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Mischung aus Neid und Ohnmacht

Ressentiment ist ein Ergebnis der zeitgenössischen Negativität

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Foto: Mstyslav Chernov, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

(iz). Pankaj Mishra zeigt in seinem Buch „Das Zeitalter der Wut“ einschneidend, dass die gegenwärtige Welle der Grausamkeiten, die dem „islamischen“ Extremismus zugeschrieben wird, nicht isoliert betrachtet werden kann. Sie muss als historische Fortsetzung von etwas gesehen werden, das im 18. Jahrhundert begann: Nämlich, der umfassenden intellektuellen, sozialen, wirtschaftlichen und morali­schen Verwerfungen, die durch das Denken der europäischen Aufklärung verursacht werden.

Sie leiteten eine neue Art und Weise des Blicks auf die Welt ein und verursachten tiefgehende Veränderungen in der politischen und sozialen Landschaft, die bis zum heutigen Tag zu spüren sind. Die neue Weltanschauung fand früh einen politischen Ausdruck in den gewalttätigen Zuckungen des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und kurz danach in der Französischen Revolution. In ihr wurde die Idee des „Terrors“ als politische Vorgehensweise offen vertreten. Gewaltsame politische Handlungen basieren auf diesen Konzepten. Sie ­bestanden in verschiedenen Masken im gesamten 19. Jahrhundert – oft in der Form revolutionärer und nationalis­tischer Bewegungen –  und setzten sich im 20. Jahrhundert in antiimperialistischen, antikolonialistischen und nationalistischen Bewegungen in Afrika, Amerika und Asien fort.

Eine der wichtigsten Annahmen der Aufklärung war die Erklärung der grundlegenden Gleichheit aller menschlichen Wesen. Das Problem ist, dass eini­ge Menschen in der Praxis immer weitaus gleicher waren als andere! Sie galt nur für einige wenige sozial und wirtschaftlich fortgeschrittene Einzelne – und ließ beinahe jeden anderen in einem Zustand extremer Ungleichheit zurück. Gleichzeitig haben sich Dinge wie Bildung und Massenkommunikation ausgebreitet. Das führte dazu, dass einem Großteil der Weltbevölkerung eines gesagt wurde, sie aber etwas anderes erlebte. Diese strebt verzweifelt nach einem sozialen Status und Lebensstandard, der immer außerhalb ihrer Reichweite liegt.

Das Ergebnis dieser negativen Energie ist als Ressentiment bekannt. Mishra definiert es so in seinem Buch: „eine existenzielle Abneigung gegen das Wesen anderer Menschen, verursacht durch eine intensive Mischung aus Neid, Demütigung und Ohnmacht.“ Oder, um es mit Hannah Arendt scharfem Satz zu sagen: „eine enorme Zunahme des gegenseitigen Hasses und eine einigermaßen universelle Reizbarkeit aller gegen alle anderen“.

Dieses Ressentiment war ein wichtiges Element in den meisten politischen und sozialen Bewegungen der letzten beiden Jahrhunderte. In diesem Jahrhundert verdanken tamilische Separatisten auf Sri Lanka, die Hindunationalisten in  Indi­en, die Occupy Wallstreet-Bewegung, Brexit oder die Wahl von Donald Trump dem Ressentiment ihre Dynamik und Wichtigkeit. In diesem Kontext gilt das auch für Al-Qaida uns ISIS.  Das soll nicht heißen, dass die politische, nationalistische oder religiöse Doktrin dieser Bewegung und ihre ­Rhetorik überhaupt keine Rolle in der fanatischen Gewalt spielen. Es ist nur so, dass die treibende Kraft dahinter in Wirklichkeit das von ihnen empfundene Ressentiment ist.

