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Mit wem soll man kooperieren?

In den USA gibt es eine Debatte über potenzielle Bündnispartner für Muslime. Von Imam Mikaeel Smith

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Foto: Official White House Photo by Lawrence Jackson

Muslimische Repräsentanten sind (in den USA) als Reaktion auf den „Donald Trump-Effekt“ Bündnisse mit der US-Linken (dort als „Liberals“ bezeichnet) eingegangen. Postmoderne Weltanschauungen haben in Folge die Autorität der offenbarten Schriften herausgefordert und so eine Filterblase der Heiligkeit um jene „Rechte“ gebaut, die in der öffentlichen Rationalität wurzeln. Die möglicherweise größte Herausforderung dieser Postmoderne ist die fluide Natur von Wahrheit dank des extremen Subjektivismus der Spätmoderne. Eine solche Modernität wird eben solche muslimischen FührerInnen hervorbringen, und dadurch die subversive Natur der Religion neutralisieren.

(Muslim Matters). Als Kind einer christlichen Familie habe ich häufig vor dem Schlafengehen das Vaterunser gelesen. Es hinterließ einen starken Eindruck in meinem moralischen Gefüge. Seine Worte scheinen mir anhaltend als Rechtleitung für die Menschheit zu dienen. Nachdem ich mit dem Islam gesegnet wurde, bin ich der Meinung, dass es nach als Rahmen und Paradigma für den muslimischen Geist und die gesellschaftliche Interaktion dienen kann.

Die Worte „dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel“ scheinen einen rechtschaffenen Versuch nahezulegen, die himmlische Ordnung hier auf Erden nachzubilden. Sie nehmen das Himmlische und wollen es hier auf Erden anwenden. Die Quelle der Güte sind demnach die Himmel.

Die erste große Bewegung von diesem Ideal weg war es, den Menschen zur Quelle des Guten zu machen. So als würden wir sagen: „Dein Wille geschehe im Himmel, so wie er auf Erden ist.“ Die Heiligkeit und Autorität der Offenbarung ging an den Menschen und seinen eigenen Willen über. Während beide Perspektiven möglicherweise gelegentlich zu den Standards der Vollkommenheit einig sind, sind Muslime und Christen durch Offenbarung einem anderen Standard verpflichtet, der nicht von ihnen kommt.

Postmoderne Trends verlagerten das Maß der Perfektion auf den menschlichen Geist und das kollektive Verständnis von „Korrektheit“. Später wandelten die Trends der Spätmoderne die heilige Botschaft des Gebets weiter: „Mein Wille geschieht auf Erden wie im Weltraum.“ Wo der Mensch einmal aufblickte und etwas sah, das er Himmel nannte, schaut er jetzt in die gleiche Richtung und sieht nichts. Dieser Raum ist zufällig, blind und ohne Zwecke – wie die arme Seele, die auf Erden wandelt. Das ist die Realität der Spätmoderne, die so beredt von Zygmunt Bauman erklärt wurde.

In „Modernity’s Wager“ erklärt Adam Seligman einen Kompromiss, den religiöse Gemeinschaften einer postmodernen Gesellschaft schließen müssen. Der „Wetteinsatz“, wie er ihn nennt, ist ein Wandel von der offenbarten Realität eines transzendenten Wesens zur „augenscheinlichen“ Wahrheit unserer kollektiven Gesellschaft. Entsprechend dem Narrativ im öffentlichen Diskurs sind diese Wirklichkeiten offenkundig und daher vorrangig in der Vernunft verwurzelt. So als würde Gott nur das widerspiegeln, was unser Geist schon durch den Verstand erreichen könne. Seligman glaubt, der Prüfstein der heutigen Moral sei die Vorrangstellung individueller Rechte, die in der Vernunft wurzelten. Diese hätten nun Heiligkeit für sich beansprucht. Dies sei der „Einsatz“ des modernen Menschen. Er habe die Krone des Sakralen von der Offenbarung übernommen und sich gekrönt. Alles, was er denke, fühle, sage und ausdrücke werde geheiligt. So habe er sich zur letzten Autorität gemacht, über der es keine weitere mehr gebe. Mit den Worten Seligmans: „Wenn das Selbst jedoch einen heiligen Ort hat, dann muss es auch ein gebieterischer sein, denn was ist das Heilige, wenn nicht bestimmend?“

