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„Müssen viel mehr Präsenz zeigen“

Zohra Mojaddedi kandidiert als Bündnisgrüne für den Hamburger Senat

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Foto: Zohra Mojaddedi

(iz). Am 23. Februar finden die Wahlen zum Hamburger Senat statt. Auf der Liste der von Bündnis 90/Die Grünen kandidiert auch die 50-jährige, afghanischstämmige Zohra Mojaddedi. Die studierte Volkswirtin und Unternehmensberaterin ist Mutter zweier Kinder und bereits Mitglied der Bezirksversammlung im Stadtteil Wandsbek und – neben anderen Funktionen – Sprecherin der grünen Landesarbeitsgemeinschaft Wirtschaft und Finanzen.

Mojaddedi, die in ihrer Jugend zwei Mal die Erfahrung von Flucht machen musste, ist unter anderem an einer dynamischen Mobilisierung junger Leute, insbesondere solcher mit Migrationshintergrund gelegen. Im Rahmen von Pluralität und Vielfalt sieht sie die Notwendigkeit, dass sich alle Seiten aktiv einbringen. „Mit meiner Kandidatur für die Hamburger Bürgerschaft 2020 möchte ich deshalb ein klares Signal an genau diese Menschen senden, dass wir hier zu Hause sind, wo unsere Leistung und Kompetenz nicht verloren geht, bzw. verloren gehen darf, weil unsere Erfahrungen aus verschiedenen Lebenswelten einen Mehrwert bei der Lösung der für uns alle relevanten Fragen haben“, sagte sie im Gespräch mit unserer Redaktion.

Islamische Zeitung: Liebe Zohra Mojaddedi, Sie kandidieren für die Landesliste der Hamburger Bündnisgrünen. Können Sie sich bitte kurz vorstellen und uns sagen, was Ihnen bei dieser Kandidatur besonders am Herzen liegt?

Zohra Mojaddedi: Mein Name ist Zohra Mojaddedi. Ich bin in Afghanistan geboren und wurde dort nach dem Putsch am 18.01.1979 als damals 10-jährige mit meiner gesamten Familie aus politischen Gründen inhaftiert. Mein Vater, mein Großvater, insgesamt über 106 männliche Familienmitglieder sind damals leider am 22.01.1979 ohne ein Gerichtsverfahren oder eine sonstige Bekanntgabe grundlos von den damaligen Machthabern umgebracht worden. Mit der Unterstützung von Amnesty International wurde ich nach einer 6-monatigen Haft zusammen mit meiner Mutter und meinem Bruder entlassen und wir flüchteten zuerst nach Pakistan und kamen von dort hier in Hamburg an.

Nach erfolgreichem Abitur habe ich in Hamburg Volkswirtschaftslehre studiert und arbeite seit dem Jahr 2000 für internationale Unternehmensberatungen. Ich bin verheiratet, 50 Jahre jung und habe zwei Kinder. Hier in Hamburg, in Deutschland, wo ich gut angekommen bin und sehr herzlich aufgenommen wurde, habe ich tiefe Wurzeln geschlagen. Daher schulde ich diesem wunderschönen Land, das mein neues Zuhause geworden ist, sehr viel. Ein neues Zuhause bedeutet für mich einen Ort gefunden zu haben, wo meine Familie sicher leben kann und ich meine Verantwortung für mein Leben, das meiner Familie und der Gesellschaft, in der ich lebe, übernehmen kann.

