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TAMAM: Moscheen und Museen im Einklang

„IZ-Begegnung“ mit Mitarbeitern einer neuartigen Kooperation in Berlin

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Foto: TAMAM, Antje Canzler

(iz). Inmitten der Museumsinsel in Berlin ist das ­Museum für Is­lamische Kunst ins Pergamonmuseum eingegliedert. Das Projekt TAMAM hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Muslime und seine Stücke zusammenzubringen. Dabei entsteht beeindruckendes Lehrmaterial. Wir sprachen mit dem Leiter des Projekts, Roman Singendonk, und einer der Multiplikatorinnen, Mersiha Hadziabdic, über ihre Arbeit und Absichten.

Islamische Zeitung: Was ist TAMAM?

Roman Singendonk: TAMAM ist ein Bildungsprojekt, das Moscheegemeinden gemeinsam mit dem Museum für Islamische Kunst durchführen, wo es darum geht, mehr kulturelle Bildung in Moscheen zu ermöglichen. Es ist ein partizipatives Projekt, das heißt, dass von Anfang an Multiplikatoren aus den Gemeinden in den Entwicklungsprozess eingebunden sind. Wir treffen uns vier Mal im Jahr zu Workshops, die über einen ganzen Tag gehen. Da werden die Interessen und Bedarfe der Ehrenamtlichen aus den Moscheen ins Material miteingebaut.

Wir haben darüber hinaus auch einzelne Veranstaltungen. Das Projekt ist Teil der Bemühungen des Museums für Islamische Kunst, sich für weitere Zielgruppen zu öffnen. Durch eine Kooperation mit dem Institut für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück, wo im Rahmen der Imamweiterbildungen bereits seit 2011 Professionalisierung der Ehrenamtlichen in Moscheen bemüht wird, entstand dann TAMAM.

Islamische Zeitung: Mit welchen Moscheen wird dabei kooperiert?

Roman Singendonk: Wir arbeiten mit muslimischen Verbänden zusammen, die bundesweit aktiv sind, aber auch mit einzelnen Moscheegemeinden und islamischen Vereinen. Wir haben die Muslimische Hochschulgruppe Berlin, i,Slam und das Islamische Jugendzentrum dabei. Aber eben auch Verbände wie die Islamische Föderation, IGS, ZMD, VIKZ, LIB oder DITIB. Und dann einzelne Gemeinden bosnischer, albanischer und indonesischer Muslime. Außerdem nehmen eine Ahmadiyya-Gemeinde und eine alevitische Gemeinde teil. Also mehr oder weniger das muslimische Spektrum Berlins.

Islamische Zeitung: Wie ist die Resonanz in den Gemeinden?

Roman Singendonk: Das Interesse daran, mitzuarbeiten, ist sehr groß. Es haben sich gut 95 Prozent der angefragten Gemeinden sofort bereit erklärt, teilzunehmen. Die Teilnehmenden sind auch immer verlässlich da. Und die Zusammenarbeit funktioniert so auch schon seit zwei Jahren ziemlich gut. Das ist sehr positiv und erfreulich. Wenn es aber darum geht, das erarbeitete Material dann auch in den Moscheen anzuwenden, bestehen noch einige Hürden. Das ist meistens ja ein relativ großer Sprung von den Inhalten, die bisher in den Gemeinden behandelt wurden, zu dem, was wir hier gemeinsam entwickeln.

Islamische Zeitung: Wie geht ihr bei der Erarbeitung des Materials vor?

Roman Singendonk: Wir gehen weg von einer Art Frontalunterricht und bieten stattdessen Aktivitäten an. In dem Unterricht spielen Bewegung und neue Gruppenformen eine Rolle. Wir bemühen uns darum, den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die hier unsere Zielgruppe sind, dabei zu helfen, selbst kreativ zu sein. Wenn wir beispielsweise mit einem Keramikobjekt aus dem Museum arbeiten, geht es auch mal darum, sich zu fragen: Welchen Spruch hätte ich darauf geschrieben? Wenn es um eine Gebetsnische geht, dann kann man auch mal selbst Ornamente zeichnen. So kann man sich selbst entdecken und die eigene kreative Ader ausleben.