Während dieser Zeit haben Terroristen im Namen verschiedener Ziele gehandelt und ihre Gewalt auf unterschiedliche Arten gerechtfertigt. Und doch bleibt ihre grundlegende Motivation immer die gleiche. Sie leitet sich ab von einer tiefen Unzufriedenheit mit der Lage, in der sie sich befinden. Das heißt, eine Art Entfremdung von ihrer Gesellschaft. Es scheint also, als hätten die politisch inspirierten Grausamkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts und die religiös motivierten des 21. Jahrhunderts einen gemeinsamen Nenner: das Ressentiment der Täter.

Unzählige Muslime Südasiens und Nordafrikas – die viele Jahre zuvor unter kolonialer Herrschaft standen – wanderten nach Europa aus. Oft in die Heimat ihrer vorherigen Kolonialherren. Diese Menschen waren auf der Suche nach einem besseren Leben, das sich in vielen Fällen nicht oder nur teilweise verwirklichen ließ. Gleichzeitig wurden sie von der Aufnahmegemeinschaft des Landes, in dem sie lebten, nie ganz akzeptiert. Es besteht ein unvermeidliches Gefühl der Entfremdung, nicht wirklich zu dem Ort zu gehören, der nun die Heimat ist. Für ihre Kinder verschärfte sich diese Tatsache durch den Fakt, dass sie sich auch nicht in dem Land beheimatet fühlen, aus dem entweder ihre Großeltern oder ihre Eltern kamen.

Befinden sich hunderttausende Menschen in dieser Situation, ist es leicht zu sehen, wie eine winzige Minderheit unter ihnen davon überzeugt werden kann, aus einem Gefühl der Demütigung, des Neids und der Machtlosigkeit heraus zu handeln. Sie schlagen mit extremen Formen von gewaltsamer Vergeltung um sich.

Der Antrieb für ihre gewalttätigen Taten ist demnach weniger die Lehre, für die sie eintreten, sondern vielmehr die Denkweise, die sie veranlasst, diese Doktrin zu übernehmen und sie dazu zu illustrieren, ihre verborgene Wut nach außen zu tragen. Ihre gefühlte Entfremdung diktierte den von ihnen verfolgten, rachsüchtigen Kurs.

Mit anderen Worten: Das perverse Verständnis des Islam, mit dem sie ihre nihilistische Gewalt rechtfertigen, spielt in ihrem folgenden Verhalten nur eine untergeordnete Rolle. Ihr Zustand des Ressentiments bereitet sie vor auf die vergiftete Propaganda, mit der sie gefüttert werden. Es ist mehr ihr Geisteszustand als ihre Lehre selbst, welche die erste Ursache dessen darstellt, was sich später ereignet. Der Grund, warum ich all das sage, liegt darin, dass die jetzige Führung daran festhält, dass die Ursache für Terrorismus in dem liegt, was sie als „islamischen Extremismus“ bezeichnen. Indem sie die wirkliche, zugrundeliegende Ursache des Geschehens missversteht, macht die Regierung einen sehr schwerwiegenden und unproduktiven Fehler.

Selbst einige ihrer Mitglieder haben das erkannt. In einem Bericht des Innenministeriums heißt es: „Der Hintergrund aus gebrochenen Familien, ein Mangel an Integration in das, was wir Mehrheitsgesellschaft nennen, ein gewisses Maß an Kriminalität sowie gelegentliche familiäre Konflikte sind normalerweise viel prägender in Menschen, die sich Terrororganisationen anschließen.“

Ein führender Antiterrorspezialist der UNO sagte hierzu: „Ideologie ist nicht die treibende Kraft, wenn es darum geht, Menschen zum Terrorismus zu bewegen. Das ist ein Denkfehler. Er wird nicht helfen, um die Radikalisierung der Menschen zu verhindern. Und lenkt die Aufmerksamkeit von anderen Ursachen ab, die eine zentrale Rolle dabei spielen, warum Menschen in den Terrorismus verwickelt werden.“

