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“Muslime & Globalisierung” – Contra: Zahl der Hungerrevolten wächst, und nach dem Crash strömen Spekulanten auf die Warenmärkte. Von Malik Özkan

Vom Preis des Lebens

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Nach den Staaten im ­Nahen ­Osten folgte Indien, und ­weitere stehen auf der Warteliste für Rebellionen, die auch durch gestiegene Lebens­­mittelpreise verursacht wurden. Land, Wasser und Getreide mutieren immer mehr zu Anlageformen.

(iz). Während sich unsere Medien neben den Volksaufständen in der Arabischen Welt aktuell mit Petitessen wie der Guttenberg-Doktorarbeit oder dem Kachelmann-Prozess beschäftigen, sehen globale Experten eine drastische, aber gar nicht neue Krise auf die Welt zukommen. Die Rede ist vom ungebrochenen Anstieg von Lebensmittelpreisen, die fast ausschließlich die Ärmsten des Planeten trifft. Beinahe möchte man sich nostalgisch an die Monate nach der Finanzkrise Ende 2008 zurückerinnern. Zu diesem Zeitpunkt waren die Kapitalmengen so knapp, dass die zuvor heftige Welle der Spekulation in Lebensmittel angehalten wurde.

Das hat sich wieder geändert. Nach vielen staatlichen Rettungspaketen und dem so genannten „quantative easing“ der US-Notenbank gibt es für die Anleger – genau genommen die globalen Spekulanten – ausreichend Mittel, um sich den Rohstoffmärkten (Energieträger, Gold und Lebensmittel) mit vollem Einsatz zuzuwenden. Es sieht beinahe so aus, als wäre nach dem Scheitern vieler globaler Papiergeldwährungen und der diversen auf Papiergeld beziehungsweise elektronischen Signalen beruhenden Anlageformen der Besitz an den überlebensnotwendigen Ressourcen Wasser, landwirtschaftlichen Nutzflächen und Lebensmitteln dabei, zum ultimativen Zahlungs- und Machtmittel zu werden.

Angesichts der offiziellen Zahlen von FAO (UN-Landwirtschaftsprogramm) und des World Food Progamme (WFP) stieg die globale Zahl der hungernden Menschen auf erschütternde 925 Millio­nen an. Darüber hinaus können beinahe zwei Milliarden Menschen keine angemessene Nahrung mehr bezahlen. Es fehlt ihnen an notwendigen Vitaminen und anderen Nährstoffen. Alleine im letzten Jahr stiegen Preise um einen zweistelligen Prozentbetrag an.

Dies hat für viele arme Menschen ­lebensbedrohliche Folgen. Wenn wir uns vorstellen, dass in den Ländern des indi­schen Subkontinents die untersten Schichten weit mehr als die Hälfte ihres minimalen monatlichen Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen, wird ersichtlich, was die Preissteigerungen der letzten Jahre von 20 bis 60 Prozent ­bedeuten. Noch vor Lateinamerika, Schwarzafrika und der Arabischen Welt sind im Augenblick die Menschen in Südasien (Bangladesch, Indien und ­Pakistan) am stärksten betroffen. Es kam innerhalb eines Jahres bei ausgesuchten Produkten zu einer Kostenexplosion um das bis zu Dreifache.

Experten machten unterschiedlichste Ursachen für diese Katastrophe verantwortlich. Klimaerwärmung, Korruption, Missernten, die ökologische Degradierung und Wassermangel sollen schuld sein. Kritischere Fachleute sind aber anderer Ansicht. Wie sonst ließe sich erklären, dass es in vielen von rapiden Preissteigerungen betroffenen Ländern zeitgleich zu guten Ernten kam und genügen Lebensmittel verfügbar seien. Nach Ansicht des US-Amerikanischen Notenbankchefs Bernanke handelt es sich dabei um „die Verantwortung der aufstrebenden Märkte, ihr eigenes Wachstum selbst zu regeln“. Dabei ist es gerade der schwache Dollar und die Überflutung der Weltmärkte mit billigem US-Geld („quantative easing“), welche die Spekulation auf den Rohstoffmärkten erst befeuert hat.

Die globale Politik ist durchaus nicht blind für Auswirkungen dieser ­Krise der Preissteigerungen. Auch wenn sich sich Staatsoberhäupter wie die der G-20 unfä­hig oder unwillig geben, die Krise der Lebensmittelversorgung substanziell zu ­lösen, wissen sie und internationale ­Organisationen wie die UNO um die verheerenden Folgen der Steigerung der Lebensmittelpreise. Weltbankchef Zoel­lick beispielsweise sah dringenden Handlungsbedarf. Die internationale Gemein­schaft müsse „das Thema Lebensmittel an die erste Stelle setzen“.

Wirklich Angst hat die viel beschworene „internationale Gemeinschaft“ davor, dass die weltweite Lebensmittelkrise zu Aufständen und unkontrollierbarer Gewalt führen wird, wie dies schon 2008 der Fall war. So meinte WFP-Sprecher Casella über die Lage im Jemen, dass die dortigen Menschen nur noch drei Möglichkeiten hätten: Sich zu erheben, auswandern oder sterben.

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