Dabei arbeiten wir partizipativ und erheben zunächst den Bedarf der Gemeinden. Den Multiplikatoren bieten wir diverse Auswahlmöglichkeiten an und lassen sie entscheiden, was sie davon anspricht. So können sie bei der Betrachtung von Objekten des Museums selbst definieren, was sie damit assoziieren. Das sind relativ offene Formate, in denen alle Fragen erlaubt sind und jeder der Ehrenamtlichen seinen eigenen Bezug zu den Objekten erörtern kann. Natürlich gibt es danach einen Prozess, in dem wir aus diesem ganzen Strauß von Ideen endgültiges Material herausarbeiten. Mit unserer Arbeit zeigen wir anhand der verwendeten Kunstobjekte, dass es in der Geschichte zwischen europäischen, muslimischen oder auch fernöstlichen Kulturen große Übereinstimmungen oder auch Kontakte gab. Dieses Narrativ wird immer gerne aufgenommen.

Islamische Zeitung: Wie reagieren die beteiligten Jugendlichen auf diese Erkenntnisse?

Roman Singendonk: Es ist oft ein unheimliches Interesse, das dadurch geweckt wird. Die meisten sind total beeindruckt und wollen mehr darüber erfahren. Andere, die sich mit dem Themenbereich bislang noch nicht auseinandergesetzt hatten, sind zunächst etwas eingeschüchtert von der Fülle an Kunstformen und Epochen. Dieser transkulturelle Charakter, der sich in den meisten Objekten des Museums widerspiegelt, hat aber definitiv einen positiven Einfluss.

Die Jugendlichen spüren, dass die ­Erzählungen rechtsextremer und fun­damentalistischer Gruppen, es gebe klare Abgrenzungen zwischen „uns“ und ­„denen“, nicht der Realität entsprechen. Sie erkennen, dass es Verbindungen gibt, die zwar alt sind, aber dennoch die ­Gegenwart prägen. Und das wird dann mit Fakten und Wissen belegt, was nicht nur einen positiven Impuls bedeutet, ­sondern klar zum Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen bei den Ehrenamtlichen beiträgt.

Islamische Zeitung: Welche besonderen Objekte des Museums werden da zum Beispiel verwendet?

Roman Singendonk: Wir haben eine ganze Reihe an besonders hochwertigen und schönen Objekten. Wir versuchen natürlich auch, gezielt welche auszusuchen, die eine religiöse Bedeutung haben. Das Museum hat tatsächlich viele Objekte, die gar keine religiöse Bedeutung haben, zum Beispiel Alltagsgegenstände und Gebrauchsgegenstände. Aber wir haben zum Beispiel zu einem Qur’ankasten aus Kairo gearbeitet oder zu zwei Gebetsnischen, von denen eine aus Konya und eine aus Kaschan kommt. Das sind dann auch die Objekte, die auf großes Interesse in den Moscheegemeinden stoßen.

Ein Objekt, das den transkulturellen Charakter sehr gut verkörpert, ist das Aleppo-Zimmer. Das ist eine hölzerne Wandvertäfelung aus Aleppo, die im ­Auftrag eines christlichen Händlers entstanden ist. Sie beinhaltet viele Motive, die in allen monotheistischen Religionen vorkommen. Hintergrund ist, dass er als Kaufmann mit vielen Händlern und ­Geschäftsleuten aus Aleppo Kontakt hatte und er wollte in diesem Empfangsraum eine Atmosphäre schaffen, in der sich ­jeder, unabhängig von Religion und Konfession, wohl fühlt. Und gerade das symbolisiert ja den Austausch von Kulturen und Religionen.

Islamische Zeitung: Zu welchen ­Er­gebnissen führte die Beschäftigung bis hierhin?

