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Musik als Gedenken

Interview mit dem afghanischen Musiker Daud Khan Sadozai

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Daud Khan Sadozai ist einer der versiertesten und angesehensten Interpreten der traditionellen afghanischen Musik in Europa und ein Meister auf den klassischen Saitenistrumenten Rabab [auch Rubab geschrieben] und Sarut. Er gibt regelmäßig Konzerte in verschiedenen Ländern weltweit. Die IZ traf ihn in seinem Haus in Köln und sprach mit ihm über seine Musik, deren spirituelle Komponente und die Weitergabe dieser Kunst vom Lehrer auf den Schüler.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Sadozai, wie haben Sie zur Musik und zum Spiel der traditionellen Saiteninstrumente gefunden?

Daud Khan Sadozai: Ich habe neben der Schule bei meinem Meister, Ustadh Muhammad Umar, Rabab-Unterricht bekommen, in Kabul. Mein Vater war auch sehr an Musik und Musikinstrumenten interessiert, er hatte mich zu dem Meister geschickt. Dann bin ich zum Studium nach Deutschland gekommen, habe aber immer meine Rabab mit mir gehabt und für mich gespielt. Meine Lebensumstände in Deutschland waren damals schwierig; ich bin dann für eine Zeit nach Indien gegangen, wo ich das große Glück hatte, bei der sechsten Generation einer afghanischen Familie Unterricht zu bekommen und von dem Lehrer als Schüler akzeptiert zu werden. Es war mein zweiter Ustadh, Ustadh Amjad ‘Ali Khan. Er ist ein großer Virtuose und spielt Sarut. Die Sarut ist entstanden, als vor etwa 300 Jahren Musiker aus der Stadt Ghazni nach Indien gegangen und sich dort niedergelassen haben. Sie waren dort am Herrscherpalast als Musiker tätig. Ustadh Amjad ‘Ali Khan ist einer ihrer Nachkommen. Aus der Rabab hat sich die Sarut entwickelt. Sarut ist auch ein persisches Wort und bedeutet „Melodie“. Ich habe dort auch begonnen, Sarut zu spielen, und seit 28 Jahren bin ich noch immer sein Schüler. Ich wollte dann die Musik zu meinem Beruf machen und Konzerte geben. Heute bin ich sehr glücklich darüber, dass es so gekommen ist. Mein Vater hat mir damals sehr geholfen, indem er mir die Noten von dem Meister Muhammad Umar nach Deutschland mitgebracht hat. Das Verhältnis des Schülers zum Meister ist sehr wichtig und beinhaltet viel Segen.

Islamische Zeitung: Seit wann geben Sie selbst Konzerte?

Daud Khan Sadozai: Am Anfang musste ich sehr streng Unterricht nehmen, und die Regel ist auch so, dass man erst auf die Bühne geht, wenn der Meister es erlaubt hat, vorher nicht. Ich habe die Erlaubnis meines Meisters bekommen, er hat sozusagen seinen Segen gegeben, und seither trete ich auf Konzerten und auch großen Festivals auf und präsentiere diese beiden Instrumente, Rabab und Sarut. In diesem Jahr war ich in Indien und hatte dort auch zwei Fernsehauftritte. Davor war ich für 10 Konzerte in den USA. Darüber hinaus war ich in Spanien, Italien, beim Seidenstraßenfestival in Paris und in Marokko. In den nächsten Tagen reise ich zu drei Festivals in Spanien.

Islamische Zeitung: Die afghanische Musik hat ja viele Bezüge zu der des indischen Subkontinents. Können Sie die Gemeinsamkeiten und Unterschiede erläutern?

Daud Khan Sadozai: Die afghanische und die indische Musik haben in der Tat eine sehr enge Beziehung zueinander. Die Ragas [von arab. Ragh, bedeutet in etwa Tonleiter] oder Maqams sind sehr ähnlich. Aber durch die Situation in Afghanistan mit vielen Kriegen und Auseinandersetzungen hat sich die Musik nicht so sehr entwickelt wie in Indien und ist oft eher Folklore geblieben. In Indien hat die klassische Musik ihren Ursprung auch in der Folklore, aber mit der Zeit hat sie sich sehr entwickelt, und viele neue Instrumente sind entstanden, wie zum Beispiel Tabla, Sarut, Sitar und andere. Auch die Rhythmen wurden weiter entwickelt, etwa mit dem Sechzehnerrhythmus. Die klassische indische Musik ist sehr umfangreich. In Afghanistan hat sich die Musik vor allem in Kabul, in Herat und im Osten des Landes entwickelt. Jede dieser Zentren hat einen eigenen Stil. Sie ist im Vergleich zu Indien rhythmischer, tänzerischer, und die Rhythmen werden kräftiger gespielt.

