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„Muslime & Globalisierung“ – Berlin unterstützt Unternehmen in der globalen Konkurrenz um Anteile am expandierenden Gesundheitsmarkt

Soll die Welt am deutschen Wesen genesen?

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(GFP.com). Die Bedeutung der Gesundheitswirtschaft für die Gesamt-Ökonomie ist erheblich. 2008 trug sie in der Bundesrepublik 10,1 Prozent zum Bruttosozialprodukt bei. Ihr Anteil an den Ausfuhren betrug jedoch nur 6,3 Prozent. Deshalb machte die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung „zahlreiche ungenutzte gesundheitspolitische Exportchancen“ aus und startete 2011 die „Export-Initiative Gesundheitswirtschaft“. Die verschiedenen Maßnahmen, mit deren Koordination die bundeseigene Außenwirtschaftsagentur Germany Trade and Invest (gtai) betraut ist, firmieren unter dem Label „Health made in Germany“. Sie umfassen unter anderem Unterstützung bei der Vermarktung von Produkten im Ausland, gemeinsame Werbe-Auftritte, Anleitungen zum Anbieten firmenübergreifender Systemlösungen, die Bereitstellung von Markt-Informationen und das Betreiben eines eigenen Web-Portals.

In ihrem Konzeptpapier „Globale Gesundheitspolitik gestalten – gemeinsam handeln – Verantwortung übernehmen“ bekundeten CDU und FDP, die Geschäfte der Unternehmen würden „gerade deshalb politisch flankiert, weil durch den Einsatz von Produkten und Dienstleistungen ‘made in Germany’ ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Qualität der Gesundheitsversorgung in vielen Teilen der Welt geleistet werden kann“. So komme der Exportinitiative etwa die Aufgabe zu, eine Orientierungshilfe beim Zugang zu Projekten der Vereinten Nationen zu leisten. In der Praxis geschieht das unter anderem durch Workshops zum „Einmaleins der Geschäftsanbahnung mit Weltbank und UN“. Auf diese Weise hofft die gtai, der bundesdeutschen Gesundheitswirtschaft zu mehr Aufträgen bei Programmen globaler Institutionen zu verhelfen. Deren Volumen bei medizinischem Equipment, Labor- und Krankenhaus-Ausstattung beziffert die Außenwirtschaftsagentur allein für das Jahr 2011 auf rund 330 Millionen Dollar. Deshalb widmet sie dem Beschaffungswesen besondere Aufmerksamkeit und hält spezielle Ratschläge parat. Es lasse „sich beispielsweise mit den Peace Keeping Missions der VN relativ leicht ins Geschäft kommen, weil sie ihren Beschaffungsbedarf zentral über das Sekretariat (UNPD) decken“, vermeldet die gtai unter der Überschrift „Im Geschäft mit UNO und Co.“

Die „German Healthcare Partnership“ (GHP) hat mit Peter Laser, der beim Medizintechnik-Hersteller Karl Storz lange für Weltbank-Projekte zuständig war, sogar einen eigenen Lobbyisten bei der Weltbank etabliert. Gegründet vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), wird die GHP inzwischen auch vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mitgetragen. Auf Seiten der Industrie gehören ihr unter anderem die beiden größten bundesdeutschen Pharma-Konzerne Bayer und Boehringer, das Krankenhaus-Unternehmen Asklepios, die Karl Storz GmbH sowie Siemens und Philips an; als Repräsentant fungiert BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber.

Die GHP will nach eigener Aussage „die Kompetenzen und Ressourcen des privaten Sektors mit denen der Entwicklungszusammenarbeit“ kombinieren und dafür sorgen, „den Zugang zu qualitativ hochwertigen Gesundheitsleistungen in Entwicklungsländern und in aufstrebenden Märkten zu verbessern“. Dazu ist es nach Ansicht der „German Healthcare Partnership“ auch nötig, das System der Hermes-Bürgschaften zu reformieren, weshalb GHP und BDI zur letzten Bundestagswahl die Forderung nach besseren Kreditversicherungsinstrumenten „insbesondere für den Krankenhaus-Systemexport“ erhoben haben.

