IZ News Ticker

Mit dem Hima-System gibt es eine Variante des Naturschutzes, die auf den Gesandten Allahs zurückgeht. Von Tom Verde, Hartford

Der Prophet und die Umwelt

Werbung

(iz) Im frühen siebten Jahrhundert [christlicher Zeitrechnung], nachdem die Muslime sich in der Erleuchteten Stadt Medina etabliert hatten, überblickte der Prophet Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, die natürlichen Ressourcen in der Region – die Wadis, den reichen, schwarzen vulkanischen Boden und die hohen Berghänge. Dann beschloss er, dass sie bewahrt werden sollten und bestimmte sie als eine Hima, ein arabischer Begriff, der so viel wie „beschützter Ort“ bedeutet. „Wahrlich, Ibrahim erklärte Mekka zu einem geschütztem Ort und ich tue dies für Medina. Dasjenige, was zwischen seinen beiden [erkalteten] Lavaströmen liegt, zu einer Schutzzone. Seine Bäume dürfen nicht geschlagen werden und Wild nicht gejagt werden.“

Von manchen als das älteste System der Naturschutzzonen angesehen, waren Himas den Stammeshäuptlingen aus der Zeit des Propheten nicht unbekannt. Aber der sozial bewusste Prophet transformierte die Hima von einer privaten Enklave in ein öffentliches Gut, an dem alle Anteil haben – entsprechend ihrer Funktion als Bewahrer der natürlichen Schöpfung Allahs.//1r//

Mit einem Auge auf die islamische Vergangenheit und mit einem anderen auf die ökologischen Herausforderungen der Gegenwart gerichtet, untersuchen nahöstliche Umweltschützer und -planer das alte Modell der Hima, um das moderne Problem des Schutzes bedrohter Lebensräume in der Region zu lösen. Ihre Mittel und Ziele unterscheiden sich im Wesentlichen nicht von denen Muhammads: Den ländlichen Gemeinden dabei zu helfen, natürliche Zonen wie Wälder, Grasland und Gewässerzonen vor übermäßiger Ausbeutung zu bewahren – im Interesse der Artenvielfalt und des eigenen wirtschaftlichen Wohlergehens. Anstatt die Menschen vom Land zu trennen, wie es in formellen Naturschutzzonen ge­schieht, ermutigt der traditionelle Gebrauch der Himas eine Verwendung, die der ökologischen Gesundheit nutzt. Zu den beschränkten Aktivitäten innerhalb einer Hima zählen beispielsweise das Mähen von Gras zu bestimmten Zeiten, aber auch das unterscheidungslose Fällen von Bäumen oder Sträuchern. Ebenso werden der Jagd enge Grenzen auferlegt.

„Das allgemeine Ziel ist die Verbindung von traditionellen Handlungsweisen mit jüngsten Entwicklungen, um eine nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen“, sagt Assad Serhal, Generaldirektor der in Beirut beheimateten Gesellschaft für den Schutz der Natur im Libanon (SPNL). Die Organisation ist führend in der Bewegung zur Wiederbelebung der Himas im Libanon und in der ganzen Region. Eine ganze Reihe von Umweltschutzorganisationen kooperieren mit der SPNL. Dazu zählen A Rocha Lebanon, BirdLife Internationale und die Internationale Organisation für den Naturschutz (IUCN).

Zu gewissen Zeiten gab es tausende von Himas auf der Arabischen Halbinsel, welche lokalen Häuptlingen gehörten, die sie zum persönlichen Weiden ihrer Herden oder für die Jagd benutzten. Nach Meinung von Imam Asch-Schafi’i sind die Grenzen einer Hima durch die Entfernung bestimmt, von der das Bellen eines Hundes [des Stammesführers] noch zu hören ist, der sich erhöht in der Mitte der Hima befindet. Mit dem Ausbreiten des Islam wurde auch das System der Hima ausgeweitet. Auch wenn es unter verschiedenen Namen in der muslimischen Welt bekannt geworden ist, bleibt der Zweck der Hima: Die Übergabe des Naturschutzes in die Hände der lokalen Bevölkerung – innerhalb des Rahmens, den das islamische Recht bestimmte.

„Der Prophet Muhammad bestimmte die Eckpunkte, welche die Hima in eines der wichtigsten Instrumente des Umweltschutzes innerhalb des islamischen Rechts verwandelte“, erklärt Othman Abd Ar-Rahman Llewellyn, der für die saudi-arabische Nationalkommission für Naturschutz und Entwicklung arbeitet. „Es ist die umfassendste und älteste traditionelle Schutzzone im Nahen Osten, und vielleicht sogar auf der ganzen Welt.“