Islamische Zeitung: Wie unterscheiden sich die beiden Instrumente Rabab und Sarut?

Daud Khan Sadozai: Die Sarut oder Surut ist aus der Rabab entstanden. Die Rabab besteht aus Holz und verfügt über etwa 20 oder auch weniger Resonanzsaiten und drei Melodiesaiten, die früher aus Darm hergestellt waren und heute aus Nylon sind. Die Rabab hat auch vier Bünde. Bei der Sarut sind die Melodiesaiten aus Metall, und auch das Griffbrett. Auf der Rabab spielt man mit den Fingerkuppen, während man bei der Sarut mit den Fingernägeln greift. Daraus ergibt sich ein anderer Klang. Früher sahen beide Instrumente noch ähnlicher aus, heute hat die Sarut in der Regel einen runderen Klangkörper, während die Rabab ihre Form nicht verändert hat.

Islamische Zeitung: Zu welchen Gelegenheiten oder Anlässen wurde diese Musik traditionell gespielt?

Daud Khan Sadozai: Musik wurde eigentlich in Afghanistan zu allen möglichen Gelegenheiten gespielt, später lief auch in Autos und Lastwagen fast ständig Musik. Die Straßen waren immer voller Musik, so habe ich es in Erinnerung. Speziell Rabab wurde auch in den Khanaqahs, den Versammlungsorten der Sufis, gespielt; als Soloinstrument, zusammen mit anderen Instrumenten oder als Begleitinstrument. Sie wurde aber auch zu traditionellen Tänzen gespielt. Im Osten Afghanistan gab es spezielle Sitzungen, die Dere Madschlis, an denen verschiedene Instrumente beteiligt waren, Streichinstrumente wie Delroba, Zupfinstrumente, Harmonium und andere, wo Kompositionen vorgestellt, zusammen gespielt und auch viel improvisiert wurde. Die Musik war in Afghanistan immer zu Hause, wie erwähnt gab es gerade auch in den Kreisen der Sufis immer ein Musikinstrument, besonders Saiteninstrumente wie Tanbur oder Rabab. Wenn die Leute nach der Arbeit nach Hause kamen, haben sie etwas gespielt, Poesie gelesen oder spirituelle Bücher.

Islamische Zeitung: Wie ist es heute um die traditionelle Musik in Afghanistan bestellt? In den letzten Jahren gab es ja verschiedene Strömungen, wie die Taliban, die der Musik sehr ablehnend gegenüberstanden.

Daud Khan Sadozai: Ich hatte auch Bedenken, dass vieles zerstört sein könnte. Eine Tatsache ist, dass die alten Meister, wie es sie früher gab, weniger geworden sind. Damals waren die Zeiten anders, sie hatten eine andere Ausbildung, die Zeiten waren ruhiger und die Leute hatten mehr Geduld. Voller Hingabe ist man zu den Meistern gegangen und hat gelernt. Aber Gott sei Dank gibt es heute immerhin wieder sehr schöne Folkloremusik. Man kann es zwar nicht mit früher vergleichen, aber die Musik lebt. Es gibt allerdings auch einen größeren Einfluss moderner und kommerzieller Musik. Ich glaube dennoch, dass die traditionelle Musik nie aussterben wird, und es gibt immer wieder neue gute, junge Musiker, die in Indien oder im Iran gelernt haben und dann wieder zurückkehren. Seit 26 Jahren herrscht nur Krieg in Afghanistan, und dies hat natürlich viel Leid gebracht, die sozialen Strukturen sind sehr stark beschädigt worden. Dennoch bin ich immer wieder erstaunt, wie motiviert und zuversichtlich die Menschen sind. Sie wollen Frieden und wollen alles wieder aufbauen. Auch die Khanaqahs der Sufis gibt es Gott sei Dank immer noch.