Mersiha Hadziabdic: Wir sind derzeit noch in der Phase, in der die jeweiligen Multiplikatoren aus den Moschee­gemeinden ihr Feedback zu den einzelnen Modulen geben. Im nächsten Schritt haben wir Testläufe in den Gemeinden, wo das erarbeitete Unterrichtsmaterial mit den Jugendlichen ausprobiert wird. Langfristig wollen wir ein Angebot erstellt haben, das jedem, der kunstinteressiert ist, die Möglichkeit gibt, auf die Webseite zu klicken, sich anhand von Objekten oder Themen etwas auszusuchen und unser Unterrichtsmaterial dann als Workshop oder ähnliches in seiner Gemeinde verwenden zu können.

Islamische Zeitung: Warum begeistert Sie als Multiplikatorin das ­TAMAM-Projekt?

Mersiha Hadziabdic: Das TAMAM-Projekt ist, wie Roman sagte, Teil einer ausgeweiteten Outreach-Strategie. Und ich, als eine Person, die aus einer Moscheegemeinde kommt, würde mir wünschen, dass TAMAM als Idee fortgeführt wird und weiter so tolle Projekte anbietet, weil es das einzige Format ist, das deutschlandweit co-kreativ gestaltet wird. Das Museum wirkt dadurch nicht nur als Serviceanbieter, sondern ermöglicht Interessierten, die Museumsarbeit auch selbst mitzugestalten.

Das ist für uns als Multiplikatoren eine besondere Erfahrung. Und es würde auf noch größeres Interesse stoßen, wenn nach dieser Erfahrung weitere Projekte, vielleicht auch mit anderen Museen, ­dazukämen.

Islamische Zeitung: Welche erhoffen Sie sich konkret durch eine Fortführung der Idee?

Mersiha Hadziabdic: Ich sehe Potenzial, dass wir das erarbeitete Material deutschlandweit an die Moscheegemeinden bringen können. Durch unsere Workshops und die Erfahrungen können die Multiplikatoren zurück in ihre Gemeinden gehen und schauen, welche Museen es in der Umgebung gibt, mit denen man ebenfalls kooperieren könnte. Es gibt derzeit natürlich auch schon ein großes Angebot an kultureller Bildung in Moscheen.

Es mangelt häufig aber an Form und pädagogischem Aufbau des Unterrichts. In unserer Gemeinde haben wir beispielsweise Vorträge und Gespräche zu Themen wie Poesie und Literatur, aber es geht selten um materielle Kultur. Oralität und Relevanz im Alltag spielen eine wichtige Rolle für uns. Da können Gemeinden aber verbindend zum vorherrschenden Kulturverständnis wirken, für welches materielle Objekte eine andere Rolle spielen. Es ist wichtig, dass ein muslimischer Jugendlicher ein Objekt im Museum sieht und etwas damit verbinden kann. Zum Beispiel, wenn eine Vase einer Vase der Oma aus dem Herkunftsland ähnelt. Diese Beschäftigung schafft Gemeinsamkeiten. Ich denke, es ist wichtig, dass wir unseren Kulturbegriff gemeinsam definieren und uns überlegen, wie wir Kultur pflegen. Als Gesamtgesellschaft.

Islamische Zeitung: Also ist es ein wechselseitiges Verhältnis zwischen Moscheen und Museen?

Roman Singendonk: Im ersten Schritt kommen die Museumsobjekte sozusagen in die Gemeinden. Im zweiten Schritt aber zieht es dann hoffentlich auch immer mehr Leute aus den Gemeinden in die Museen. So kann dann auch das reguläre Angebot der Museen, vielleicht durch Sonderausstellungen, durch das Feedback der Muslime der vielfältigen Realität in Deutschland besser Rechnung tragen. Es soll langfristig eine stärkere Verbindung entstehen.

Islamische Zeitung: Vielen Dank für das Gespräch!

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