Hier bin ich nicht nur zu Hause, sondern ich stelle mich eben dieser meiner gesamtgesellschaftlichen Verantwortung und bringe mein Wissen und mein Know-How in den gemeinsamen, weil notwendigen Diskurs mit ein. Denn Hamburg bzw. Deutschland braucht Meinungspluralität und Vielfalt im Denken seiner Mitmenschen, egal woher diese auch gekommen sind. Gesellschaftliche Vielfalt und persönliche Entfaltungsmöglichkeit müssen daher in Hamburg nicht nur ein Wort sein, sondern sie sollten im öffentlichen Raum gelebt, respektiert, anerkannt und akzeptiert werden, schließlich hat etwa jede*r dritte Hamburger*in so wie ich einen Migrationshintergrund. Gerade wir Menschen mit einem Migrationshintergrund müssen unsere Pflichten kennen, aber hier auch unsere Rechte wahrnehmen und uns politisch engagieren, denn es geht uns doch alle an, was in Hamburg passiert.

Mit meiner Kandidatur für die Hamburger Bürgerschaft 2020 möchte ich deshalb ein klares Signal an genau diese Menschen senden, dass wir hier zu Hause sind, wo unsere Leistung und Kompetenz nicht verloren geht, bzw. verloren gehen darf, weil unsere Erfahrungen aus verschiedenen Lebenswelten einen Mehrwert bei der Lösung der für uns alle relevanten Fragen haben.

Wir sind Teil dieser Gesellschaft. Wir stellen uns unserer Verantwortung und bringen unser breitgefächertes Wissen in den gesellschaftlichen Dialog mit ein. Daher setze ich mich für eine klare Politik ein, die nicht nur fördert, sondern auch fordert, und zwar den respektvollen Umgang auf Augenhöhe miteinander, kombiniert mit dem Mut zu Veränderungen. Meine langjährigen Erfahrungen aus verschiedenen Welten und Lebensrealitäten, sind die solide Basis meiner politischen Arbeit.

Islamische Zeitung: Gilt das auch für Ihre Partei, die Grünen?

Zohra Mojaddedi: Bei den Grünen haben wir natürlich sowohl auf Landes-, aber auch auf Bezirksebene Politiker*innen mit Migrationshintergrund und eine von denen bin eben ich. Allerdings reflektiert das nicht den vollen Umfang, wenn man berücksichtigt, dass ein Drittel der Hamburger*innen einen Migrationshintergrund haben.

Viele Einwohner*innen mit Migrationshintergrund fühlen sich aber von der Parteienlandschaft nicht angesprochen, bzw. bei parteipolitischen Entscheidungen nicht berücksichtigt. Hier ist auf beiden Seiten noch viel vorurteilfreie Annährungsarbeit bzw. ein nachhaltiges und konstruktives „Aufeinander zugehen“ von Nöten.

Islamische Zeitung: Was müsste denn geschehen, um MigrantInnen mehr und besser einzubinden?

Zohra Mojaddedi: Als erstes müssen die Migrant*innen sich von der Politik angesprochen fühlen und sie müssen sich bewusst werden, dass sie an den Wahlen, sei es kommunal oder bundesweit, teilnehmen müssen, um ihre grundgesetzlich verankerten Rechte in Anspruch zu nehmen. Denn wir leben in Deutschland in einer der Besten parlamentarischen Demokratien, welche uns viele Spielräume zur persönlichen Entfaltung bietet und die einen klaren Rahmen dafür vorgibt, in welchem Prozess wir unsere Interessen politisch einbringen können. Jede einzelne Stimme zählt, jede einzelne Stimme hat ihr besonderes Gewicht und uns muss endlich bewusst werden, dass wir auf alle politischen Entscheidungen, die unser Leben entweder sehr positiv oder auch negativ beeinflussen, mit unserer aktiven politischen Teilhabe einen direkten Einfluss nehmen können.

Es muss daher insgesamt unser Ziel sein, ebenfalls im politischen Entscheidungsprozess vertreten zu werden, denn wer könnte unsere Themen besser artikulieren, als wir selber? Aber dies können wir doch nur dann erreichen, wenn wir parteipolitisch aktiv sind. Wir müssen deshalb aufwachen, uns endlich hier zu Hause fühlen, integrieren, die deutsche Sprache lernen und bewußt wahrnehmen, dass unsere Pflichten eine Handlungsaktivität unsererseits bedeutet, die erst dann Auswirkungen zeigen wird, wenn wir bereit sind, unsere lieb gewonnene Komfortzone zu verlassen.