Liquide Modernität: Auf dem Wasser gehen
Das vielleicht stärkste Kennzeichen der spätmodernen Gesellschaft ist ihre Liquidität und Fehlen an Definition. Formen und Definitionen unterliegen in ihr dem Blickwinkel. Hier sind Bestimmungen nicht objektiv. Und Begriffe durch den Geist desjenigen definiert, der sie benutzt, anstatt dass sie einer externen Quelle kommen. Vernunft und Logik werden angesichts der öffentlichen Meinung aus dem Fenster geworfen. Ein Mann oder eine Frau ist keine biologische, objektive und konkrete Sache, sondern wird durch jene Person definiert, die den Begriff verwendet.

Wahrheit, Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit werden hier ebenfalls verflüssigt. Diese Begriffe sind nicht länger Worte, durch die Menschen oder Kulturen beurteilt werden, sondern werden zu Namen, die trotz ihres regelmäßigen Gebrauchs jede Bedeutung verlieren. Machthaber betrachten sich als den Maßstab zur Definition der Terminologie. Zu sagen, dass diese oder jene Nation nicht frei sei, bedeutet demnach, dass sie nicht unserer Definition davon entspricht. Jede objektive Diskussion über Freiheit bleibt so vom öffentlichen Gespräch ausgeschlossen. Diese Verflüssigung sei ein notwendiger Schritt hin zur Befreiung des Menschen. Sie ermächtigt ihn, in Übereinstimmung zu seiner oder ihrer Vorstellung der umgebenden Welt zu handeln.

Die Bewertung von Angemessenheit oder Unangemessenheit des Verhaltens einer anderen Person wird in dieser liquiden Welt unangemessen oder inakzeptabel. „Wer bist du, um mir zu sagen, dass das, was ich tue, falsch ist?“, ist eine normale und plausible Antwort, wenn die Realität der Welt um diese Person durch nichts anderes als ihre Perspektive und Freiheiten definiert wird. Ein Urteil über Angemessenheit von Handlungen und Lebensstilen ist kein Angriff auf ein Individuum, sondern auf deren Angemessenheit. Das Erscheinen von „Safe Spaces“ (die alles andere als sicher sind) schafft essenziell eine Sphäre, in der Wahrheit und Lüge, Angemessenheit und Unangemessenheit nicht existieren und nicht diskutiert werden können. Macht einfach, was ihr wollt.

Zygmunt Bauman hat den Begriff „liquide Moderne“ geprägt, um den spätmodernen Staat zu definieren. Flüssigkeiten nehmen ihrem Wesen nach die Form jedes Gefäßes an, in dem sie sich befinden. Religiöse Tradition will ihrer Natur nach nicht liquide sein. Vielmehr verlangt sie danach, Gefäß zu sein, durch welches das menschliche Leben geprägt wird – und Gesellschaft als ganzer. Religion formt und wird nicht geformt.

Zygmunt Bauman hat ausführlich über die Inkohärenz einer flüssigen Gesellschaft geschrieben, die nicht definiert ist. Er führte die Idee der flüssigen Moderne ein und erklärte, dass ihre Merkmale sich auf das Individuum beziehen: nämlich das zunehmende Gefühl der Unsicherheit und der Privatisierung der Mehrdeutigkeit. Sie veranlasst die Leute auch, von einer sozialen Position zu einer anderen auf eine liquide Weise zu wandeln.

Meine Sorge ist der Aufstieg „verflüssigter“ muslimischer Führer, die in unserem heutigen Kontext sehr nachgefragt werden.

