellschaft könne nur unter Miteinbeziehung der hier lebenden Muslime und ihrer Kultur sinnvoll gestaltet werden. Das Dossier ist für die Allgemeinheit als erstes Gegengewicht im Anschluss an die Sarrazin-Debatte gedacht und als Überblick gelungen. Tilo Sarrazin hat augenscheinlich die Geschichte seines eigenen Namens als Auftrag missverstanden. Bedeutet Sar(r)azin (frz. Sarrasin) doch „der im Land der Sarazenen (Muslime/”Heiden”), im Morgenland geweilt hat“ beziehungsweise in seiner ethnischen oder religiösen Bedeutung „islamischen Völkern zugehörig“ oder im weiteren Sinne „heidnisch“, allgemein „fremdartig“. Der Name Sarrazin selbst kann also für eine längst vergessene Integration von „Fremden“ in Europa stehen.

Geht es nun aber um Islam und Muslime in Europa, einen europäischen Islam oder die Geschichte des Islam in Deutschland, fehlt eine geografische Einheit fast gänzlich – nicht nur in diesem neuen Dossier, sondern im deutschen Feuilleton und im sogenannten Euro-Islam-Diskurs insgesamt. Dies gilt auch für den Großteil der neuesten Publikationen in der deutschen Wissenschaftslandschaft: Das muslimische Euro­pa jenseits von Oder und Neiße sucht man vergebens. Die über tausendjährige Geschichte des tatarischen Islam an Wolga und Kama, den Islam am Schwarzen Meer oder die über 600-jährige Geschichte des Islams in Polen und im Baltikum wird kaum wahrgenommen, die Euro-Islam-Debatten unter muslimischen Gelehrten und Intellektuellen Osteuropas weitestgehend ignoriert. Dabei „liegt das Glück so nah“, das Anerkennen dieser diskreten muslimisch-europäischen Integration könnte ein Beispiel geben und viel Aufgeregtheit um das scheinbar junge Phänomen „Islam in Europa“ nehmen. Tatarische Gemeinden mit Traditionen, die in das 15. Jahrhundert reichen, existieren bei unseren EU-Nachbarn in Szczecin/Stettin und Danzig/Gdansk, in Vilnius und Białystok und vielen weiteren Orten.

Was allgemein in Vergessenheit geraten ist – schaut man auf die deutsche Islamdiskussion -, jedoch unser Augenmerk gerade in Zeiten undifferenzierender erhitzter Debatten um Integration von Muslimen in Deutschland verdient hätte, ist die lange sächsisch-preußische Tradition des Respekts und der Toleranz gegenüber dem Islam in den vergangenen Jahrhunderten.

Olaf Hahn bemerkt zur Herausgabe des Dossiers: „Ein Dossier ‘Islam Kultur Politik’ kann nur am Anfang der Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Ausprägungen muslimischer Lebenswirklichkeit in Deutschland aus dem Blickwinkel der Kultur stehen. Es ist eine Einladung an die Öffentlichkeit, sich aktiv und konstruktiv in diese Auseinandersetzung einzubringen.“ Mich als Teil dieser Öffentlichkeit begreifend, möchte ich hier einige Denkanstöße skizzieren, die meines Erachtens sträflich vernachlässigt werden.

Um etwas das oben erwähnte „Wissen über das Fremde in unserer Nähe“ zu beleuchten, das – wie mir scheint – zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist, muss kurz auf einige Aspekte der preußisch-sächsisch-tatarischen Geschichte eingegangen werden, denn die Beziehungsgeschichte von Tataren und Deutschen ist gar nicht so exotisch, marginal oder fern, wie es auf den ersten Blick scheinen mag…

Militärallianzen
Schon während der Zeit der Tannenberg/Grunwald-Schlacht im 15. Jh. gab es Versuche von Seiten des Deutschen Ordens, mit den Tataren Allianzen zu schmieden. Die islamische Religionszugehörigkeit der Tataren spielte dabei keine Rolle, wurde den polnisch-litauischen Widersachern aber immer wieder vorgehalten, die ja 1410 mit den Tataren die Grunwald-Schlacht gewannen. Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts änderte sich das internationale Kräfteverhältnis rasant: Nun kämpften tatarische Soldaten auf Seiten der Polen, später der Franzosen, Preußen und Sachsen, und auch die diplomatischen Beziehungen zwischen den Krim-Khanen und mitteleuropäischen Herrschern intensivierte sich.

