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#MeTwo: Diskriminierung im Inneren wie im Äußeren

Zwei Musliminnen berichten von ihren Erfahrungen und ziehen unterschiedliche Schlüsse

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Foto: Khalil C. Mitchell, for Visual Aurum

(iz). Die #MeTwo-Debatte hat bei Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen wie auch bei Privatpersonen für viel Wirbel gesorgt. Die Hashtag-Aktion ermutigte verschiedenste BürgerInnen dazu, ihre Diskriminierungserfahrungen mit der Welt zu teilen und schlug große Wellen. Auch in den Mainstreammedien wie dem ARD wurde das Thema aufgegriffen und es gab eine, wenn auch nur kurzweilige, ­Debatte über den gesellschaftlichen und strukturellen Rassismus in Deutschland, den die Gastarbeitergenerationen bis hin zu den jetzt „eigentlich“ Deutschen mit Migrationshintrgrund erdulden mussten und es noch heute tun.

Wir haben die Lehrerin Fereshta ­Ludin, die mit ihrem Kampf um das Recht, mit Kopftuch an der Schule unterrichten zu dürfen, öffentlich bekannt wurde, zu ihren Erfahrungen und ­Gedanken in Sachen #MeTwo befragt. Die Aktion habe bei ihr viele verstaubte Erinnerungen empor geholt. „Es war eine Lehrerfortbildung vor vielen Jahren, da organisierten eine muslimische Frauengruppe und ich als Studentin eine Fortbildungsveranstaltung zum Thema ­muslimische SchülerInnen an Schulen. Als Einstieg haben wir uns ein paar lustige Sketche ausgedacht, die wir gespielt haben, damit das Thema den KollegInnen nicht allzu trocken, abstrakt, langweilig und ernst transportiert wird.

Wir hofften, damit einen lockeren ­Einstieg erzielen zu können. Das Ergebnis dieses Einstiegs war jedoch weder hoffnungsvoll noch lustig und traf nicht auf die Akzeptanz der Anwesenden. Die adressierten LehrerInnen waren entsetzt und erbost darüber, dass wir diese Form der Darstellung, nämlich den Sarkasmus/die Persiflage gewählt hatten, um die Probleme, die angesprochen wurden, zu denen gemeinsam schultaugliche Lösungen erzielt werden sollten, darzustellen. Die anwesenden LehrerInnen fühlten sich als an Schulen nicht ernst zu nehmende Personen dargestellt. Uns wurde vorwurfsvoll mitgeteilt, mit diesem Einstieg kein Verständnis für die Belange der LehrerInnen vermittelt zu haben.

Die Probleme, die wir in den Sketchen geschildert hatten waren schwierige Schüler, die Disziplinprobleme erzeugt hatten, weil diese sich nicht mit ihrem kulturellen Hintergrund verstanden fühlten und Lehrer sie nicht nur in ihrem Verhalten versuchten zu disziplinieren, sondern auch an ihrem Auftritt und Aussehen ­einen Anstoß genommen haben. Kurz gesagt, diese SchülerInnen wurden ­diskriminiert und durch die Lehrkräfte als Außenseiter abgestempelt.“ Dieses Verhaltensmuster spiegelte sich nach Aussage Ludins nicht nur im Leben der Darstellerinnen der Sketche so wieder, sondern sei auch die Realität an vielen Schulen der kleinen Stadt im Süden Deutschlands gewesen.

Die Reaktion der LehrerInnen bei ­dieser und viele weitere Fortbildungen, die sie auch später im Norden Deutschlands ähnlich erlebt habe, stimme sie nachdenklich. LehrerInnen seien häufig durch Kinder mit „Migrationshintergrund“ überfordert. Viele versuchten, diese ­Kinder in ein ihnen genehmes ­Schema zu pressen, das von den SchülerInnen nur schwer angenommen werde, weil ­ihnen nicht oft die nötige Akzeptanz und der Respekt durch die Lehrerschaft ­entgegengebracht werde.

Migration sei für sie ein Themenkomplex, für den weder Politik als Ganzes, noch die Bildungspolitik im konkreten bis heute differenziert Konzepte zu entwickeln in der Lage gewesen sei. Im schulischen Alltag blieben sowohl SchülerInnen mit Migrationshintergrund, als auch LehrerInnen im Versuch, mit einander klarzukommen. Benachteiligung, Diskriminierung und Rassismus an Schulen sei ein durchaus präsentes Thema. Was jedoch viel zu oft verkannt werde, sei das Problem, dass LehrerInnen mit jenen SchülerInnen „gezwungen“ seien, umzu­gehen, ohne die entsprechende Kultur- und Religionssensibilät zu besitzen.