Der Autor Prof. Peter J. Leithart sieht bei Muslimen eine ähnliche Entwicklung wie bei anderen Religionen: „Wir haben keinen Grund zur Annahme, der Weg der Privatisierung im Judentum oder Islam wäre dem des Christentums ähnlich. Hier unterscheiden sich die Bedingungen der kommunalen Mitgliedschaft und der individuellen Identität in diesen Religionen so stark von denen in einem säkularisierten christlichen Gemeinwesen.“

Hat Leithart Recht, müssen Muslime auf das vorbereitet sein, was ich das „Projekt der Formbarkeit“ nenne. Dabei handelt es sich um den organisierten Versuch von Gelehrten und politischen Aktivisten, ein Bild der religiösen Tradition zu zeichnen, das niemals im Widerspruch zu den liberalen Trends der weiteren Gesellschaft steht. Spirituelle Gepflogenheiten (die originell gesandt wurden, um sich für einen Dialog in der allgemeinen Sphäre zu ereignen) werden zum Verstummen gebracht und verschwinden aus der Öffentlichkeit. Dieses Projekt wird die frühen Positionen im Erbe auf eine Weise neu lesen und interpretieren, die vollkommen mit dem gegenwärtigen Diskurs harmonisiert. Es sucht äußerlich, die Muslime an den Tisch eines Diskurses zu bringen, aber in Wirklichkeit nur eine kastrierte, zahnlose Nachbildung.

Während das Hauptkennzeichen des Liberalismus die Freiheit des Selbst von sozialen Beschränkungen der Familie, Gemeinschaft und Religion ist, besteht die ironische Realität darin, dass dieser eine paradoxe Intoleranz an den Tag legt, wenn die Tradition eine ungefilterte, echte Stimme am Tisch will. Das wird von Ross Douthat in der „New York Times“ in einem Text namens „The Challenge of Pluralismus“ erläutert.

Darin schrieb er als Entgegnung auf Emily Bazelon: „Nehmen wir Pluralismus ernst, besteht sein Sinn darin, eine Gruppe zu ermöglichen, ein ‘Schild’ gegen den Druck des Konsenses zu erheben – und Alternativen zu entwickeln und zu fördern, die von den Mächtigen oder der Gesellschaft als ganzer zurückgewiesen werden. Dies gilt, wenn der fragliche Konsens alt, verwurzelt und traditionell ist. Aber es gilt auch, wenn er sich als Repräsentant von ‘Modernität’ (oder ‘Fortschritt’ oder ‘Erleuchtung’ oder einem beliebten Wort der Wahl) begreift. Denn Ideen der historischen Avantgarde genauso wie die verwurzelten Tradition können sich als falsch, fehlgeleitet, unmoralisch und barbarisch erweisen.“ Hier brechen die gegenwärtige liberalistische Agenda und Tradition auseinander. Wer gegen die Meinung der vermeintlichen Erleuchtung spricht, wird dämonisiert.

Natürlich sind religiöse Tradition wie Christentum und Islam keine Feinde von Freiheit. Vielmehr brauchen sie einen offenen Diskurs über die Definition dieses Begriffes. Klassische islamische Quellen vermitteln eindeutig die Verantwortung zur Aufrechterhaltung eines objektiven moralischen Standards, der die Werte der Gesellschaft prägen und leiten sollte. Die individuellen Rechte des Menschen werden hier nicht den emotionalen Launen und sozialem Druck unterworfen.

Die eigentliche Bestimmung von Freiheit aus einer islamischen Perspektive ist schlussendlich die Freiheit vom Selbst im Gegensatz zu der des Selbst. Laut Taylor und MacIntyre liegt das schließliche Scheitern des Liberalismus in seiner Definition von Selbst, Gemeinschaft und Moral.

In einem Hadith (im Sahih Bukhari) heißt es hierzu: „Das Gleichnis des Verständigen, der die Begrenzungen Allahs befolgt, gegenüber dem Unverständigen, der die Begrenzungen befolgt, ist wie eine Gruppe Menschen, die ein Schiff betritt. Die Leute ziehen Lose, wo sie sitzen sollen. Einige sitzen unter Deck, andere auf ihm. Wenn die unteren Menschen Wasser benötigen, müssen sie an jenen auf Deck vorbei. Dann kam ihnen die Idee, dass sie nur ein Loch in den Kiel des Schiffes bohren müssen, um an Wasser zu gelangen (…). Würden die Leute auf Deck den unteren erlauben, ihren Plan zu verwirklichen, werden alle zerstört. Stoppen sie diese jedoch, werden alle gerettet.“