Als Deutsche mit Migrationserfahrungen verfügen wir natürlich über Erfahrungen aus verschiedenen Welten. Diese beruhen nicht nur auf dem, was wir in Deutschland gelernt haben, sondern wir haben auch einen Mehrwert, einen profunden Schatz aus Erfahrungen aus einem anderen Land mitgebracht. Wir sind gleichzeitig in zwei Welten zu Hause und das ist auch gut so, denn hier in Deutschland fühlen wir uns doch auch als Europäer und wissen die Vorteile dieser übergeordneten Betrachtungsweise sehr zu schätzen. In der zunehmend globaler werdenden Welt des 21. Jahrhunderts muss diese Tatsache als ein Fakt und Added Value akzeptiert werden. Daher sollten wir den Begriff „Integration“ den Erfordernissen des 21. Jahrhunderts anpassen und nicht nur als eine Einbahnstraße einstufen.

Wissen Sie, wir empfehlen doch auch jungen Menschen, unbedingt Auslandserfahrung zu sammeln, möglichst mehrsprachlich zu studieren, gleichzeitig bieten wir jungen Migrant*innen, die sowohl Auslandserfahrung als auch Mehrsprachigkeit mitbringen aber nicht die Chancen, auf dem hiesigen Arbeitsmarkt eine adäquate Stelle zu finden. Das ist ein Anachronismus, den es gilt aufzuheben. Daher plädiere ich nicht nur für Chancengleichheit, sondern auch für Chancengerechtigkeit. Es kann nicht sein, dass junge Akademiker*innen, die hier geboren sind, selbst heute im Jahr 2020 immer noch mit überdurchschnittlich vielen Absagen konfrontiert werden, wenn sie sich nach dem Studium bewerben. Eine Absage nach einem Vorstellungsgespräch kann ich noch verstehen, aber nicht nach einer qualitativ hochwertigen schriftlichen Bewerbung.

Gleichzeitig sollten die Parteien – nicht nur die Grünen/Bündnis 90 – bewusst wahrnehmen, dass die Migrant*innen, die hier in Hamburg oder in Deutschland leben, mehrheitlich jung sind und somit das Rückgrat der kommenden Generation in Deutschland bildet.  Deshalb ist es meiner Meinung nach strategisch klug, gerade diese jungen Leute nicht nur als unsere zukünftige Wählerschaft, sondern vielmehr als Parteimitglieder zu gewinnen und zu versuchen, sie in die politischen Entscheidungsprozesse miteinzubeziehen, denn dies verhindert, dass unsere Entscheidungsträger „vergreisen“, ohne dass ich dies negativ konnotiert verstanden haben möchte. Denn ohne Frage ist die Lebenserfahrung unserer Älteren ein hohes Gut, aber wir reden z.B. von Mehrgenerationenhäusern als ein mögliches Ideal des Zusammenlebens, aber in der Politik sollen dann urplötzlich andere Maßstäbe gelten?

Wir brauchen diese jungen Migrant*innen dringend auch in Hinblick auf unsere demographische Entwicklung und die damit verbundenen massiven Auswirkungen auf die gesicherte Finanzierbarkeit unserer sozialen Sicherungssysteme. Ohne Zuwanderung können wir, und da sind sich sowohl die Politik als auch die Fachexperten einig, unseren Wohlstand nicht halten und wir wissen doch alle, dass schon seit Jahren über einen Fachkräftemangel vehement diskutiert wird.

Islamische Zeitung: Der Wunsch nach einer größeren Vertretung von Migrantinnen in der Politik ist verständlich. Wie lässt sich dieser Anspruch in Hinblick auf Parteiarbeit realisieren?

