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Mein Trip durch die Türkei

Ismahane Bessi berichtet von 500 Kilometern zu Fuß durch Kleinasien

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Foto: Autorin

„Reisen: Erst bist Du sprachlos, dann macht es Dich zum Erzähler.“ (Ibn Battuta)

(iz). Zu Fuß nach Antalya? Fahr doch mit dem Bus!“, sagt die Verkäu­ferin in dem kleinen Lebensmittelladen neben der Pension in Fethiye. Ich schnappe mir schnell ein Fladenbrot und ein paar Scheiben Käse. „Nur, wo ich zu Fuß gewesen bin, bin ich auch wirklich gewesen“, antworte ich ihr und verstaue mein restliches Kleingeld. Bevor ich mich von der kleinen, malerischen Hafenstadt südwestlich der Türkei verabschiede, bete ich schnell, um Gottes Schutz.

Mit einem Dolmus (Sammeltaxi) fahre ich nach Ovacik, wo ich meine Wan­dertour bis nach Antalya beginne, 509 Kilometer. Meine Gedanken kreisen immer wieder zu Ibn Battuta. Einer der bekanntesten Reisenden des Mittelalters. Seine Biografie „Reisen bis ans Ende der Welt“ habe ich schon dreimal gelesen. Er war 27 Jahre am Stück auf Reisen. Viermal reiste er während dieser langen Zeit nach Mekka. Trotz seiner Dienerschaft und seines hohen Ansehens war auch er nur ein Diener Gottes, den die Welt und ihre Natur immer wieder in Staunen versetzte.

Knapp 1.000 Jahre später hat die Natur ihren Glanz nicht verloren. Berge stehen da, wo sie vor 3.000 Jahren gestanden haben. Nur, dass ich mit meinem grünen Rucksack alleine dastehe.

Das türkisblaue Meer steht still an dem warmen Morgen. Die erste Etappe beginnt direkt mit einem Aufstieg des Berges Babadag. Es ist mittags, die paar Sträucher, die auf dem Berg sind, spenden kaum Schatten, das Geröll rutscht mir ständig unter den Füßen weg. Der Himmel strahlt in seinem schönsten Blau. Um diese Jahreszeit sieht man viele Gleitschirmflieger am Himmel. Weit entfernte dringen von den Strandgästen Rufe zu mir herüber. Je weiter ich Richtung Süden gehe, desto wärmer wird es.

Meine erste Rast lege ich in der Mitte des Aufstiegs ein. Knapp 700 Meter über dem Meeresspiegel. Es ist ein kleiner ­Olivenbaum, der mir Schatten spendet. Eine leichte Brise fährt mir übers Gesicht. Erst jetzt wird mir bewusst, in was für einer wunderschönen Umgebung ich mich befinde. Der weiße Strand leuchtet wie Sterne am Himmel, das türkisblaue Meer erinnert an Geschichten aus 1001 Nacht. Links und rechts auf den Bergen springen Ziegenböcke umher.

Die schweißtreibende Temperatur sinkt langsam, während der Aufstieg des Babadag dem Ende naht. Nachdem ich eine Stunde die Landstraße entlang­gelaufen bin, treffe ich auf eine Frau mit Kind, die am Straßenrand Tee und türkische Pancakes verkauft. Sie zeigt auf meinen Rucksack und ich versuche, ihr zu erklären, dass ich nach Antalya gehe.

Ich genieße den türkischen Tee und die Pancakes mit Lauchzwiebeln und Feta. Ich blättere in dem Wanderführer.

Drei Stunden später habe ich auch schon die erste Etappe geschafft.

In den darauffolgenden Tagen lerne ich die Berge richtig kennen. Auch wenn ich den Auf- und Abstieg schaffe, weiß ich, dass ich, so lange ich auf einem Berg bin, ihm gehöre. Hin und wieder rutsche ich unter den Steinen weg. Der Berg bleibt standhaft stehen. Angst steigt in mir auf, ich könne es vor Sonnenuntergang nicht schaffen, im Dorf zu sein. Ich hatte den Berg unter- und mich überschätzt.