Im Zuge der modernen, postkolonialen muslimischen Staaten, mit ihren Bürokratien und ihren Zentralregierungen, wurden die Himas überwuchert von der Kontrolle des öffentlichen Landes durch die unterschiedlichsten Ministerien. Auch wenn eine Handvoll Akademiker wie Llewellyn die Himas als wichtiges Modell für den Umweltschutz studieren und fördern, war diese Einrichtung im 20. Jahrhundert eher in Vergessenheit geraten. Es dauerte, bis die SPNL, welche die Begrenzungen der wichtigen Flugschneisen für Wandervögel in der südlibanesischen Stadt Ebel es-Saqi alte Karten der Region aus der französischen Mandatszeit entdeckte. „Wir bemerkten große Gebiete auf der Karte, die als Himas bezeichnet waren. Ein Konzept, das seit dem Ende der osmanischen Zeit in Vergessenheit geriet“, sagte SPNL-Präsident Ramzi K. Saidi. Inspiriert von Möglichkeiten des Systems, das auf lokalen Gemeinschaften beruht, arbeitete SPNL gemeinsam mit BirdLife International und den Einwohnern und dem Dorf Kfar Zabad in der westlichen Bekaa-Ebene 2004 an der Errichtung von Himas an beiden Orten. Gemeinsam mit den Einwohner, gründete SPNL „Unterstützungsgruppen vor Ort“, die aus Bauern, Vertretern der Ortschaften und Fachleuten wie Landwirtschaftsingenieuren und Botanikern bestanden. Die Gruppen treffen sich regelmäßig, um den Zustand der Himas zu debattieren und den Fortschritt des Projekt zu überwachen, dass sowohl als Ruhezone für die Natur dienen soll als auch als wirtschaftliche Möglichkeit für die Einheimischen.

Im Hima von Ebel es-Saqi beispielsweise hat die Verwendung von traditionellen Pfaden der Hirten als Wanderwege Ökotouristen, insbesondere Vogelfreunde, anzogen, die einen Blick auf den Dalmatinischen Pelikan, den Zwergkomoran oder den Weißschwanz-Seeadler werfen wollten, die alle zu den bedrohten Arten zählen, die zwischen Europa und Afrika wandern. Der Zustrom von Touristen bereitet lokalen Imkern und Ziegenhirten einen Markt für ihre Produkte und bietet die Gelegenheit, Pensionen als Familiengeschäft zu betreiben. „Die Hima hatte eine sehr positive Auswirkung in dieser Gemeinschaft“, berichtet Kasim Shoker, Bürgermeister von Kfar Zabad. „Nicht nur hat sie geholfen, die Wirtschaft zu verbessern, sie hat auch die Einheimischen den Wert des Landes und der Artenvielfalt erkennen lassen.“

Traditionelle Schutzzonen von den Ufern des Roten Meeres bis zu den felsigen Flussbetten des nördlichen Iman mit ihren einheimischen Wäldern aus Oliven- oder Yuyube-Bäumen können eine wichtige Rolle als Herkunftsgebiete für Samen spielen, um Gebiete wieder aufzuforsten, die durch Überweidung und menschlicher Entwicklung gefährdet sind. Darüber hinaus können Himas, so ein SPNL-Vertreter, einen Anteil im Kampf gegen Wüstenbildung und die Bedrohung durch Sanddünen haben.

Auch die Tierwelt profitiert. „Wir haben die Rückkehr von bedrohten Arten in Gebieten beobachten können, für die wir die Hoffnung aufgegeben haben – Orten, die zu Deponien wurden oder in denen gejagt wurde“, berichtet SNPL-Manager Dalia Al-Jawhary. Durch die Beschränkung der Jagd und die Möglichkeit für hohe Gräser, wachsen zu können, haben lokale Bauern in der Hima Kfar Zabad – eines der wenigen verbliebenen Feuchtgebiete des Libanon – nicht nur einen sicheren Hafen für das Wildleben geschaffen, sondern auch Geld gespart und den Einsatz von schädlichen Chemikalien eingeschränkt. „Die Vögel fühlen sich in dem hohen Gras und Schilf sicher“, berichtet der Bauer und Hima-Koordinator Sami Abu Rjayli in Kfar Zabad. „Sie fressen auch Schädlinge. Seitdem die Vögel heimgekehrt sind, musste ich keine Schädlingsbekämpfungsmittel für meine Ernten einsetzen.“ Zu den Tierarten, die ebenfalls zurückgekommen sind, zählen unter anderem der Rotfuchs und der Eurasische Flussotter, die von der IUCN als „fast bedroht“ geführt werden.

In Kriegszeiten seien Regierungen gelähmt, so ein SPNL-Vertreter auf den letzten Krieg im Libanon anspielend, während sich die Menschen vor Ort bewegen und handeln könnten. „Daher sollten die Naturschutzaufgaben in Ländern wie den unseren dezentralisiert werden“. Ein Hima verlagert die Verantwortung für das Land vom Posteingang belagerter oder teilnahmsloser Bürokraten zurück auf die Schultern der lokalen Bevölkerung. Während dies geschieht, „schaffen die Himas eine Verbindung zwischen der Gemeinschaft und dem Land“, so Al-Jawhary. „Wenn die Leute ihr Eigentum an dem Land fühlen, dann beginnen sie es zu schützen.“

Dies ist nicht erstaunlich, denn Umweltschutz und Islam sind vollkommen miteinander in Einklang zu bringen. Dies sei immer so gewesen. Um Muslim zu sein, müsse man laut Dr. Al Bizm, Großmufti von Damaskus, Respekt für die Natur haben. „Jeder Muslim ist aufgerufen, die Natur zu schützen und mit ihr auf eine Weise umzugehen, dass es dieser und ihm selbst nutzt.“ In der gesamten arabischen Welt, so einer der libanesischen Umweltschützer, „verstehen die Menschen bereits, dass man kein Muslim sein und gleichzeitig die Erde verschmutzen und Ökotope zerstören kann. Was wir tun, ist das kollektive Gedächtnis anzuzapfen, um einer neuen Generation eine alte Idee vorzustellen.“

The following two tabs change content below.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen