IZ News Ticker

Mit dem Herzen die ­Bedeutungen sehen

Auch ohne explizite ästhetische Lehre haben ­Muslime einen Sinn für das Schöne kultiviert

Werbung

Foto: Museum of Modern Art

(iz). Im Gegensatz zur Antike oder zur Geistes- und Kulturgeschichte des heutigen Europas gibt es kaum eine ausformulierte und allgemeingültige ästhetische Lehre für Muslime. Der Begriff der „Ästhetik“ existierte nicht in den muslimischen Kulturen und der Tradition. Der moderne Begriff Dschamalija, der heute als Synonym benutzt wird, wird definiert als „Wissenschaft von der Schönheit“. Weder im Qur’an noch in der Sunna gibt es, nach Ansicht der Autorin Wijdan Ali, offenkundige Bezüge. Es wurden auch keinesfalls autoritative Prinzipien festgelegt, die den Rahmen abstecken sollten.

Mit Ausnahme einiger bekannter ­Hadithe gibt es kaum Material im offenkundigen Wortsinne, an dem sich eine verbindliche Ästhetik festmachen ließe. Das liegt in meinen Augen daran, dass Allahs Din – als Rechtleitung für alle möglichen menschlichen Kontexte – ­keine Vorgaben macht. Dafür sind die Menschen und ihre Wirklichkeiten zu verschieden. Schaut man sich beispielsweise die Arbeit von Ibn Khaldun und seine Unterscheidung zwischen Nomaden, Bauern und Stadtbewohnern an, wird klar, dass muslimisches Denken die unterschiedlichen materiellen Gegebenheiten, die zur Hervorbringung von Kunst & Kultur nötig waren, anerkannte und integrierte.

Das soll andererseits nicht bedeuten, dass es keine allgemeinmenschlichen ­Aspekte von Ästhetik und Schönheit gibt. Wir alle kennen den Moment, in dem wir etwas Schönes unmittelbar erblicken und – ohne Reflexion – unmittelbar ­darauf reagieren.

Wo der Begriff und das Reflektieren über Schönheit deutliche Spuren hinterließ, ist die spirituelle Liebesdichtung von Ibn Al-Farid, Rumi, Yunus Emre und unzähligen anderen. Ihre Verse erwecken Wunder und Freude in der Beschreibung der schönen Eigenschaften des Geliebten.

Damit eine Sache – jenseits der reinen Subjektivität – als schön wahrgenommen wird, braucht es eine gemeinsame Formensprache, Kenntnis der sozial verstandenen Symbolik und eine verbindliche Sprache der Form. Mir ist noch eine Anmerkung wichtig: Es geht hier nicht um konkrete Kunstformen oder jene ästhetischen Ausdrucksweisen, die in den muslimischen Kulturen besonders beliebt waren oder sind.

An dieser Stelle möchte ich auf den bosniakischen Denker Ömer Spahic verweisen, der schrieb: „Wertschätzung von Schönheit und ansprechenden Dingen – unabhängig davon, ob es sich um natürliche oder künstlerische Ausdrucksformen handelt –, ist allen Menschen eigen. Versuche auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichem Erfolg, die Sehnsucht der Menschen nach Ästhetik zu befriedigen, müssen daher seit jeher von Menschen in den Vordergrund gerückt sein. Was immer die Definitionen von Schönheit und ihre Kriterien sind, sie stammen alle aus Philosophien und Prinzipien, die nicht nur die Vorstellung und Wertschätzung der Schönheit, sondern auch die gesamte Lebensauffassung prägen.“

Jeder mit einer minimalen Kenntnis weiß, dass die muslimische Welt unzählige Beispiele an Schönheit hervorbrachte – von den Wüstenschlössern der Umajja­den bis zu Miniaturen der Mogul, von den Gebrauchsgegenständen einer Bauernkultur bis zu den Selbstäußerungen städtischer Verfeinerung. Nicht umsonst ziehen – im Falle von Architektur – die verbleibenden Zeugnisse ihrer Art heute Millionen Besucher pro Jahr an.

Aber woran liegt das? Den wenigsten ist bewusst, dass das auch an einem Weltverständnis liegt. Die Verbindung zwischen Liebe und Schönheit ist eindeutig. Wir lieben, was wir schön finden. Schönheit zieht an, Hässlichkeit ist abstoßend. Es versteht sich hierbei von selbst, dass wir dabei nicht von rein physischen Kate­gorien sprechen.