Tataren und Preußen
Die militärischen Allianzen waren nur die eine Seite der Medaille: Die ersten preußisch-muslimischen Kontakte überhaupt dürften die zwischen dem Haus des Kurfürsten und des Khans der Krim gewesen sein. Schon am 7. März 1599 gelangte der erste Brief einer tatarischen Gesandtschaft unter „Mohomet Aga“ von der Krim an den brandenburgischen Hof.

Einige Jahrzehnte später, 1632, gab es einen nächsten brandenburgisch-tatarischen Kontakt und zwar zwischen einer krimtatarischen Gesandtschaft und dem Direktor des Kurfürstlichen Kriegsrates Gerhard Romilian von Leuchtmar, „Director des Kriegsrathes“ unter der Herrschaft von Herzog Georg Wilhelm von Brandenburg. Der Gesandte Sanduny Mehmet ‘Ali Mirza des Krim-Khans Mehmed IV. Giray weilte später 1656 mit seiner Delegation in Königsberg. Unter Meydan Gazi Mirza kam 1659 die dritte krimtatarische Delegation. Weitere Gesandtschaften und einen intensiven Briefwechsel gab es hernach über Jahrzehnte. Die Frauen der Krim-Khane schrieben den Königinnen von Preußen und umgekehrt, die Kurfürsten und Könige Preußens standen in Briefwechsel und diplomatischem Austausch mit der Krim.

Soldaten in Sachsen und Preußen
Tatarische Armeen waren im 17. ­Jahrhundert Verbündete der Preußen und schließlich dienten einige tausend tatari­sche Reiter in der Preußischen ­Armee. Wolga-Tataren, Lipka-Tataren und Krim-­Tataren dienten in den Husaren-, Bosniaken-, Ulanen- und Towarczy-Regimentern – sie kamen als Deserteure, als Söldner, Geschenk oder Beute. Die erste Initiative zur Aufstellung eines originär tatarischen Truppenkontingents des brandenburg-preußischen Staates aber datiert auf den 14. September 1675. Auf Anweisung von Kurfürst Friedrich Wilhelm von Preußen an Feldmarschall Fürst Johann Georg zu Anhalt beauftragte letzterer die polnischen Rittmeister Johann Rybinsky und Dobrogost Jaskolecky mit der Anwerbung von tatarischen Reitern für zwei Kompanien Towarczyz. Auf Geheiß Friedrich Wilhelms wurden diese ersten Kavallerie-Soldaten stationiert. Im Mai 1676 entschloss sich dann der Kurfürst, beide Einheiten wieder gen Polen zu entlassen. Einerseits wegen eines Aufrufes von polnischer Seite, andererseits, weil sie sich bei relativ hohen Kosten nicht im Kampfe bewährt hatten.

Ab dieser Zeit kamen immer wieder Tataren in die preußische Armee. Am bekanntesten sind wohl die 20 tatarischen Langen Kerls, die als Geschenk des Grafen von Kurland nach Potsdam ­kamen. 1732 erhielten diese ersten 20 tatarischen Langen Kerls per Edikt des Königs ihre Mescit (Gebetsraum) in Potsdam, wurden aber ebenfalls nach einiger Zeit wieder gen Heimat entlassen. Das berühmte preußische Toleranzedikt hat hier seine Wurzeln: „alle Religionen Seindt gleich und guht wan nuhr die leüte so sie profesiren Erliche leüte seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wolten das Land Pöpliren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen“. Im Jahre 1761 erfolgte schließlich die Errichtung eines „Corps Tartarischer Ulanen von acht Fahnen“, die 1762 zur Aufstockung des Bosniaken-Corps auf 10 Schwadronen führte. 1800 dann wurde das Corps in ein Regiment Towarczys umgewandelt, woraus 1807 ein Regiment Ulanen hervorging. 1778 gab es zwei weitere Werbungen. Die Einrichtung des einzigen namentlichen Tataren-Corps der preußischen Armee erfolgte erst 1795. Erster Kommandeur dieses Tataren-Pulks war General-Leutnant von Günther, der sein Leben lang den orientalischen Lanzenreitern verbunden war. Weitere etwa 2000 Tataren dienten schließlich in den Ulanen-, Husaren- und Bosniakeneinheiten. Das Gleiche gilt für die sächsische Armee, wo die ersten drei Tataren-Pulks seit Anfang des 18. Jahrhunderts Dienst taten.

