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Mehr als nur ein Turm

Das Minarett zählt immer noch zu den am meisten wahrgenommenen Zeichen islamischer Archtektur - Von Jonathan M. Bloom, Boston

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Zu den herausragendsten Anblicken in beinahe jeder muslimischen Stadt zählen die Minarette. Schlanke, hohe Türme, von denen die Muslime fünf Mal am Tag zum Gebet gerufen werden. In der Tat ist das Minarett – gemeinsam mit der Kuppel – eine der charakteristischsten Formen islamischer Architektur. Und der Gebetsruf – oder der ‘Adhan – ist in Kairo, Istanbul oder Riad genauso normal wie das Glockenläuten in Rom. In Ost und West wurden die Minarette zu einem eigenständigen Symbol des Islam, welches so verbreitet ist, dass politische Cartoonisten es verwenden, um ein nahöstliches oder islamisches Umfeld anzudeuten. Es gibt in den Vereinigten Staaten, Pakistan, Schweden und diversen arabischen Ländern Zeitschriften mit dem Namen „Minarett“, „Das Minarett“ oder „Minara“ (der hocharabische Begriff), genauso wie Webseiten unter dem gleichen Namen. Trotz der heutigen Schwemme an Wolkenkratzern und Fernsehtürmen, verleihen die hochragenden Minarette Städten von Marokko bis Malaysia immer noch einen „islamischen“ Anblick. Auch wenn Tonbänder und Lautsprecher viele „Live“-Mu’adhdhins ersetzt haben, gehören die Minarette immer noch zu den wesentlichen Elementen der Moscheegestaltung in der gesamten Welt.

In den letzten Jahren, seitdem Muslime Gemeinschaften in Europa und Nordamerika gegründet und dort Orte der Anbetung errichtet haben, konkurrieren Minarette mit den traditionellen Vertikalen der westlichen Stadtbilder. In Oxford brach ein Aufstand los, als der ägyptische Architekt Abdel Wahed El-Wakil im Jahre 2000 einen Vorschlag einreichte, auf dem Gelände des historischen Magdalen College ein Minarett als Teil eines neuen islamischen Zentrums zu bauen. In Frederick (im US-Bundesstaat Maryland), dessen Turmspitzen seiner Kirchen nach Ansicht von Oliver Wendell Holmes der Stadt „einen poetischen Anblick verleihen … so als würden dort Träumer und Seher leben“, wurde der lokalen muslimischen Gemeinschaft die Erlaubnis zum Bau einer Moschee verweigert. Und dies, obwohl die „Turmspitzen“ von Frederick seit langem von massiven, rechtwinkligen Bürogebäuden verdeckt werden.

Früher konnte der Mu’adhdhin mit der Stärke seiner Lunge den Gebetsruf über das Gewusel der traditionellen städtischen Aktivitäten erheben, aber heute kann der ‘Adhan nicht ohne Lautsprecherverstärkung vernommen werden. Außerhalb der muslimischen Welt verhindern städtische Lärmschutzregelungen zumeist, dass Muslime zum Gebet gerufen werden können. Dies wiederum eröffnet alternative Moscheebauten, die nicht mehr auf ein Minarett angewiesen sind.

Ob Minarette nun benutzt werden, zum Gebet einzuladen oder nicht, sie bleiben wirksame Symbole des Islam und wurden daher auch manchmal gezielt angegriffen. Während des Krieges im Kosovos haben serbische Truppen regelmäßig Sprengladungen innerhalb von Minaretten angebracht, um nicht nur die Türme zu zerstören, sondern auch um sicherzustellen, dass die kollabierenden Strukturen die daneben liegenden Moscheen beschädigen. Durch diese Zerstörung hofften die Serben, jene Dinge auszulöschen, die sie als Zeichen einer imaginierten Jahrhunderte langen osmanischen Unterdrückung betrachteten.

Aber es gab auch immer Orte, an denen Muslime ein Minarett als nicht notwendig erachteten. In einigen Teilen der muslimischen Welt – Malaysia, Kaschmir und Ostafrika – waren turmartige Minarette bis zur Ankunft der Moderne nicht bekannt. Im 20. Jahrhundert jedoch führte die Ausweitung der bildlichen Kommunikation und der Reisen zu einer Harmonisierung der regionalen Stile in eine internationale „islamische“ Norm von Kuppeln und aufragenden Türmen. Nichtsdestotrotz ist Mohamad Tajuddin Rasdi von der Universiti Teknologi Malaysia der Ansicht, dass moderne Architekten und ihre Kunden, die Moscheen mit Minaretten, Kuppeln und Muqarnas errichten, die Lehren des Propheten ignorieren.