„Und Er hat in der Erde feste Berge gegründet, damit die Erde nicht ins Wanken gerät.“ (An-Nahl, 15)

Um die Mittagszeit suche ich mir ein schattiges Plätzchen, um die Hitze zu überstehen. Immer wieder schaue ich auf meinem Handy nach einer Wasserquelle. Trotz meines Trinkbeutels, der drei Liter fasst, fülle ich ihn mindestens einmal auf jeder Etappe auf. In Alinca treffe ich auf einen Nürnberger.

„Es ist das erste Mal, dass ich eine Wanderin mit Kopftuch sehe. Erzähl mir mehr über dich. Ist es deine erste Route? Reist du viel? Was hat dich zum Wandern bewegt?“

Ich erzähle kurz und knapp, dass ich schon ein Stück des Jakobswegs gegangen bin. Tatsächlich reise ich viel, weil ich Gottes Schöpfung sehen möchte. Es faszi­niert mich immer wieder und bestärkt meinen Glauben, wenn ich gewaltige Berge sehe, die Macht der Natur, der Meere.

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit einem alten englischen Paar verlasse ich die überteuerte Pension in Alinca und steige mal wieder einen Berg hinab. Ich danke Gott dafür, dass ich bisher unbeschadet vorangekommen bin. Im Laufe der Strecke treffe ich immer wieder auf den Nürnberger und auf andere europäische Wanderer. Einige Strecken laufe ich stunden- oder tagelang alleine, ohne eine Menschenseele anzutreffen. Währenddessen kommen meine Gedanken zwischen dem Mittelmeer und der ausgetrockneten Landschaft zur Ruhe. Manchmal begleiten mich Hunde über Kilometer hinweg. Ich rede mit ihnen und wenn sie mir ihre Köpfe entgegenstrecken, füttere ich sie mit Müsliriegeln oder Dosenfleisch. Oft werde ich gefragt, warum ich mir diese Anstrengung antue. Mich fasziniert die Natur. Es ist überwältigend, wie die Lykier damals diesen harten Weg mit Karren und Tieren entlang marschiert sind. Die Monumente auf dem Weg lassen 3.000 Jahre alte Geschichte in mir aufleben.

Jeder Schritt, den ich bergab gehe, bereitet mir Schmerzen in meinen Knien. Die letzten sechs Kilometer bis Bel schaffe ich nicht mehr. Deshalb suche ich mir eine Unterkunft. Ich werde zum Tee eingeladen und habe zehn Minuten später ein Bungalow für 20 Euro pro Nacht mit Verpflegung. Nach einem ausgiebigen Mittagsschlaf laufe ich durch das Dorf und frage nach drei deutschen Wanderern. Die Dorfbewohner erzählten mir, dass sie hier gegessen hätten, aber bis Bel durchlaufen müssten, weil sie hier keine Unterkunft mehr bekommen hätten. An einer Ecke entdecke ich den Dorfladen. Mit drei Packungen Keksen, Cola und Chips komme ich wieder raus und steuere auf die kleine Moschee im Herzen des Dorfes zu.

Am nächsten Tag gehe ich früh los. Kurz nachdem ich das Dorf verlasse, hält ein Brotverkäufer an und fragt, ob ich nach Bel möchte. Der ältere Herr räumt Brotkisten zur Seite, um im Kofferraum Platz zu schaffen. Während er fährt, versucht er, mir zu erklären, dass er Offizier sei und außerhalb seines Dienstes ehrenamtlich Brot ausfahre. Immer wenn er irgendwo anhält, muss ich ihm von hinten das Brot reichen. Er redet so viel auf Türkisch, lacht ab und zu und doch verstehe ich irgendwie, was er sagen möchte.