Auch fehle das Bewusstsein dafür, dass SchülerInnen, die einen Migrations­hintergrund hätten, zum größten Teil sowohl hier geboren sind, als auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Sie seien also schon längst nicht mehr als Fremde, Migranten, oder als Ausländer zu ­betrachten.

„Also was soll das Wort Migrationshintergrund überhaupt? Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir alle Menschen, die die deutsche Staatsangehörigkeit haben, oder hier geboren sind, nicht mehr als Migranten, sonder vielmehr einfach als Deutsche sehen. Denn an diesem Punkt könnte die Diskriminierung aufhören, ebenso viele rassistische Bemerkungen, Fragestellungen und Kommentare in der Schule, während des Studiums und im Berufsleben. Es ist an der Zeit, einmal anders Deutsch zu denken und ein ­anderes Deutschverständnis zu definieren. Sprache ist das erste Mittel dazu“, so Fereshta Ludin.

Aaliyah Bah-Traoré, Aktivistin togolesischen Ursprungs, sieht das Problem des Rassismus nicht nur in der Be­zie­hung zwischen den sogenannten ­MigrantInnen und der deutschen ­Mehrheitsgesellschaft, sondern auch unter den Migranten selbst. Für sie sei es grundlegend nicht einfach, in Deutschland eine schwarze, kopftuchtragende ­Muslimin zu sein. Einerseits ­erfahre sie Diskriminierung vonseiten der deutschen, weißen Mehrheitsgesellschaft im ­Hinblick auf ihre Hautfarbe, auf ihr Muslimsein und ebenso als Frau.

Jedoch werde sie gleichzeitig auch von der muslimischen Community diskriminiert, die sie aufgrund ihrer Hautfarbe und wiederum auch als Frau benachteilige. Sie fände eine Diskussion innerhalb unserer eigenen muslimischen Gemeinschaft in Deutschland wichtig, denn ohne vor der eigenen Haustüre zu kehren, ­können wir nicht erwarten, dass sich im Äußeren etwas ändern könne. „Oft ist es so, als wollten mir Leute meine eigene Identität vorschreiben. Mir wurde mehrmals gesagt, ich solle türkischer oder arabischer werden, um eine echte Muslimin sein zu können, denn schwarze Muslime wüssten nicht, wie man den Din richtig praktiziere und müssten von eben diesen Ethnien darin unterrichtet werden.“ Trotz dieser rassistischen Erfahrungen lässt sich die junge und dynamische Frau in kein Muster pressen. Sie lasse sich nicht von anderen vorschreiben, was es heiße eine in Deutschland lebende schwarze Muslimin zu sein, weder von „den Deutschen“ noch von „den Mus­limen“. Sie fühle sich nicht in einer Identitätskrise, da sie weder die Akzeptanz noch die Anerkennung anderer brauche, die sie in ihrem Muslimsein und ihrer Selbstbeschreibung bestärken.

Sie fürchte sich auch nicht vor Konfrontationen, um ihre Grenzen zu schützen und Menschen daran zu hindern, diese zu überschreiten. Sie wirkt im ­Gespräch gelassen und realistisch, ist sich der negativen Erfahrungen und der ­angespannten Lage bewusst, lässt sich ­jedoch nicht das Lachen und die Fröhlichkeit nehmen.

Ihr selbstbewusster ­Umgang mit diesem Thema stamme von ihrer Erziehung, denn ihre Mutter habe sie stets Unabhängigkeit und Durchsetzungsvermögen gelehrt. „Ich empfinde es als ein Segen, eine schwarze Frau zu sein, auch wenn es nicht immer einfach ist. Meiner Mutter brachte mir bei, mich von niemandem unterdrücken zu lassen und für meine Rechte einzustehen. Ich gebe Menschen gar nicht erst die ­Möglichkeit, mich als minderwertig zu behandeln. Ich habe einen Weg gefunden, mich selbst auf eine Art zu lieben, die andere einschüchtert“, so Bah-Traoré. Dies sei für sie ein guter Weg, für sich selbst einzustehen und sich gegen ­Diskriminierung zu wehren.

Auf persönlicher Ebene haben viele Menschen migrantischen Urpsrungs Wege für sich gefunden, mit Diskriminierung umzugehen. Die Frage besteht dennoch: Was tun wir als deutsche Gesellschaft, damit sich alle hier Lebenden zuhause fühlen?

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Massouda Khan

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