Islamische Zeitung: Sie unterrichten hier in Deutschland auch Schüler…

Daud Khan Sadozai: Ja, meine Schule besteht seit etwa sechs Jahren und ich habe inzwischen einige Schüler ausgebildet, Deutsche, Afghanen, Amerikaner, Holländer, Spanier und andere, die inzwischen selber Konzerte geben. In den letzten Jahren hat es allerdings aus Zeitgründen etwas nachgelassen, da ich viel unterwegs bin. Derzeit gebe ich vor allem Einzelunterricht.

Islamische Zeitung: Worin besteht für Sie persönlich die Faszination am Spiel von Rabab und Sarut?

Daud Khan Sadozai: Es gibt sehr viele Gedichte darüber von Rumi und anderen, wie zum Beispiel das, in dem es heißt, dass in der Musik der Sarut hunderte und tausende Geheimnisse der Liebe enthalten sind. Die Musik ist einfach ein Geheimnis der Liebe und in der Liebe ist letztlich Gott gemeint, ob es menschliche Liebe ist oder die Liebe zur Natur. Bei meinem ersten Ustadh in Kabul und auch später in Indien habe ich erlebt, dass die Lehrer dieser Musik sehr fromme Menschen waren. Sie haben die Musik als Dhikr [Gedenken an Allah] gesehen, haben sich vorher gereinigt, haben die Augen geschlossen und drei oder vier Stunden mit einem Instrument gespielt. Sie haben die Menschen fasziniert. Beim Spielen zieht man auf der Bühne die Schuhe aus und sitzt auf dem Boden, man bleibt auf dem Boden. Und als Schüler berührt man die Füße des Meisters, als Zeichen der Hingabe. Das ist in Indien immer noch so, dort wird diese Musik und Tradition sehr in Ehren gehalten. Zu den Konzerten kommen sowohl Hindus als auch Muslime. Die meisten Musiker sind Muslime, es gibt unter ihnen aber auch Hindus. Der größte Musiker in der Geschichte Indiens war ursprünglich Hindu gewesen und ist dann Muslim geworden. Die meisten früheren Ustadhs, auch meiner, waren in Tariqas, in Sufigemeinschaften. Sie waren sehr fromme Menschen. Sie standen morgens auf, beteten, lasen Qur’an, nahmen ihre Instrumente oder sangen und meditierten auf diese Weise, das wird Rijaz genannt. Deswegen war diese Musik auch sehr sehr wirkungsvoll, und bis heute hören die Leute gerne die Aufnahmen dieser Meister. Ich bin sicher, dass auch wieder junge Leute in Afghanistan diesen Weg gehen werden. Diese Musik kann man nicht aus Büchern lernen oder an einer Universität, man muss zu einem Meister gehen und sich hingeben. Zuerst wird das Ego gebrochen, man muss tagelang warten und auch einfache Tätigkeiten verrichten, man muss dienen.

Islamische Zeitung: Diese Musik hat also auch viel mit Spiritualität zu tun?

Daud Khan Sadozai: Ja, auf jeden Fall. Vieles von anderer Musik ist nur Vergnügungsmusik, und das ist für mich eher fragwürdig. Diese Musik aber erhebt den Geist. Ich erlebe es auch an meinen Schülern. Anfangs sind viele sehr unruhig, aber mit der Zeit verändern sie sich. Die klassische europäische Musik hat übrigens eine ähnliche Wirkung. Es ist ein Unterschied, ob man einfach die Fähigkeit erworben hat, Rabab oder Sarut zu spielen, oder ob man diese meditative Komponente auch erfassen kann. Um ein Beispiel zu geben: Man lernt das Alphabet, dann die Wörter und dann die Sätze, aber nur wenige werden Poeten. Man kann die Grundlagen des Rag lernen, aber um etwas aus dem Rag zu machen, muss man schon einen religiösen Hintergrund haben und etwas verliebt sein, sodass man die Augen zumacht und einen gewissen Ausdruck entwickelt, um die Essenz aus einer Tonfolge herauszuholen. Mein Lehrer sagte einmal, dass in jeder Note Nur, Licht von Gott, steckt, und je mehr man sich damit beschäftigt, um so mehr kommt die Schönheit heraus; die Schönheit Gottes findet sich in jeder Note. Man muss sich dem mit sehr viel Respekt und Liebe nähern und auch eine innere Reinheit haben. So entstehen immer wieder neue Verzierungen und Neuheiten in der Musik.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Sadozai, wir danken für das Gespräch.

Eine CD von Daud Khan Sadozai ist (unter dem Namen Daud Khan) über amazon.de erhältlich.

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