Der Strandpfad ist eine der anstrengendsten Etappen. Der nasse und weiche Sand zieht mich immer wieder etwas herunter. Die Stöcke packe ich irgendwann weg, weil es zu lästig wird, sie ständig aus der Tiefe zu ziehen. Im Wanderführer steht etwas von einer Brücke, die ich erst vergeblich suche, bis mir klar wird, dass es sich um ein Provisorium aus ein paar Holzlatten handelt. Unsicher überquere ich die Brücke. Unmittelbar daneben steht ein altes Holzboot, an dem ein Mann herumwerkelt. „The bridge doesn’t break“, ruft er mir lachend entgegen. „Call me Fishman“, sagt er, als ich unbeschadete die Brücke verlasse. Es dauert nicht lange und ich halte meine Tasse Tee in der Hand.

Den Strand verlasse ich nach einem 30-minütigen Gespräch mit „Fishman“ und seiner Frau. Mich wundert es, weshalb dieser Strand nicht benutzt wird. An einem Kiosk oder einem Etwas, das sich Kiosk nennen möchte, frage ich nach einer Flasche Wasser. Der junge Verkäufer im roten Hemd und zwei Silberketten um den Hals verlangt drei Lira für die Flasche. Ich ärgere mich, weil ich vergessen habe, Geld abzuheben. Nun muss ich mit Euro zahlen. Schwupps kostet die Flasche drei Euro. Das sind neun Lira. „Das ist Betrug“, schmeiße ich ihm an den Kopf. „Willst du Wasser trinken oder nicht?“

Wütend schmeiße ich das Geld auf die Tresen. „Idiot“, fluche ich. Es ist das dritte Mal, dass ich so über den Tisch gezogen werde. Auf dem Markt in Akbel musste ich für drei Äpfel zwei Lira zahlen, während Einheimische nur die Hälfte davon bezahlen.

„Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, soll seinen Gast großzügig behandeln.“ (Bukhari)

An das alltägliche Feilschen habe ich mich gewöhnt. Viele Händler kommen mir entgegen. Schließlich sind die meisten Türken sehr gastfreundlich.

Natur hat ihren eigenen Stil, der nie aus der Mode kommt. Deshalb hasse ich es schon fast, in größere Städte anzukommen. Ich bleibe lieber in den Dörfern. Es ist günstig, freundlicher und einheimisch.

In Kas angekommen, höre ich schon beim Absteigen des Berges die lauten Autos, die vielen Hotels und die ganzen Urlauber. Ich bin schmutzig, habe meinen schweren Rucksack auf dem Rücken und kann mich nicht freuen, endlich eine weitere Etappe geschafft zu haben. Erst wird mir gesagt, ich hätte kein Zimmer im Hotel reserviert – trotz der Bestätigung, die ich in der Hand halte. Irgendwann bekomme ich dann ein Zimmer. Erschöpft und deprimiert sitze ich auf dem Bett. Ich will zurück in die Natur. „In der Natur fühlen wir uns so wohl, weil sie kein Urteil über uns hat“, waren mal Nietzsches Worte. Ich nicke innerlich. Mein Magen knurrt und mich zieht es auf den bunten Markt. Die vielen Stoffe und Kleider, die orientalisch duftenden Gewürze. Zu guter Letzt das Zischen des Fleisches auf den Grills. Am liebsten würde ich den ganzen Markt leer kaufen, aber mit acht Kilo Gepäck ist mein Rücken sehr ausgelastet.

Neben den Sarkophagen und den Festungsruinen der Lykier haben mich Demre beziehungsweise Myra, der Bischofssitz des Nikolaus von Myra, und die sandfarbenen Felsengräber, die sich in die karge Landschaft schmiegen, beeindruckt. Ich stelle mir vor, wie vor 3.000 Jahren spärlich bekleidete Sklaven an den hohen Felsen hingen und Gräber in die Berge gemeißelt haben.

