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“Muslime & Globalisierung” – Contra: Studie ergibt, dass ein ständig steigender Wohlstand zu weiteren Umweltschäden führt. Von Sulaiman Wilms

Unheilige Geldvermehrung

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(IZ/pte/Agenturen). Einer der größten Mängel der menschlichen Situation ist es, dass nur eine Minderheit in der Lage ist, die Dinge des Lebens einheitlich zu denken. Fraglos kennen wir alle, spätestens seit den frühen 1980er Jahren, die negative Realität der ökologischen Schädigung und Zerstörung. Als Verbraucher werden wir immerhin seit Jahren auch von der Industrie aufgerufen, umweltfreundlichere Produkte zu verbrauchen. Andererseits ist jedem seit Ende 2008 bewusst, dass unsere Finanzordnung wegen ihrer inneren Widersprüche nicht haltbar ist.

Es gelingt aber nur einer Minderheit (auch der Experten) nur sehr selten, einen Sinnzusammenhang zwischen unbegrenzter Geldvermehrung (unendlicher Kapitalmenge) und Zerstörung des Planeten (Verbrauch von endlichen Ressourcen) zu sehen. Das Dogma der „Entwicklung“, heute gewandelt zu einer „nachhaltigen“, ist noch bestimmend.

Anfang Juni kam eine Berliner Tagung auf Einladung der UNO zu der ernüchternden Einschätzung: Ein steigender globaler Wohlstand bedeutet eine Katastrophe für den Planeten. Sollte sich das Einkommen verdoppeln, dann könnten die ökologischen Folgen um 80 Prozent steigen. Dies ergab der Bericht einer ersten flächendeckenden Studie des globalen Verbrauchs und erhöhte die Beweislage, wonach das „Evangelium“ des Wirtschaftswachstums sehr dringend gegen ein neues für ressourcen-freundliches Wirtschaften eingetauscht werden müsste.

Die Verbrennung fossiler Treibstoffe und die Landwirtschaft seien in ihrer jetzigen Form die größten globalen Verursacher. Ironischerweise, so Ernst von Weizsäcker von der norwegischen Universität für Wissenschaften und Technologie, seien diese beiden Bereiche auch jene, die am stärksten [von staatlicher Seite] subventioniert würden. „Wir haben in unserer ersten Studie genau herausgekehrt, was auf der Erde die größten Umweltschäden verursacht“, so Edgar Hertwich, Professor für Energie and Umweltsystemanalyse der norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie. „An der Spitze steht die Nutzung fossiler Brennstoffe, der Abbau beziehungsweise die energieintensive Herstellung einiger Materialien wie etwa Eisen, Stahl, Aluminium und Plastik.“ Ganz oben auf der Liste der größten ökologischen Fußabdrücke stünde jedoch auch die Landwirtschaft, betonte Hertwich.

„Je wohlhabender ein Land ist, desto mehr wird konsumiert, und desto mehr negative Einflüsse hat dies auf die Umwelt. Das bestimmt maßgeblich die gravierenden Unterschiede zwischen den Regionen der Welt“, so Hertwich. „Die negativen Umwelteinflüsse steigen bei Verdopplung des Einkommens um nahezu 80 Prozent.“ Damit wird in dem Bericht widerlegt, dass höherer Wohlstand zu einem grüneren Planeten führt. 20 bis 30 Prozent des ökologischen Fußabdrucks entstehen übrigens außerhalb eines Landes – nämlich durch den Import von Waren. Die Studie wies übrigens eine neue Art des [andernorts] berüchtigten „Out­sourcings“ nach, bei dem die wohlhabenden Staaten heute den größten Teil der von ihnen verursachten Umweltschäden „exportieren“, indem sie Waren und Lebensmittel aus den ärmeren Teilen des Planeten einführten. In einer Spirale der destruktiven Abhängigkeit seien Chinas steigender Kohlendioxidausstoß und die Abholzung in Malaysia eine direkte Folge des amerikanischen und europäischen Verbrauchs von den in diesen Ländern erzeugten Produkten.

Politiker und Wirtschaftsexperten müssten ihre Obsession mit dem Wirtschaftswachstum als der Lösung für alle Probleme ablegen, meint der Autor Clive Hamilton. Wachstum sei zu einem Machtsymbol für Erfolg und Modernität geworden. Auch dann, wenn es in Wirklichkeit bei beiden nicht der Fall ist, sagt Hamilton, der an der Australian National University arbeitet.

Wenn jemand ermordet werde, fügte er auf Grundlage seiner Forschungen hinzu, würden dem Bruttosozialprodukt der reichen Länder einige Millionen Dollar hinzugefügt, da die Kosten für Polizei, Gerichte und Gefängnisse mit in das Bruttosozialprodukt einbezogen würden. „Mord ist gut für die Wirtschaft. Das gleiche gilt für ökologische Zerstörung“, schrieb Hamilton in seinem Buch „Requiem for a Species“.

Es brauche außerordentliche Füh­rungs­fähigkeiten, um die konsumorientierte Gesellschaft, in der bereits Kinder mit Werbung bombardiert werden (jährlich 17 Milliarden Dollar allein in den USA), in eine andere Richtung zu lenken. Die gleiche Gehirnwäsche zu Guns­ten des übermäßigen Konsums ist nun auch in den Entwicklungsländern zu Gange. Shopping ist innerhalb der ­wachsenden chinesischen Mittelklasse und wohlhabenden Elite zur Freizeit­beschäftigung geworden. Im Jahre 2005 kauften diese Schichten 12 Prozent ­aller globalen Luxusgüter. „Angesichts des Umfangs dieser ­Herausforderung müssen wesentlich einschneidendere Maßnahmen ergriffen werden. Augenblicklich kümmern wir uns um Kleinkram, während Rom brennt“, sagte Ashok Khosla, der ebenfalls an der Berliner Expertenrunde teilnahm.

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