Zohra Mojaddedi: Sowohl die Parteien als auch die Hamburger*innen mit Migrationshintergrund müssen aufeinander zugehen. Die Parteien müssen versuchen, auch unabhängig von den Wahlen Street Work zu leisten. Wir müssen in Stadtvierteln mit mehrheitlich Einwohner*innen mit Migrationshintergrund viel mehr Präsenz zeigen, auf div. Gemeinden zugehen und versuchen urteilsfrei einen konstruktiven Dialog zu führen.

Ich denke viele Politiker selbst auf Bezirksebene haben noch nie eine Moschee, einen Gudwara, Tempel oder eine Synagoge in ihrem Bezirk von innen gesehen und das hat nun wahrlich nichts damit zu tun, dass wir hier in Deutschland die Trennung von Kirche und Staat haben. Denn darum geht es bei dieser Frage überhaupt nicht. Hier geht es um das, was in diesem Land der Dichter und Denker, Goethe einmal so treffend formuliert haben soll, in dem er sagte, dass Toleranz eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein sollte, die zur Anerkennung führen muss, denn Dulden heißt zu beleidigen.

Unabhängig davon sollten sich die Parteien umfassend über die hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund informieren und versuchen deren Kultur, Tradition und Art zu leben mit Respekt zu begegnen und zu verstehen.

Gerade die politischen Ereignisse in Thüringen um die Wahl des Ministerpräsidenten sollten jedoch auch von Deutschen mit oder ohne Migrationshintergrund als ein Weckalarm sondergleichen wahrgenommen werden, sich endlich sowohl gesellschaftlich als auch politisch zu engagieren. Denn wir sind hier auch zu Hause und möchten ohne Angst in Frieden leben. Parteien der bürgerlichen Mitte sind eben keine Parteien, die gegen Menschen mit Migrationshintergrund hetzen, diese ausgrenzen und sich in ihrem Duktus an vermeintlichen konservativen Vorstellungen einer sogenannten „Werteunion“ orientieren. Diese national-völkischen Vorstellungen wollen wir alle hier in Deutschland und in Hamburg nicht haben, da wir der historischen und inneren Überzeugung sind, dass dieses giftige Gedankengut eben keine Alternative für Deutschland darstellt. Der 75. Jahrestag von Ausschwitz in diesem Jahr ist eine Ermahnung an uns alle, dass wir für unsere Rechte gegen die Rechten eintreten müssen und dieses wichtige Feld niemals den Hetzern, Spaltern und politisch Verblendeten überlassen dürfen, denn wir sind Teil dieser Gesellschaft und somit liegt es auch an uns, dass diese Gesellschaft lebenswert bleibt.

Islamische Zeitung: Liebe Frau Mojaddedi, Sie haben vorhin selbst auf Ihre Erfahrung in der Wirtschaft verwiesen. Gerade in Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen haben MigrantInnen und/oder MuslimInnen einen höheren Grad an beruflicher Selbstständigkeit. Gibt es politisch die Möglichkeit, die zu fördern und vielleicht auch in Konzepte wie dem sozialen Unternehmertum einzubinden?

Zohra Mojaddedi: Auf jeden Fall – sowohl auf Bezirks-, als auch auf Landes- bzw. Bundesebene. Studien belegen, dass in Deutschland geborene Akademiker mit Migrationshintergrund und ihre fremdländisch klingenden Namen selbst im 21. Jahrhundert nicht die gleichen Karrieremöglichkeiten haben, wie die mit „typisch Deutsch klingenden“ Namen. Sehr oft erfolgen Absagen von Unternehmen, ohne den Bewerbern wenigstens die Möglichkeit eines Vorstellungsgespräches gegeben zu haben. Daher entscheiden sich teilweise hoch talentierte und qualifizierte junge Menschen für den Schritt in die Selbstständigkeit, was im oft genannten „War of Talents“ einen nicht wieder gutzumachenden Verlust für die deutschen Unternehmen bedeutet. Daher sollten alle staatlichen Fördermöglichkeiten, die dazu dienen, mit einem guten Business Case den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen auch allen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft zugutekommen.

In Hamburg wird dies auch so gehandhabt. Das Problem ist aber, dass viele von diesen Fördermöglichkeiten gar keinen Gebrauch machen, da sie es schlechthin nicht wissen oder die bürokratische Hürde, um die Fördermittel in Anspruch zu nehmen zu groß ist, dass viele diesen Weg erst gar nicht gehen.

Hier muss die Politik einerseits Aufklärungsarbeit leisten, damit angehende Unternehmer über die bestehenden Fördermöglichkeiten informiert sind und anderseits auch für eine Entbürokratisierung dieser Möglichkeiten sorgen.

Islamische Zeitung: Übersehen wir hierbei nicht, dass es auch andere abgehängte Personenkreise in Deutschland gibt wie Hartz-IV-Empfänger, alleinerziehende Mütter oder Einwohner von strukturschwachen Räumen. Wie kriegt man es als politisch Aktive hier hin, ein Mindestmaß an Solidarität untereinander zu bewahren?

Zohra Mojaddedi: Seit ich im Mai 2019 mein Mandat in der Hamburger Bezirkswahl gewonnen habe, halte ich die Nähe zu den Menschen, die mich gewählt haben, aber auch zu denen, die das nicht taten. Einmal im Monat organisiere ich einen Infotisch, an dem jede/r auf mich zukommen und sich über Probleme mit mir unterhalten kann. Wir müssen das Gespräch suchen und zwar am Puls der Zeit, denn ein Problem ist eine zunehmende Politikerverdrossenheit, die dann mit “Die da oben“-Slogans verbunden wird und aufzeigt, dass viele Politiker die Bodenhaftung zu ihren Wählern verloren haben, obwohl der Wähler nach wie vor der Souverän ist, der uns Abgeordneten erst die Legitimation zum politischen Handeln in seinem Namen erteilt hat.

Leider wird in den sozialen Medien lieber gegen die Politiker gehetzt, statt mit ihnen zu reden und es zeigt sich, dass Wutbürger durch Inanspruchnahme von sozialen Medien, nicht unbedingt auch sozialer im Umgang mit ihren Mitmenschen werden. Wir bieten daher Stadtteilgruppen und -gespräche an, zu denen wirklich jede/r eingeladen ist. Solange die Menschen nicht mit uns reden und uns ihre Wünsche und Sorgen mitteilen, wissen wir auch nicht, was draußen los ist. Wenn die Bürger*innen nicht auf die Politiker zugehen, sollten letztere sich verpflichtet fühlen, auf jene zuzugehen, die sich abgehängt fühlen, denn aus Resignation und Vogel-Strauss-Mentalität ist noch nie etwas Konstruktives entstanden. Nichtstun ist eben keine Option und die falsche Partei nur aus Protest zu wählen, ist es erst Recht nicht.

Niemand entscheidet sich beispielsweise freiwillig für ein Leben als Obdachlose/r oder Hartz-IV-Empfänger. Und genau diese Menschen brauchen uns am meisten, denn die Art wie wir als Gesellschaft mit ihnen in Würde und in Anerkennung ihrer Lebensbrüche und Lebensleistung umgehen, sagt viel aus über den gesellschaftlichen inneren Kompass und das Wertegerüst, das unserem gemeinsamen Zusammenleben zugrunde liegt.

Und genau hier ist meine islamisch- und asiatisch geprägte Lebensart von Vorteil. Ich habe als Kind gelernt, mich für meine Mitmenschen, d.h. Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn, Bekannten und all den Menschen, denen es nicht gut geht, verantwortlich zu fühlen und für sie da zu sein .Auch ich weiß, dass meine Möglichkeiten, allen zu helfen limitiert sind, aber denen, denen ich helfen kann, will ich auch mit Rat und Tat zur Seite stehen und ihnen sagen, dass ich für sie da bin.