Hier liegt eine wichtige Aussage zur Freiheit, die mit dem kommunitaristischen Verständnis von Gemeinschaft und dem Selbst übereinstimmt. Der traurigste Teil des amerikanischen-muslimischen Dialogs ist die Tatsache, dass das akademische Gespräch um Begriffe wie Freiheit, die immer noch energisch diskutiert werden, komplett ignoriert wird. Über diese schrieb Jean-Jacques Rousseau in „Vom Gesellschaftsvertrag“: „Der Mensch wird frei geboren und ist überall in Ketten. Ein Mann hält sich für den Meister anderer, bleibt aber eher ein Sklave als sie.“ Diese Aussage erkennt eine vergleichbare Bedeutung zur prophetischen Überlieferung an. Absolute Freiheit ist eine Fata Morgana. Die Handlungen einzelner werden unausweichlich die gesamte Gemeinschaft beeinflussen.

Im Islam wird Befreiung nicht als Freiheit des Selbst, sondern als Freiheit vom Selbst definiert. Patrick Dean erläutert das in einem Text (2012): „Der Liberalismus versteht Freiheit stattdessen als den Zustand, in dem man innerhalb der Sphäre frei handeln kann, die nicht durch positive Gesetze eingeschränkt ist.“ Und er schließt mit den Worten: „Liberalismus weist das antike und vorliberale Konzept von Freiheit als erlernter Fähigkeit des Menschen zurück, ihre niedrigen und hedonistischen Sehnsüchte zu beherrschen.“

Diese Idee der Kontrolle des niederen Selbst erkennen wir in den qur’anischen Erklärungen der drei Formen des Selbst (arab. nafs). Diese Erläuterung der drei Typen will den Menschen ermutigen, sich gegen die schlechten und ungesunden Aspekte des Menschen zu wenden. Und will gleichzeitig im Selbst das Wesen bestärken, das sich in Übereinstimmung mit dem göttlichen Gesetz bewegt.

Nach Dean hegt der „frühmoderne Liberalismus die Ansicht, dass die menschliche Natur unveränderlich sei. Menschen seien ihrem Wesen nach selbstbezogene Wesen, deren niederen Impulse genutzt, aber nicht grundlegend verändert werden könnten“. Hat er Recht, dann sind die Folgen dieser Weltanschauung auf eine Religion, welche der Tradition Autorität verleiht, insofern verheerend, als dass das Recht durch das Individuum beurteilt wird und nicht der Einzelne durch das Gesetz. Islam (im wörtlichen Sinne Unterwerfung) wird zum „Antichristen“ des Liberalismus gemacht. Das Ziel der Revolutionen war es, eine menschliche Sphäre des unbeschränkten Handelns für jeden auf der Suche nach Erfüllung zu schaffen. Dies ist erkennbar unerreichbar und katastrophal für das Schiff der Menschheit. Wie Charles Taylor sagte: „Man ist nur unter anderen ein Selbst. Ein Selbst kann niemals ohne Bezug auf seine Mitwelt beschrieben werden.“

Religion ist zweifelsohne eine globale Kraft. Obwohl Religion einst als irrational galt, dient sie heute als Aufruf zur Vernunft, welche dieser treuer ist als die heutigen postmodernen Trends. Das von mir beschriebene „Projekt der Formbarkeit“ zielt auf die Anerkennung unserer Leidenschaften ab. Es will tradierte rechtliche Positionen übersehen und diese Meinungen als überholt ausgrenzen. Das Projekt wird zweifelsohne gezwungen sein, akademische Zugeständnisse zu machen, um Religion passend zu machen.

Jedoch müssen wir uns die Frage stellen, ob „Anerkennung“ das höchste Ziel ist, nach dem wir streben können. Einige werden der Ansicht sein, dass wir mehr als nur Bündnisse aufbauen können und sollten, um die politische Freiheit zu erlangen, frei zu unseren eigenen Anliegen und aus unserem eigenen Bezugsrahmen heraus zu sprechen. Ich habe keinen Zweifel, dass meine Positionen als gegen Idschtihad und als rückschrittlich eingestuft werden. Jedoch bin ich der Ansicht, dass wir uns in Amerika einen starken Sinn der religiösen Identität bewahren und Bündnisse mit anderen Religionsgemeinschaften knüpfen sollten. (Muslim Matters)

Die Vollversion des Textes erschien am 27.07.2017 im online-Medium Muslim Matters.

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