Neben einer Konferenz zur Finanzierung und Absicherung von Ausfuhr-Geschäften hat die GHP bisher vor allem Veranstaltungen zu Besonderheiten lukrativer Märkte wie etwa „Business Opportunities in Healthcare in China“ durchgeführt. Wenn die Public-Private-Partnership sich überhaupt einmal afrikanischen Staaten widmet, dann liegt der Fokus nicht auf den armen, sondern auf den prosperierenden Ländern mit einer kaufkräftigeren Bevölkerung. So heißt es in der Ankündigung des German-African Healthcare Symposiums, das am 23. Oktober in Berlin bei der Karl Storz GmbH stattfindet: „Die afrikanische Mittelschicht wächst, die Wirtschaft verzeichnet Wachstumsraten von durchschnittlich fünf Prozent, gleichzeitig muss die Gesundheitsinfrastruktur enorm ausgebaut werden – Treiber für den afrikanischen Gesundheitsmarkt gibt es viele.“

Darum stehen zum Beispiel auch „nicht ansteckende Krankheiten als Mittelschichtsphänomen“ auf der Tagesordnung des gemeinsam mit dem „Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft“ initiierten Symposiums. Es bietet sogar konkrete Hilfestellung bei der Zielgruppensuche an und verspricht Informationen darüber, wo Bevölkerungsstruktur und Gesundheitsausgaben am besten zu den Produkten der bundesdeutschen Gesundheitswirtschaft passen.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterstützt diese Strategie. Es hat 2012 eine vom Pharma-Konzern Sanofi kofinanzierte Studie zu „Low-income Markets“ herausgegeben, die das Volumen dieser Märkte auf 160 Milliarden US-Dollar schätzt und beabsichtigt, sie als Absatzgebiete stärker in den Blickpunkt der Unternehmen zu rücken. „Diesen Markt haben sich die Pharma-Firmen bisher kaum erschlossen“, heißt es in der Publikation. Der Pharma-Riese Bayer arbeitet seit einiger Zeit kräftig daran. „2014 steht eine Afrika-Strategie hoch oben auf der Agenda“, verkündet der Konzern. Er setzt dabei vor allem auf Kenia, Tansania, Kamerun, Nigeria, die Elfenbeinküste sowie Südafrika und rechnet für die nächste Zeit mit einer deutlichen Steigerung des bisher rund 650 Millionen Euro betragenden Umsatzes auf dem Kontinent.

Für die Zielstaaten verheißt das wenig Gutes. Die Buko Pharma-Kampagne untersucht die Geschäftspraxis der beiden bundesdeutschen Arznei-Multis Bayer und Boehringer in Entwicklungs- und Schwellenländern regelmäßig und stellt ihnen ein nur wenig schmeichelhaftes Zeugnis aus. In Uganda, einer der ärmsten Nationen der Erde, bieten die beiden Konzerne kaum Medikamente für die am weitesten verbreiteten Gesundheitsstörungen an, weil diese nicht zu ihren Forschungsgebieten gehören – sie konzentrieren sich auf westliche Zivilisationskrankheiten. Zudem verkaufen sie viele umstrittene und deshalb von Experten als „irrational“ eingestufte Pharmazeutika.

Bei Boehringer subsumiert der Buko acht von 20 verkauften Produkten unter diese Kategorie, bei Bayer 21 von 49. Zu den als unentbehrlich erachteten Medizin hingegen hat die Bevölkerung wegen der hohen Preise kaum Zugang; sie findet sich zumeist nur in Privatkliniken und Privat-Apotheken. Weil Boehringer nicht genügend Profit daraus ziehen kann, hat der Konzern angekündigt, sich ganz aus Uganda zurückzuziehen. Und Bayer bleibt nach Einschätzung des Buko nur deshalb noch in dem Land präsent, um auch weiterhin aus mehreren einträglichen Entwicklungshilfe-Programmen Gewinn ziehen zu können.

Insgesamt stammen nur fünf bis sieben Prozent der in Uganda verfügbaren Arzneimittel aus westlichen Industrieländern; fast den gesamten Rest bezieht das Land aus Indien und China.

Für Brasilien sieht die Lage laut Buko ähnlich aus. Hier ist der Anteil an irrationalen Pharmazeutika im Produkt-Portfolio der beiden Pillen-Produzenten ebenfalls hoch. Boehringer vertreibt mit dem Schmerzmittel Buscopan composto sogar eine Arznei, die wegen ihrer Gefährlichkeit in vielen westlichen Ländern verboten ist. Darüber hinaus stellen sich die beiden Konzerne in unguter Weise auf die Situation im Land ein und halten für eine Bevölkerung, die sich in vielen Fällen den Arztbesuch nicht leisten kann, „dubiose Mixturen und Vitamin-Cocktails“ zur Selbstmedikation bereit.

Zudem schaffen es auch in Brasilien viele Menschen nicht, das Geld für die deutschen Präparate aufzubringen. So stuft der Buko Bayers Krebs-Medikament Nexavar als „selbst für die Mittelklasse unerschwinglich“ ein. Konzern-Chef Marijn Dekkers widerspricht dem nicht: „Wir haben es für westliche Patienten entwickelt, die es sich auch leisten können.“

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