Andere Muslime mögen der Interpretation der islamischen Tradition von Dr. Rasdi widersprechen. Es kann aber keinen Zweifel darüber geben, dass der wunderschöne ‘Adhan auf die Zeit des Propheten zurückreicht, während das Minarett eine spätere Entwicklung war. Zur Zeit der qur’anischen Offenbarung riefen Juden ihre Anhänger mit dem Schofar (einem Bockshorn) zur Synagoge, während Christen eine Glocke oder einen hölzernen Gong verwendeten. In diesem Kontext können wir verstehen, warum ‘Abdallah ibn Zaid, einer der engsten Gefährten des Propheten, davon träumte, wie jemand die Muslime vom Dach der Moschee aus zum Gebet rief. Später erzählte er dem Propheten von seinem Traum und dieser bestätigte die Vision als eine authentische, von Allah kommende. Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, wies Bilal, einen Äthiopier, der früh Muslim wurde, an: „Erhebe dich Bilal, und rufe zum Gebet auf!“ Bilal, der für seine wunderschöne Stimme bekannt war, tat dies und wurde so zum ersten Mu’adhdhin. Das Wort Mu’adhdhin kommt von dem Wort ‘Adhan, dass heißt derjenige, der den ‘Adhan ruft.

Nach den Überlieferungen nutzten Bilal und seine ersten Nachfolger erhöhte oder öffentliche Plätze, wie das Dach einer Moschee oder eine Stadtmauer, um zum Gebet einzuladen. Es wird überliefert, dass der vierte Khalif des Islam, ‘Ali ibn Abi Talib, eine Mi’dhana (ein Ort, von dem aus der ‘Adhan ausgerufen wird) einzureißen, weil man von dort auf die Dächer der Häuser hätte blicken können. Aus diesem Grund wurden früher auch Blinde zu Mu’adhdhins ausgebildet, weil sie nicht in der Lage waren, die Privatheit der Leute zu stören.

Die erste Moschee, die Türme vorzuweisen hatte, war die Große Moschee von Damaskus, die im frühen achten (christlichen) Jahrhundert auf Grundlage bestehender Gebäude errichtet wurde. Sie hatte relativ kurze, rechteckige Türme an ihren vier Ecken. Bei vielen Historikern herrscht die Ansicht vor, dass diese Türme noch aus der römischen Zeit stammten und von den Muslimen umgenutzt wurden.

Die ersten für diesen Zweck errichteten Minarette waren die der Moschee des Propheten in Medina, die vom ‘umaijadischen Khalifen Al-Walid im frühten achten Jahrhundert umgebaut wurde – zeitgleich mit dem Bau der Großen Moschee in Damaskus. Anders als in Damaskus sind die ‘umaijadischen Strukturen in Medina nicht erhalten geblieben. Sie hatte aber nach historischen Aufzeichnungen jeweils ein Minarett an ihren vier Ecken. Zur schätzungsweise gleichen Zeit orderten die ‘umaijadischen Khalifen den Bau ähnlicher Türme in Mekka an. Da nicht alle gleichzeitig für den Gebetsruf benutzt wurden, steht zu vermuten, dass sie auch zum Schmuck der jeweiligen Gebäude verwendet wurden. Bei anderen frühen Moscheebauten finden sich Strukturen auf den Dächern, die den Schutz boten. Sie waren über eine Außentreppe zu erreichen und ähnelten manchmal den Minbars. Das früheste, erhaltene Beispiel dieser Struktur findet sich in der Großen Moschee im syrischen Bosra.

Jahrhunderte lang bauten Muslime solche mit Außentreppen versehenen Minarette – vor allem in entlegenen Gebieten wie Oberägypten, Ostafrika, Anatolien und an der Golfküste des Iran. Es gab verschiedene Begriffe für „einen Turm neben einer Moschee, von dem der Ruf zum Gebet gegeben wird“. Das am häufig verwendete Wort „Manara“ und seine Ableitungen „Manar“ und „Minar“ beschreibt entweder den Turm oder die Funktion, der er dient. „Manara“, von dem sich das Minarett ableitet, ist ein „Ort oder ein Ding, das Licht gibt“; „Manar“ ist spezifisch eine „Markierung“ oder „Zeichen“. „Sauma’a“ wurde in Nordafrika und Spanien verwendet. „Mi’dhaha“, „der Ort des ‘Adhans“, ist der genaueste Begriff, wurde aber allgemein nicht verwendet. Natürlich wurden die Begriffe irgendwann synonym, aber früher hatten sie eine geografische Verwendung oder bezogen sich auf unterschiedliche Typen von Türmen. Daher wurde ein rechteckiger Turm in Spanien oder Nordafrika als „Satuma’a“ bezeichnet, während ein runder Turm im Iran „Manar“ genannt wurde.

Es dauerte bis zum 9. Jahrhundert, als die ‘abbasidischen Khalifen von der Atlantikküste bis zu den Wüsten Zentralasiens herrschten, dass Türme gewohnheitsmäßig an Moscheen angegliedert wurden. Während die Moscheen in Medina und Mekka viele Türme an den äußeren Ecken der beiden Orte hatten, wurden ‘abbasidische Moscheen üblicherweise mit einem Turm gebaut. Dieser befand sich an der Moscheewand gegenüber dem Mihrab – der Gebetsnische in Richtung von Mekka.

Die historischen Quellen erklären nicht genau, warum Muslime begannen, einzelne Türme an ihre Moscheen zu bauen, aber die Hinweise legen den Schluss nahe, dass der einzelne Turm die wachsende Bedeutung der großen Freitagsmoscheen als einer religiösen Institution und als Zentrum der ‘Ulama signalisieren sollte. Während in der frühen islamischen Zeit große Höhen ein Attribut waren, die mit königlicher Macht in Verbindung gebracht wurden, so wurde ab dem 9. Jahrhundert (christlicher Zeitrechnung) große Höhe mit religiöser Bedeutung gleichgesetzt. Die Paläste der ‘Abbasiden mögen enorm gewesen sein, sie haben sich aber nie sonderlich in die Höhe erhoben, während Moscheen einen alleinigen Anspruch auf Höhe bekamen.

An vielen Orten wurde der Turm zu einem wesentlich Bestandteil der Moscheearchitektur. Über 60 Türme, die aus der Zeit des frühen 11. Jahrhunderts bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts datieren, stehen immer noch im Iran, in den zentralasiatischen Republiken und Afghanistan. Normalerweise sind diese schlanken Zylinder aus Backsteinen mit einem inneren Treppenhaus versehen, welches zu einem Balkon führt. Ein Beispiel dafür ist der Turm von Mas’ud III. in Ghazni, dem modernen Afghanistan. Heute ist nur die untere 20 Meter hohe Sektion erhalten, nachdem der obere Teil 1902 einem Erdbeben zum Opfer fiel. Es bleibt Architekten auch heute noch ein Rätsel, wie die mittelalterlichen Baumeister es schafften, in solch einer an Erdbeben reichen Region einen so stabilen Turm zu bauen.

In Anatolien, welches nach der Schlacht von Malazgirt 1071 für die muslimische Besiedlung geöffnet wurde, folgten die ersten Minarette dem persischen Vorbild des zylindrischen Schaftes. Die Osmanen, die sich vom nordwestlichen Anatolien nach Europa ausbreiteten, entwickelten diesen Typ in Steinbauweise weiter und bauten Moscheen mit mehreren Türme. Unter der meisterlichen Führung des Baumeisters Sinan entwickelten sie einen nüchternen und einfacheren Stil, wie wir dies in der Moschee des Sultan Süleyman beobachten können. Mit der Zeit wurden die osmanischen Minarette zu einem üblichen Anblick im gesamten Mittelmeerraum in Syrien, Arabien, Ägypten, Nordafrika, Griechenland und dem Balkan. In Marokko, wo die Osmanen niemals regierten, blieb das traditionelle, rechteckige Minarett die dominante Form.

Jenseits der Regionen des Mittelmeerraums und Westasiens haben Minarette eine andere Geschichte. In Westafrika beispielsweise waren sie oft Lehmtürme mit leicht abschüssigen Seitenwänden, während an der afrikanischen Ostküste die Minarette mit Außentreppe nicht unüblich waren. Im chinesischen Herzland waren Minarette sehr selten. Dort wurden die traditionellen Formen der Tore und Pagoden für den Zweck des Gebetsrufs genutzt.

Bauherren von Moscheen in den letzten Jahrzehnten versuchten, die lokalen Traditionen des Baus von Minaretten mit dem Druck des architektonischen Modernismus zu versöhnen. Das Minarett der Moschee von Hassan I. in Casablanca ist ein Tribut an die Baukunst des 20. Jahrhunderts. Sein 200 Meter hohes Minarett hat einen hohlen, rechteckigen Turm, der einen Hochgeschwindigkeitsaufzug umschließt. Dekoriert mit breiten Bändern farbiger Kacheln und einer zinnernen Spitze, ist es eine modernisierte Neuinterpretation der großen Türme der almohadischen Periode, wie der Kutubijja in Marrakesch und der Giralda in Sevilla. Von seiner Spitze weist ein starker Laserstrahl in die Richtung von Mekka.

Das Minarett, wie es sich uns darstellt, ist beim ersten Anblick mehr und gleichzeitig weniger, als es zu sein scheint. Auch wenn es oft und üblicherweise dafür verwendet wird, zum Gebet zu rufen, so wurde es doch nicht ausschließlich dafür entwickelt. In den lauten Städten der Neuzeit hat das Minarett als Ort des Gebetsrufes des Mu’adhdhins eine unsichere Zukunft. Trotzdem werden sie weiterhin gebaut, um als stille, aber sichtbare Symbole des Islam in aller Welt zu dienen.

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