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„Muslime & Globalisierung“ – Die Aussichten der Desertec-Utopie zur Energieerzeugung in den Weiten der Sahararegion scheinen sich zu trüben. Von Malik Özkan

Ziehen dunkle Wolken herauf?

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(iz/GFP.com/IPS). Die aktuelle multinationale Militärintervention (siehe S. 3) in Mali, das blutige Geiseldra­ma auf einer algerischen Erdgasförderanlage sowie die nicht unberechtigte Furcht vor einer Ausbreitung ­krimineller Gruppen im Sahararaum haben erneut den Blick auf das abweisende Gebiet gerichtet. Zu viel steht für alle Beteiligten auf dem Spiel. Eigentlich hatten die EU, arabische Politiker und mehrere einfluss­reiche Unternehmen andere Pläne für das enorme Wüstengebiet.

Ziel war es, bis 2050 die Mehrheit des in der EU benötigten Energiebedarfs aus erneuerbaren Energiequellen zu decken. Das Herzstück stellen dabei Solar­kraftwerke (eine Technik, die unter ande­rem im krisengeschüttelten Spanien zur Reife gebracht werden) sowie gigantische „Windparks“, die Elektrizität erzeugen, die über tausende Kilometer dank ­neuer Hochleistungsanlagen in die EU geleitet werden sollen. Desertec erhielt beim Start rhetorische Unterstützung der EU, von europäischen Regierungen, ­finanzstarken Unternehmen sowie einflussreichen arabischen Größen.

De facto bedeuten die Pläne, die ­Rolle Nordafrikas als Energielieferant auch zukünftig festzuschreiben. Dieses Mal aber unter anderen Vorzeichen: Die Region soll nicht mehr vorrangig die Energieträ­ger Erdöl und -gas in die hiesigen Wirtschaftszentren liefern, sondern zum vorrangigen Ökostromlieferanten werden. Welche strategische und energiepolitische Bedeutung der Sahararaum und seine Nationen haben, erfuhr unsere Redaktion Anfang 2010 durch den Anruf einer dänischen Kollegin. Nachdem wir die englische Übersetzung eines ­längeren Artikels über das neue Projekt Desertec veröffentlichten, rief sie uns an und ­wollte mehr Hintergründe erfahren. Sie selbst sei gerade auf den Weg nach Marokko und Mauretanien, wo sie auf Einladung der NATO über Projekte zur Erzeugung von Solarstrom in den Wüstengebieten beider Länder berichten sollte. Warum, so unsere Reaktion, interessiert sich das „Verteidigungsbündnis“ für Ökostrom aus der Sahara?

Bevor überhaupt Fortschritte bei der Umsetzung realisiert wurden, leidet das entsprechende Unternehmen – die Dii GmbH – laut einiger Spartenmedien unter multiplen Problemen. Intern und extern wurde kritisiert, „dass die ­Planungen nicht voran kämen“. Im November 2012 kündigte Siemens seinen Rückzug von Desertec an, dass der Technologiekonzern wegen der immer stärker ­werdenden Kon­kurrenz aus China sein Solargeschäft vollständig einstellen werde.

Das Unternehmen will mit einem 150-Megawatt-Solarkraftwerk im marokkanischen Ourzazate – das Projekt wird im Rahmen der deutsch-marokkanischen Energiepartnerschaft wohlwollend von der Bundesregierung begleitet – erzielen. Die endgültige Vertragsunterzeichnung scheiterte vorläufig im November, da das krisengeschüttelte Spanien seine Zustimmung verweigerte. Madrid ist auf die Einkünfte aus dem Energieverkauf in stellenweise unterversorgte Marokko angewiesen. Ohne eine spanische Zustimmung können die Leitungswege via die Meerenge von Gibraltar nicht gebaut werden. Spanien, das seit dem dortigen Ausbruch der Krise den Abfluss von unzähligen jungen Leuten auf Suche nach besseren Arbeitsbedingungen zu verzeich­nen hat, sieht sich am längeren Hebel, um insbesondere von Berlin monetäre Zugeständ­nisse zu erzwingen.

Keine der vollmundigen Ankündigungen – die Erzeugung von 100 Gigawatt, die Investition von mindestens 400 Milliarden Euro, der Nutzen für die ­Erzeugerländer und die angestrebte Reduzierung von 95 Prozent des Kohlendioxidausstoßes bei der europäischen Stromerzeugung – wurden bisher realisiert.

Die Euphorie ist einer scharfen ­Kritik gewichen. Diese reicht von Anschuldigungen der Unfähigkeit bis zu fachlichen Ausfällen in der Kompetenz des Unternehmens. Angeblich sollen ­unzufriedene Mitarbeiter dem Projekt den wenig schmeichelhaften Spitznamen „desperate tec“ (verzweifelte Technik gegeben haben). In Marokko, wo Pilotanlagen entstehen sollten, ist Nüchternheit eingekehrt. „Wir haben Firmen aufgebaut, wurden ausgebildet, aber in ­Wirklichkeit ist nichts passiert“, erklärte Abdellah Benjdi, einer der Leiter des „grünen Netzwerkes“, dass Desertec vor Ort begleiten sollte.

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