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Meinung: Das Gerede über Özil und Gündogan ist faszinierend unnötig

Wir diskutieren über das Treffen zwischen Erdogan, Özil und Gündogan. Warum eigentlich?

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Twitter | @akparti

(iz). Das Gerede über Özil und Gündogan ist aus mehreren Gesichtspunkten faszinierend. Faszinierend unnötig.

Angefangen bei Artikeln mit Titeln wie “Erdogan-Fotos sorgen für Wirbel”. Ja, durch Artikel mit genau solchen Titeln. Schließlich wird genau so das Thema gesetzt.

Wie so oft ist die Reaktion von Unkenntnis geprägt. Nehmen wir als Beispiel die Skandalisierung der Unterschrift Gündogans, der auf seinem Trikot “mein Präsident” geschrieben haben soll. Direkt übersetzt, ja, hat er das geschrieben. Ein wenig Sprachkenntnis würde aber offenbaren, dass man eine respektvolle Ansprache im Türkischen so ausdrückt. Lehrer sind nicht bloß Lehrer, sondern “meine Lehrer” oder “unsere Lehrer”. Das ist kein Ausdruck eines Bekenntnisses, sondern schlichtweg erstmal ein höflicher Umgang entsprechend der Sprache. Zu einer ansprechenden journalistischen Qualität gehört eigentlich auch das Einbeziehen kompetenter Übersetzer. Oder wird hier bewusst simplifiziert?

Weiterhin ist der Unterton der gesamten Auseinandersetzung mit dem Treffen der Fußballprofis mit dem türkischen Staatspräsidenten interessant. Wie Gündogan in einer anschließenden Erklärung deutlich machte, waren Özil, Tosun und er im Rahmen einer Veranstaltung einer türkischen Stipendiaten-Veranstaltung in London zu dem Besuch des Präsidenten eingeladen. Diese Veranstaltung ist länger organisiert, als die vorgezogene Neuwahl bekannt ist. Die Darstellung, die Fußballer würden gezielt Wahlkampf unterstützen oder sich Erdogan anbiedern, verzerrt den Kontext ungemein.

Rauszuhören ist durchgängig die Anklage, Özil und Gündogan würden sich potenziell für das DFB-Team oder gar ganz Deutschland disqualifizieren. Das resultiert dann auch in Hetze in den Kommentarbereichen so gut wie aller Medien, die die Gesamtsituation zweifelsohne rechts einfärbt. Zwischen den Zeilen heißt es also, die Ausländer bleiben Ausländer und gehören zu wem anders, nämlich der Türkei. Der Vorwurf, ihr Besuch liefere ja ein dementsprechendes Bild, ist eine Eskalation der Assoziationslogik. Wäre es der Präsident eines anderen Landes, gebe es die Diskussion nicht.

Warum man das so direkt sagen kann? Weil deutsche Sportler bereits mehrmals von verschiedenen Staatsführern empfangen wurden oder sie ihnen signierte Trikots übergaben oder welche annahmen. Darunter auch „umstrittene” Politiker. Eine Diskussion darüber gab es nicht. Özil und Gündogan, Söhne türkischer Einwanderer dürfen also explizit nicht mit dem türkischen Staatspräsidenten zu sehen sein? Das ist ein selektiver Maßstab, der vor allem offenbart, dass das Deutschsein dieser deutschen Nationalspieler scheinbar übergangslos hinterfragt wird und hinterfragt werden kann. Kurz, so etwas nennt man ein Ressentiment. Ein rassistisches Ressentiment.

Auswüchse wie die Kommentierung des Grünen-Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir, die Spieler sollten „Rechtsstaatlichkeit und Demokratie” nachschlagen, bringen Özil und Gündogan in eine direkte Assoziation mit dem Gegenteil dessen. Eine Anmaßung, für die keiner der beiden deutschen Bürger eine Grundlage bietet. Dass das in eine evidente rechte Kerbe schlägt, erkennt man an der Schlussfolgerung der AfD-Politikerin Beatrix von Storch, die kurzerhand urteilte, Gündogan sollte für seinen Präsidenten kicken gehen.

Die Kritik von Personen wie Cem Özdemir (Grüne) oder Sevim Dagdelen (Linke), welche beispielsweise beide selbst stark durch übermäßige Äußerungen rund um die türkische Politik auffallen, ist hier eher fehl am Platz. Den Spielern Wahlkampfhilfe vorzuwerfen, während man selbst, und das mit vielen anderen deutschen Politikern gemeinsam, regelmäßig Wahlkampf für andere Parteien der Türkei macht, ist in Anbetracht der Tatsache, dass weder Özil noch Gündogan sich tatsächlich politisch äußerten, ein zusätzlicher Doppeldenk. Dass sich Medien und Politiker so überproportional auf das Treffen in London stürzen, während es zu mittlerweile über 50 Toten und tausenden Verletzten nach Demonstrationen im Gazastreifen kam und das nicht ansatzweise so viel Aufmerksamkeit in Deutschland zu erhalten scheint, wirkt beim Stichwort Rechtsstaatlichkeit nicht sehr glaubwürdig.

In Anbetracht rechter Tendenzen in unserer Gesellschaft, ist es angebracht, verbal abzurüsten und den Ball flachzuhalten. Um die gerade inflationär verwendeten Fußballer-Metaphern auch mal zu bedienen.

Dieser Artikel ist ein Meinungskommentar und Debattenbeitrag

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