Muslimische Untertanen in Preußen
Nach der dritten Teilung Polens kamen 1795 auch Gebiete mit autochthoner tatarischer Bevölkerung an Preußen. Die neuen Gebiete sollten auf den Stand der Zeit gebracht werden, denn ohne prosperierende Volkswirtschaft kein schlag­kräftiges Heer. Allein durch eigene Landeskinder aber war die „Preußische Armee“ nicht auf dem personellen Niveau haltbar. Die Preußische Armee wurde mit der Absicht, „ein möglichst starkes Heer zu haben bei denkbar größter Schonung der eigenen Volkskraft“, mit Rekruten vieler Nachbarländer aufgefüllt. Zwei Viertel der Gesamtstärke der Preußischen Armee waren per Ins­truk­tion vom 17. Juno 1742 durch Auslandswerbung sicher zu stellen. Auch die sogenannten Colonisten, angeworbene Neusiedler für Brandenburg und Preußen, stellten Soldaten, die als „Fremde“ eingestuft wurden.

Zur Zeit der Aufstellung des zweiten Tataren-Regiments unter General von Günther 1795 sah die Integration in die Preußische Armee auch eine gleichberechtigte geistige Betreuung vor: Bei Erreichung der Sollstärke sah die Regierung vor, auf Staatskosten je einen Imam („Caplan“) in Dienst zu stellen. Es war üblich, den neu gebildeten Regimentern eigene feste Kantone zuzuweisen, wo möglich mit Familien und Dienerschaft, und es wurde erwartet, dass die so „garnisonierten“ Mannschaften sich recht bald „nationalisieren“, also wie die böhmischen, holländischen und schottischen Kolonisten an die deutsch dominierte Gesellschaft assimilieren würden.

Ein vehementer Befürworter dieser kantonisierten Tatarenansiedlung war der Statthalter von Königsberg, Oberkammer-Präsident Friedrich Leopold Reichsfreiherr von Schrötter, der im Vorfeld der Rekrutierung seinen König zu überzeugen suchte, als er diesem schrieb, dass „Eure Majestät in Polen keine besseren Colonisten als diese Tartaren ansetzen können, sie stehen bei der Polnischen Nation (die an sich eine Abneigung gegen alle Deutschen hat) in Absicht ihrer Treue und Tapferkeit in Ansehen und Achtung, sie sprechen die Landessprache, sind aber von Religion, die wegen ihrer Einfachheit sich mehr der protestantischen nähert, wobei der ganze moralische Charakter dieser Nation, ihre Cultur von der Art ist, dass ich wünschte, einige tausende von diesen Familien den neu zu akquirierenden Ländern gegen dreimal so viel Polnische Familien ansässig machen zu können“. Zur Jahrhundertwende des 18./19. Jh. gedachte der preußische König wohl als einziger deutscher Herrscher, Muslime, Tataren aus Polen-Litauen, in seinem Reich anzusiedeln, Imame und Moscheen auf Staatskosten inklusive. In einem Brief am 13.8.1775 schrieb König Friedrich an seinen Freund, den Schriftsteller Voltaire, dass er mit 1.000 muslimischen Familien verhandele und freute sich: „Wir werden dann religiöse Waschungen haben und Illih, Allah singen hören, ohne uns darüber zu ärgern.“ Infolge der langjährigen militärischen Kontakte kamen auch Fachbegriffe aus dem Tatarischen ins Deutsche, so neben den turko-tatarischen Termini Ulan und Kasak zum Beispiel Tschisme, Kolpak, Attila, Schabracke, Dolman, Scharawade etc. Steinerne Zeugen der Geschichte des Islam in Deutschland sind in Form der Tatarengräber von Dippoldiswalde (*1762) und Kleinbeucha (*1813), des Tatarenfriedhofs von Zehrensdorf, der Ahmadiyya-Moschee in Berlin-Wilmersdorf (*1924), der Moschee in Schwetzingen (*1779) oder des islamischen Friedhofes in Berlin-Neukölln (gegründet 1798) zu sehen…