Und genau so sollte es doch auch in unserer Solidargemeinschaft sein. Wir müssen, Politiker oder nicht Politiker, aufeinander zugehen und versuchen, den sog. Abgehängten wieder das Gefühl zu geben, dass sie genau wie jeder von uns Teil dieser wunderbaren Gesellschaft sind und gebraucht werden. Die Politik muss die Versäumnisse der letzten Jahre mit viel lokalem Street Work, Quartiersarbeit, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Investitionen gut machen. Hier ist noch sehr viel zu tun.

Islamische Zeitung: Eine Erfahrung muslimischer Aktiver aber auch von islamischen Gemeinschaften ist, dass sich politische KandidatInnen nicht selten nur zu Wahlen bei ihnen blicken lassen, sie aber ansonsten ignorieren oder gegen ihre Interessen agieren. Können Sie diesen Kritikpunkt nachvollziehen?

Zohra Mojaddedi:

Als Muslima pflege ich unabhängig von meinen politischen Aktivitäten auch enge Kontakte zu diversen Gemeinden, der Schura Hamburg, dem Bündnis Islamischer Gemeinschaften in Norddeutschland, sowie afghanischen Gemeinden in Hamburg. Diesbezüglich kann ich aber auch nur für mich sprechen, aber ich verstehe mich hier eindeutig als Brückenbauerin zwischen verschiedenen Welten und etwas aufzubauen ist stets sinnvoller, als Brücken zwischen Menschen einzureißen oder Brücken ideologisch motiviert zu sperren.

Andererseits denke ich, dass Gemeinden, die das Gefühl haben, sie werden nur für Wahlzwecke missbraucht, dies auch konkret artikulieren sollten. Denn gerade in Wahlzeiten gilt der Grundsatz, dass nicht alles was vor der Wahl propagiert wurde, auch nach der Wahl eingehalten wird. Ich bin hier für eine pragmatische Vorgehensweise, bei der es mir darum geht, das zu sagen, was ich denke und dann bitte auch zu machen, was ich gesagt habe. Nur dann bin ich authentisch und werde von meinen Wählern auch akzeptiert. Dazu gehört eben auch, unbequeme Wahrheiten direkt und klar auszusprechen und nicht auf die Zugehörigkeitsdauer in einer Wahlperiode zu schielen.

Hier müssen die Gemeinden auch sehr viel Aufklärungsarbeit leisten und die Menschen über ihre Rechte aber auch gleichzeitig über ihre Pflichten informieren. Gleichzeitig sollten Muslim*innen auch so viel Selbstbewusstsein haben, sich von falschen Versprechungen der Parteien, den Medien zu distanzieren und sich der heutigen Wirkungsweise sozialer Medien ebenfalls bewusst sein.

In Deutschland leben ca. 4,5 Mio. Muslime und daher sollten wir uns auch zu Recht mit sehr viel Selbstbewusstsein, sowohl nach Außen als auch nach Innen präsentieren und uns nicht ausnutzen lassen. Stattdessen wundern sich viele von uns, dass viel über statt mit ihnen gesprochen wird, aber wir müssen auch ein interessantes Gesprächsangebot haben, das es Wert ist, von den Anderen angenommen zu werden. Daher sollten und müssen wir uns auch politisch positionieren und uns für unsere politischen und gesellschaftlichen Ziele einsetzen, wenn nicht jetzt in 2020, wann dann. Wir haben die Möglichkeit und diese ungenutzt verstreichen zu lassen, bedeutet stets, dass unsere wichtige Stimme unberücksichtigt bleibt und was nützt uns dann das Wissen um unsere Stärke? Also geht wählen, startet am besten am Sonntag, den 23. Februar in Hamburg.

Islamische Zeitung: Liebe Zohra Mojaddedi, wir bedanken uns für das Gespräch.

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Sulaiman Wilms

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