Als Geschichtsstudentin und ehemalige Studentin der Archäologie bin ich in meinem Element. Besucher laufen hier rein und raus. Der Kassenwart verkauft gelangweilt für satte 20 Lira Tickets. Ich hoffe, die Besucher wissen zu schätzen, was ihnen hier geboten wird. Myra ist bekannt als Wallfahrtsort der Orthodoxen. Zum anderen gehört sie zu den größten Städten des damaligen Lykischen Bundes. 300 Jahre nach ‘Isa, Friede seit mit ihm, war Myra kirchliche Hauptstadt der Provinz. Anfang des 9. Jahrhunderts plünderten die Seldschuken sie. Bis heute können wir die Meisterwerke der Lykier betrachten: in Stein gehauene Gesichter, Muster und Gräben. Eine Epoche prallt auf eine andere. Die Faszination lässt mich nicht mehr los. Am Ende des Rundgangs kaufe ich mir ein Eis und genieße die historische Idylle.

Eine der Etappen führt mich nach Saribelen zu Judith und Tim, einem britischen Paar, das in der Türkei lebt und eine Pension leitet. Auf ihrem Anwesen zähle ich sieben Hunde, elf Katzen und vier Hühner. Drei Paare, mit denen ich am Abend esse, sind ebenfalls in der Pension untergebracht. Ehrlich gesagt langweilen sie mich, weil sie nur von dem Strand und den Kaufhäusern in Kas erzählen, die sie jeden Tag besuchen. Als mich einer aus Runde fragt, was ich hier täte, antworte ich ihm, dass ich den lykischen Weg laufe. Alle sehen mich verständnislos an. Bis auf Tim. Er klopft mir auf die Schulter: „If you think adventure is dangerous, try routine; it is lethal.“

Am darauffolgenden Tag drückt mir Judith ein Lunchpaket in die Hände. Bevor ich endgültig weiterziehen kann, bittet Tim mich, in das Gästebuch zu schreiben. Einer der Hunde begleitet mich noch ein ganzes Stück auf meinem steinigen Weg nach Gökceören. „I think you should go home“, sage ich dem Hund und zeige mit dem Finger zurück. Ich kraule ihm noch das Ohr. Dann trennen sich unsere Wege.

Die beste Unterkunft ist in Cirali: direkt am Strand in einem Bungalow. Zwar sind hier viele Urlauber und ich bin die einzige Wanderin, aber das stört mich nicht. Mit mir sitzen vier Leute am Esstisch. Sie erzählen von dem traumhaften Strand und ich erzähle von der bunten Vielfalt, welche die Türkei mir geboten hat. Von den Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, mit denen ich ins Gespräch gekommen bin und von dem zauberhaften Essen, das man nur in den Dörfern bekommt. Es betrübt mich, dass ich den ganzen Weg über auf nur wenige Wanderer gestoßen bin. Sie hätten spannendere Geschichten zu erzählen gehabt als die ganzen Urlauber, die ich bisher getroffen habe.

Der Strand von Cirali ist mit gelbem Sand bedeckt; vor dem Strand ist der Erdboden rötlich mit Pflanzen, die man nur aus sehr trockenen Gebieten kennt. Rechts und links am Horizont erstrecken sich die Berge. Den Blick geradeaus gerichtet sieht es so aus, als ob das Meer die untergehende Sonne küsse. Ich atme ein und lasse mir Zeit, auszuatmen. 450 Kilometer habe ich hinter mir gelassen. Nur noch zwei Tage bis ich in Antalya durch das Hadrianstor gehen kann.

Ich habe mich schon lange nicht mehr so zufrieden gefühlt. Am Ende meines Weges gehe ich in große Moschee in der Altstadt von Antalya und danke Gott dafür, dass ich gesund und heil die 500 Kilometer gewandert bin.

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