Soweit nur einige kurze Streiflichter auf die Geschichte. Arbeiten zu diesen Themengebieten erschienen in Deutschland von Karamuk, Pröhl, Emre, Schwarz, Abdullah und Theilig, wenn auch nur jeweils diplomatische Kontakte oder strategische Militärallianzen thematisiert werden und dies nicht explizit mit Blick auf die tatarisch-deutschen Allianzen beziehungsweise den christlich-muslimischen Kontext, sondern im Kontext der „Orientalischen Frage“.

Nähme man in den derzeitigen Euro-Islam-Debatten und der Diskussion um Muslime in Deutschland diese kurz angerissene einzigartige Geschichte des Islams in Deutschland beziehunsgweise der tatarisch-deutschen Beziehungen sowie die traditionelle preußische Toleranz enger in den Blick, würden sich viele Aufgeregtheiten sicher von selbst erledigen, zumindest jedoch darauf verweisen, dass der Islam bei weitem kein Phänomen erst seit der Gastarbeiteranwerbung ist.

Zöge man in den diversen Publikationen der letzten Jahre den Radius weiter, wenn es um Europa geht (denn häufig ist dort mit Europa schlicht West-Europa oder EU-Europa gemeint), stieße man hinter dem ehemaligen eisernen Vorhang unweigerlich auf einen agilen europäischen Islam, der nicht durch Schlagzeilen auf sich aufmerksam macht, ganz einfach weil es ihn schon so lange gibt, dass keine reißerischen Schlagzeilen davon zu erwarten sind: Die Anwesenheit des tatarischen Islam von Stettin bis Helsinki, von Riga bis Bukarest ist im Großen und Ganzen eine stille Erfolgsgeschichte der interkulturellen Akzeptanz und religiösen Toleranz. Die autochthonen tatarischen Muslime der EU-Staaten Polen, Litauen, Bulgarien, Finnland und Rumänien leisten schon jahrhundertelang ihren Beitrag für das Gemeinwohl ihrer Länder. Schaut man über den EU-Tellerrand hinaus, gibt es die reiche Kultur von europäischen Muslimen verschiedenster Nationalität zu entdecken. Warum eine Selbstbeschränkung in den (west-)europäischen Diskursen auf Pakistani in Großbritannien, Maghrebiner in Frankreich oder Türken und Kurden in Deutschland? Verwiesen sei hier auf das „Manifest des Euro-Islam: Wo ist unser Mekka“ von Rafael Khakimov, dem ehemaligen Präsidentenberater der Republik Tatarstan. Dies taugt augenscheinlich nicht für das Augenmerk von Skandalmedien und bleibt wohl so auch dem Feuilleton und etwa für Politik, Schulmedien und Islamwissenschaftler unattraktiv…

Ein Paradigmenwechsel weg von EU-eurozentristischer Islam-Integrationsdebatte und Fixierung allein auf den Migranten-Islam des 20. Jahrhunderts hin zu einer Anerkennung gemeinsamer christlich-islamischer Europageschichte, die die Euro-Islam-Diskurse Ost und West nicht weiter ignorant entkoppelt, sondern zusammenführt, könnte einen Bewusstseinswandel herbeiführen. Wenn Wolfgang Schäuble 2006 äußerte: „Der Islam ist Teil Deutschlands und Europas. Der Islam ist Teil unserer Gegenwart und unserer Zukunft“, so sollte jedem bewusst sein: In weiten Teilen Europas ist er auch Teil einer langen gemeinsamen Vergangenheit.

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