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die Politik der gegenwärtigen Regierung die muslimische Gemeinschaft, die bereits zuvor angegriffen wurde, dazu veranlasst, sich noch mehr unter Belagerung fühlt. In der Einleitung zu seinem Buch „Al-Britannia: My Country“ schrieb James Fergusson: „2006 unternahm ich den Versuch, eine eigene Einschätzung der islamistischen Bedrohung sowie der öffentlichen Antwort auf diese zu formulieren. (…) Was ich vorfand, war eine Gemeinschaft, die vor Groll über die Art und Weise kochte, wie sie behandelt wird. Vor allem, wie sie kollektiv für die verhältnismäßig minimale Zahl gewalttätiger Extremisten unter ihnen verantwortlich und haftbar gemacht wird (…). Die Regierung will, dass sich britische Muslime besser in die weitere Gesellschaft integrieren. Ein sinnvolles Bestreben angesichts dessen, wie verbreitet ihre Religion und Kultur wurde. Ihre Antiterrorpolitik jedoch könnte das Gegenteil bewirken: einen tiefen Keil zwischen Muslimen und den Rest von uns treiben.“

Zu was die gegenwärtige Politik führt, ist eine noch größere Entfremdung der Muslime vom Hauptkörper der britischen Gesellschaft. Und daher, wie wir gesehen haben, ist sie eine Brutstätte potenziellen Terrors. Sie schafft einen Vorrat an Unzufriedenheit.

Eine große Anzahl junger Leute, die mit ihrer Lage unzufrieden sind. Unfähig, sich mit der Mehrheitsgesellschaft zu identifizieren. Nicht wirklich in diesem Land beheimatet, von dem sie in der Lage sein sollten, es ihr eigenes zu nennen. Dies macht eine kleine Anzahl schutzbedürftiger Personen unter ihnen zur leichten Beute für die giftige Propaganda skrupelloser und manipulativer islamistischer Einpeitscher.

Wenn man die Muslime in Großbritannien willkommen heißt, sie authentisch zur Integration ermutigt, damit sie sich mit dem Rest der Menschen identifizieren, dann werden die Jagdgründe der verqueren Ideologen enorm beschnitten. Und deutlich weniger junge Muslime enden in ihren Netzen.

Damit das geschehen kann, muss die Regierung ihren Ansatz gegenüber Islam und den Muslimen komplett ändern. Sie muss aufhören Islam als Bedrohung zu sehen, und auch damit orthodoxe, muslimische Mainstreampositionen als Übergang zu gewaltsamen Extremismus zu etikettieren. Sie muss Islam als das erkennen, was er ist: eine potenzielle Quelle spiritueller Erneuerung sowie ein sozialer und ökonomischer Vorteil für das gesamte Land.

Ob es einem gefällt oder nicht: Islam ist fest in diesem Land verwurzelt und heute ein dauerhafter, integraler Bestandteil der britischen Landschaft. Die Muslime Großbritanniens sind in jeder Hinsicht britisch und haben jedes Recht, im gleichen Licht wie jeder andere britische Bürger zu gelten. Anstatt durch ihre rhetorischen und politischen Äußerungen die Idee, wonach der Islam und die Muslime eine Art Fremdkörper seien, die kein Recht haben, hier zu sein, zu fördern oder zumindest zu bestärken, sollte die Regierung ihn für die positiven, bekräftigenden Werte, die er in der Realität repräsentiert, und den wertvollen Beitrag, den er seit langem für das Land leistet, anerkennen.

Seine blühende Gegenwart in Großbritannien sollte anerkannt und von allen begrüßt werden. Und zwar, für was sie eigentlich ist: die Eröffnung eines neuen, nutzbringenden und aufregenden Kapitels der anhaltenden religiösen und spirituellen Geschichte der britischen Inseln.

Schaikh Abdalhaqq Bewley ist ein Schaikh der Darqawi-Schadhili-Qadiri-Tariqa sowie renommierter Autor und Übersetzer.

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Abdalhaqq Bewley

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