In der Tradition wird der Sinn für Schönheit und Vollkommenheit – gleichzeitig ästhetisch, ethisch, intellektuell und spirituell – durch den schwierig zu übersetzenden Begriff Ihsan erfasst. Seine klassische Definition stammt aus dem Hadith von Gabriel, in dem der Prophet, möge Allah ihn segnen und im Frieden geben, sagte: „Allah anzubeten, als ob ihr Ihn sehen würdet. Denn auch, wenn ihr Ihn nicht sehen könnt, sieht Er euch.“

Die mit Sicherheit am häufigsten zitierte Quelle in unserem Kontext ist das Hadith des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben: „Allah ist schön, und Er liebt Schönheit.“ Viele haben Schönheit und Liebe in Hinblick auf die Einheitslehre des Islam verstanden. Wenn Allah schön ist, dann gibt es nichts wirklich Schönes außer Ihm. Und dass Er, wie bei anderen Eigenschaften, uns diese leiht. Iman Al-Ghazali und Ibn Sina definierten Liebe beispielsweise als Neigung zu dem, was erfreulich, vollkommen oder schön ist.

Als solches zieht Schönheit der Kunst Liebe an. Egal, ob im Gebet in den wunderschönen Moscheen Istanbuls und von Fes oder ihr Anblick: Das führt unabhängig von den äußeren Umständen in den Raum der Liebe. Diese sanfte Präsenz von Schönheit und Liebe bewirkt, dass Sakina – der tiefe Frieden, der durch das Bewusstsein der Gegenwart Allahs erzeugt wird – eines der charakteristischsten Merkmale der Architektur aller tradi­tionellen Moscheen war. Die Harmonie ihrer Geometrie macht die Baraka des Raumes erfahrbar und hilft, unsere Seelen ins Gleichgewicht zu bringen.

Hier ist eine Warnung angebracht: Dass, was bei Allah schön ist, hat nicht notwendigerweise etwas mit menschlichen Kategorien zu tun. Schaut man sich unter dem Mikroskop die Struktur eines tödlichen Virus an, kann dieser eine ästhetisch ansprechende Gestalt haben. Für uns mag er gefährlich werden, aber er gehört zur Schöpfung Allahs. Wir müssen uns davor hüten, unsere Maßstäbe in Hinblick zum Göttlichen anzuwenden. Selbst das, was uns hässlich erscheint, wurde von Allah erschaffen. Und alles ist, wie der Rumi-Fachmann Chittick sagt, in Hinblick auf die Einheit und Harmonie des Geschaffenen schön. Darauf verweist auch folgender berühmter Vers aus der Sura al-Mulk: „Du kannst in der Schöpfung des Allerbarmers keine Ungesetzmäßigkeit sehen. Wende den Blick zurück: Siehst du irgendwelche Risse? Hierauf wende den Blick wiederholt zurück. Der Blick wird zu dir erfolglos und ermüdet zurückkehren.“

Das gegenteilige Phänomen – die Ferne zu Allah – mag die Tür zur Erfahrung von Hässlichkeit öffnen. Abwesenheit von Allah ermöglicht ein Hervortreten des Hässlichen. Um es anders zu sagen: Die Welt erscheint uns in dem Maße als hässlich, in dem wir sie als fern von Allah wahrnehmen. Und sie ist in dem Maße schön, in dem wir seine ständige Anwesenheit erkennen. Das Scheitern dieses Anerkennens stellt eine der Wurzeln von Unwissenheit dar.

Über das allgemeinmenschliche Bedürfnis, Schönes hervorzubringen, sagte Ömer Spahic: „Es ist unbestreitbar, dass die ständige Interaktion des Menschen mit der Welt, die schließlich zur Entstehung verschiedener Handwerke, Künste, Berufe, Industrien, Traditionen und kulturell verfeinerten Mustern führte, alle darauf ausgerichtet sein sollten, sich über die physischen Facetten der Welt zu erheben und zu erkennen, zu verstehen und zu erkennen Wertschätzung des höchsten Wesens und der Schönheit, wodurch die geistige Einsicht geschärft und verbessert wird. Die Hauptaufgabe der Ästhetik trägt auch den gleichen Geist, vielleicht sogar mehr als eine Reihe anderer Interessen des Menschen, da die Verwendung von Geschicklichkeit und Vorstellungskraft beim Erkennen der Ordnung in der Welt und beim Erstellen ästhetischer Objekte, Umgebungen und Erfahrungen universell und dauerhaft ist.“

In den Augen der Autorin Wijdan Ali entstand nach der Frühzeit der muslimischen Gemeinschaft eine Notwendigkeit zur Schaffung einer Ästhetik – die sich von den bisherigen, fremden Traditionen der Griechen, Römer und Persern unter­schied. Die neuen Muslime hätten eine ästhetische Seinsweise gebraucht, die der spirituellen und denkerischen Natur ihrer Religion entsprechen sollte.

