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„Mein Islambuch“: Eine Rezension von Wolf D. Ahmed Aries

Noch ein Religionsbuch

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(iz). Seit längerer Zeit erzählten sich Lehrer und Eltern, dass demnächst ein Religionsbuch für ihre Kleinen in der Grundschule erscheinen würde. Es liegt nun unter dem kindgerechten Titel „Mein Islambuch“ vor. Die frommen türkisch-stämmigen Eltern werden es mit großer Zufriedenheit durchblättern, weil Text und Bildern dem entsprechen, was sie von einem Schulbuch für den Islamunterricht erwarten. Und auch ihre Kinder werden sich über die Bilder, die Texte und Aufgaben freuen, weil sie ihrer Erlebniswelt wohl gut entsprechen. Mancher Erwachsene mag auch Stolz empfinden, wenn er dieses gut gemachte Buch in den Händen hält, denn endlich ist ihr Glaube in der Schule bei ihren Enkeln beziehungsweise Kindern angekommen.

Bei genauer Betrachtung kommen dem Leser allerdings einige Fragen, die sich fast zwangsläufig dadurch ergeben, dass man dieses zweite Schulbuch mit dem vor wenigen Wochen erschienenen Religionsbuch „Saphir“ für die fünfte und sechste Klasse vergleicht. Beide haben gänzlich verschiedene Autoren und wurden von unterschiedlichen Verlagen herausgegeben. „Mein Schulbuch“ erschien im Oldenburg Verlag, während „Saphir“ beim Kösel Verlag herauskam. Jedes Buch stellt eine didaktische Alternative dar, wie sie im Rahmen der von Professor Bülent Ucar (Universität Osnabrück) organisierten Fachtagung zu pädagogischen Konzepten deutlich wurden.

Während der „Saphir“ ein eher deutsches Qur'an-zentriertes Religionsbuch ist, macht „Mein Schulbuch“ den Eindruck eines türkischen Lehrbuches in deutscher Sprache, das sich auf die fünf Pfeiler konzentriert. Auf den letzten Seiten sind die sechs Glaubensgrundsätze zu finden. So entspricht der „Saphir“ den heutigen Anforderungen moderner Religionspädagogik, während der kerygmatische; das heißt der Verkündigung verpflichtete Ansatz des Grundschulbuches dem entspricht, was Professor Heumann (Universität Oldenburg) auf jener schon erwähnten Tagung als „Gebetsunterricht“ beschrieb. Nun unterscheiden sich beide Religionsbücher hinsichtlich ihrer Adressaten. Daher kann man durchaus die Auffassung vertreten, dass Kinder erst in ihrer eigenen Religion heimisch werden müssten, bevor sie in der Mittelstufe mit den pädagogischen Zielen der heutigen Gesellschaft konfrontiert werden könnten. Glaubensverkündigung sollte daher „neutral“ sein.

In diesem an Zeichnungen so reichen Schulbuch lässt sich jedoch zeigen, dass die Autoren durchaus gesellschaftspolitische Standpunkte vermitteln, was nicht durch den Text geschieht, sondern kindgerecht durch das Bild. Ärgerlicherweise geschieht dies unter anderem mit dem inzwischen leidigen Kopftuchthema. In der Bilderfülle gab der Zeichner nur vier Mal einer Frau ein Kopftuch: Auf der Seite 29 trägt es ein Mädchen beim Lesen des Qur'ans, Seite 52 zeigt einige Frauen beim Gebet in einer Moschee, im Hintergrund des Bildes auf Seite 62 trägen es zwei ältere Frauen, die Familienszene der Seite 79 zeigt ebenfalls drei Frauen mit Kopftuch. Der kritische Leser wird sich daher fragen, wie der Lehrer im Unterricht damit umgehen wird, wenn ein oder mehrere seiner Schülerinnen ihre Haare bedecken. Sollte es hier zu den gleichen Diskriminierungen kommen, wie sie aus dem muttersprachlichen Unterricht immer wieder zu hören waren?

In Anbetracht solcher Einstellung wirkt es merkwürdig, dass bei der Gebetswaschung nur Männer beziehungsweise Jungen zu sehen sind. Müssen sich Frauen beim Waschen verstecken? Oder wie lernt ein Mädchen im Religionsunterricht ihr Waschen? Solche Turkismen werden auch an anderen Stellen sichtbar. So fehlt bei den Namen ein deutscher oder indischer Vorname, als würden nur türkischstämmige Kinder in den Islamunterricht gehen. Es gibt auch indonesische oder deutsche muslimische Familien.

Die zeichnerischen Schilderungen zeigen ein harmonisches (türkisches) Familienleben, in dem sich Kinder streiten, lachen, ärgern, lernen und die Eltern, die Lehrerin und der Hodscha (die gesamte Obrigkeit?) stets die schützenden und behütenden Gestalten sind. Diese Harmonie entspricht dem kerygmatischen Gestus des Buches.

Man darf sich fragen, wie die beurteilenden Ausschüsse der deutschen Kultusministerien die beiden vorliegenden Religionsbücher beurteilen. Der „Saphir“ wurde bereits als deutsches Schulbuch in fünf Bundesländern genehmigt. Wird das postkemalistische Religionsbuch die gleiche Einschätzung erhalten?

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Wolf D. Ahmed Aries

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