Es gibt qur’anische Beschreibungen des Paradieses mit seinen Gärten, Wasserspielen und Pavillons wie in der Sure al-Ghaschijja, 7-15: „(Und manche) Gesichter werden an jenem Tage fröhlich sein, wohlzufrieden mit ihrer Mühe in einem hohen Garten, in dem sie kein Geschwätz hören, in dem eine strömende Quelle ist, in dem es erhöhte Ruhebetten gibt und bereitgestellte Becher und aufgereihte Kissen und ausgebreitete Teppiche.“ Sie übten eine visuelle Anziehung auf die dekorative Kunst der Muslime aus. Diese qur’anische Metapher des Gartens diente als ­Inspiration für den künstlerischen Ausdruck, was wir am Beispiel einer Miniatur, die eine seltene Darstellung einer Ideallandschaft zeigt, erkennen können. Dieses Bild kann man möglicherweise als qur’anische Paradiesbeschreibung ­interpretieren. Die Beschreibung einer Metapher hat natürlich nicht annähernd dieselbe Kraft wie die Metapher, ebenso wie die Beschreibung. Aber das betreffende Werk vermittelt eine künstlerische Aussage, die über die bloße Gegenständlichkeit hinaushebt.

Über den Akt der Formgebung sagte der deutsch-muslimische Architekt ­Mahmud Bodo Rasch: „Nur Gott schafft richtige Bilder, wir können keine machen, wir können sie nur finden. Wir können die Formen der Dinge suchen, und wenn wir Glück haben auch finden. Der Gedanke des wissenschaftlichen Formfindungsprozesses in der Architektur stammt von meinem Lehrer Frei Otto. Notwendige Formen sind meistens auch schöne Formen. Nehmen Sie das Beispiel der Flugzeuge, die, wenn sie viel Unnötiges hätten, nicht mehr fliegen könnten. Sie sind schön, weil nichts Überflüssiges oder Willkürliches an ihnen ist. Das ist auch so beim Turm des Freiburger Münsters oder an Sinans großartigster Moschee in Edirne, wo wir ein Maximum an Licht bei einem Minimum an Stein haben. Gott ist schön und er liebt die Schönheit, sagt ein oft zitierter Hadith. Da Gott alle Seelen aus nur einer gemacht hat, müssen wir nur aufrichtig versuchen, die Formen, die Er uns in Seiner Gnade finden lässt, ohne Willkür richtig zu bauen, dann werden sie mit Seiner Hilfe auch schön. Da ist eine echte Brücke zwischen Ethik und Ästhetik, wobei die daraus entstehende Arbeitsweise durchaus wissenschaftlich sein kann.“

Im ganzheitlichen Kontext des Hervor­bringens von Dingen ist die – nie erreich­bare – Vollkommenheit von Gegenständen, auch solchen, die einen Nutzen haben, ein Form der ‘Ibada. Muslimische Künstler waren ständig auf der Suche nach neuen Ideen und Techniken, die ihre Verzauberung und Faszination verstärken könnten, indem sie das gesamte Leben verschönern. Gleichzeitig war ihnen bewusst, dass vollkommene Perfektion Allah vorbehalten ist.

Die Grundaufgabe muslimischer Kunst und Formgebung bestand nicht nur darin, notwendige funktionalen Anforderungen zu erfüllen, sondern auch einen sinnvollen Sinn für Schönheit zu zeigen. Diese erfordert sowohl eine quantitative Dimension der Besorgnis, die hauptsächlich durch einen Prozess pragmatischer Umweltanpassungen erreicht wird, als auch eine qualitative Dimension, die im Wesentlichen durch Ästhetik ausgedrückt wird.

Unsere Lehre verweist auf das Jenseits und demzufolge fördert der Din keine Kunst, die als bloßer Selbstzweck geschaffen wird bzw. die in sich einen verehrungswürdigen Charakter erhalten soll. Dies ist keine genuin muslimische Haltung, denn bereits bei Platon lassen sich Diskussionen über den Wahrheitsgehalt in der Kunst finden.

Um das Ganze abschließend mit einem Beispiel zu illustrieren, möchte ich die Autorin Dr. Milena Rampoldi zitieren, die sich mit ästhetischen Aspekten der Qur’anpädagogik beschäftigt hat: „Da ich den Zugang zum Islam zu Beginn als Konvertitin sehr stark auf der ästhetischen Ebene erfahren habe, habe ich immer schon für eine ästhetische Gestaltung des Qur’anunterrichts, sei es visuell als auch akustisch, plädiert. Ich bin dafür, dass der Grundsatz ‘Allah ist schön und liebt die Schönheit’ gelebt und gelehrt werden soll.

Für das qur’andidaktische Verständnis des ästhetischen Lernens sind für mich sowohl der Begriff der Ästhetik an sich, als auch unter anderem seine Erwei­terungsformen ästhetische Erziehung, ­ästhetische Bildung, ästhetisches Lernen, ästhetische Erfahrung und ästhetische Wirklichkeit relevant.“

The following two tabs change content below.
Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

Neueste Artikel von Sulaiman Wilms (alle ansehen)

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen