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“Muslime & Globalisierung” – Halal-Tourismus: Weltweit entdecken Hotels und Veranstalter die Bedürfnisse muslimischer Gäste. Von Ali Kocaman

Wenn Reisende mehr verlangen

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Haben Sie einmal im Ramadan in ­einem deutschen Hotel oder in einer französischen Pension um ein sehr ­frühes Frühstück gebeten, und sind dann nicht abgereist, sondern haben sich noch einmal hingelegt? Wenn ja, dann dürften ihnen die verstört-­är­ger­lichen Blicke gezeigt haben, dass Westeuropas Tourismusindustrie bisher nicht auf muslimische Kunden einge­stellt ist.

(IZ/Agenturen). Wer mit Beginn der Sommermonate durch die nob­len Einkaufsmeilen Münchens geht, dem könnte ein Kulturschock der besonderen Art begegnen. Wer aller­dings glaubt, es handelt sich hier um ein Sarrazinisches Horrorszenario der Integrationsverweigerung, irrt gewaltig. Die für manche exotisch anmutenden Sommergäste vom Persischen Golf sind im Sommer beliebte Hotelgäste und gern ge­sehene Kunden in ­deNobelgeschäften deutscher Großstädte. Obwohl sich dieses Ritual in vielen ­westeuropäischen Großstädten und Edeldestinationen jährlich wiederholt, haben sich nur ­einzelne Dienstleister auf die Bedürfnisse der muslimischen Gäste ­eingestellt.

Diese Lücke will seit einigen Jahren eine neue Branche – die sich im Rahmen der allgemeinen Halal-Branche entwickelt – füllen. Anders als in ­Westeuropa, wo die Bedürfnisse zahlungskräftiger, muslimischer Kunden höchstens individuell befriedigt werden, ist die Reisebranche in anderen Teilen der Welt schon weiter. Manch Reisender, der der un­erträglichen Sommerhitze in seiner Heimat entfliehen will, fliegt nicht mehr nur nach London, München oder in die USA, sondern fühlt sich in den touris­ti­schen Zonen Thailands, Indonesien, Malay­sias oder des Libanon besser auf­ge­­hoben. In einigen Regionen haben sich auch Gesundheitszentren angesiedelt, die traditionellen Klinikstandorten wie ­­Mün­­chen oder Baden-Baden Konkurrenz ­machen wollen, weil sie neben medizini­schem Know-how auch eine für ­Muslime günstige Infrastruktur enthalten.

Mohamed Jinna, Geschäftsführer des Halal-Zertifizierer Halal India, beschreibt den „Halal-Tourismus“ gegenüber der Islamischen Zeitung als vergleichsweise simples Konzept, das eigentlich einfach um­zusetzen sei. Im Wesentlichen benö­tigen reisende Muslime Einrichtungen, die islam-rechtliche erlaubte Lebensmit­tel anbieten, keinen Alkohol oder ähnli­ches servieren sowie einen sauberen Ort, an dem sie ihre Gebete verrichten können. „Keine touristische Einrichtung muss wesentliche Umbauten vornehmen. Die Gäste müssen in ihren Zimmern auf die Gebetsrichtung hingewiesen werden, sollte es keine gesonderten ­Gebetsträume geben. Die Hotels müssen vor allem ihre Speisekar­ten auf muslimische Reisende einstellen und sicherstellen, dass die Verar­beitungsprozesse der für Muslime gedachten Speisen von den anderen ­getrennt sind, um Kontaminationen zu vermeiden.“

Die bisher führenden Länder auf diesem ­„halal-­freundlichen“ Marktsegment, so Jinna, seien Singapur, Malaysia, Thailand und Australien. „Es gibt Länder wie Indien, Sri Lanka oder die Malediven, die sich ebenfalls bemühen, diese Branche zu realisieren.“ Auch wenn es seiner Kennt­nis nach bisher keine nennenswerte Entwicklung eines Halal-Tourismus in Europa gäbe, meinte der Geschäftsführer von Halal India, gehe er davon aus, dass die hiesige Reisebranche das Poten­zial muslimischer Reisender erkennen werde. Am größten seien seiner Meinung nach die Aussichten für den Balkan ­sowie für die Türkei.

Dieses Potenzial hat das britische Unternehmen Crescent Tours erkannt. Der Anbieter, der sich selbst als „Spezialist für Halal-Urlaube“ bezeichnet, bietet maßgeschneiderte Reisen und islamische Touren in die Türkei an. Angeboten werden für britische Kunden sowohl Aufent­halte in islam-kompatiblen Hotels und Ressorts sowie geführte Touren nach Is­tanbul und Bursa. Laut Eigenwerbung seien Speisen und Getränke nicht nur halal und alkoholfrei. Die ­Hotels und Res­sorts verfügten nicht nur über eine familienfreundliche Atmosphäre, sondern auch über gesonderte Pools und Strände für weibliche Gäste.

In Thailand hat die nationale Tourismusagentur damit begonnen, nahöstliche Reisebüros anzusprechen. In diesem Sommer lockt das Reiseland Touristen vom Persischen Golf mit einem ­speziellen „Ramadanpaket“ an. Teil des ­Angebotes sind neben normalen Halal-Mahlzeiten spezielle Angebote für das Iftar (die Mahl­zeiten zum Fastenbrechen) und das Suhur (die morgendliche Mahlzeit vor Beginn des Fastens). Einige Teilnehmer stellen sich auf die erwarteten Gäste mit arabischsprachigem Personal, Gebetsräumen, arabischen Zeitungen und Fernsehsendern ein.

Pramoth Supyen, Leiter des Nahostbüros der thailändischen Tourismusagen­tur, erläutert: „Besucher aus dem Nahen Osten kommen in steigendem Maße nach Thailand. Es ist ermutigend für uns, dass viele thailändische Hotels und die Tourismusindustrie im Allgemeinen ­diese Gäste willkommen heißt. Alle Thais freuen sich auf die Gäste aus dem ­Nahen Osten und hoffen, dass diese in ­Thailand einen unvergesslichen Ramadan verbrin­gen werden.“ Nach Angaben der malaysischen Nach­richtenagentur Bernama unternimmt auch Malayia größere Anstrengungen, muslimische Touristen aus dem Ausland anzuziehen. In einer aktuellen Kampagne zur Promotion Malaysias als Reiseziel sollen potenziellen Gäste durch Traumstrände, unberührte Natur, Shopping und ökofreundlichen Tourismus angezogen werden. Gezielt wurde die ara­bischen Touristen darüber hinaus dazu eingeladen, den kommenden Fastenmonat in Malaysia zu verbringen. ­Malaysia, dass nach Angaben der Welt Tourismus Organisation den neunten Platz der weltweiten Reiseziele einnimmt, will auch zunehmend die finanzstarke muslimische Mittelklasse des indischen Subkontinents anziehen. Im letzten Jahr seien beinahe eine Millionen Menschen aus dieser Region gekommen. Emirates Holidays, ein Tochterunternehmen der Emirates Airlines, entwickelt zur Zeit Konzepte, um Malaysia bald in die ­Liste der besonders beworbenen Destinationen einzubinden.

Nicht nur in den exotischen Destinationen Südostasiens hat man das vielver­sprechende Potenzial solcher ­gezielten Angebote entdeckt. Im gesamten Nahen Osten denkt man nun über die Entwick­lung dieses Marksegmentes nach. „Es herrscht eine wachsende Nachfrage nach islamkompatiblen Hotels, die sich an die arabisch-muslimischen Reisenden wenden“, meint der libanesische Tourismus­experte Naji Marcos.

Unterschiedliche Hotelketten entwickelten mittlerweile neue Anlagen, die sich baulich an islamischen Regeln orien­tierten. Nach Angaben von Marcos ­gäben arabische Reisende jährlich mehr als 12 Milliarden US-Dollar für den Tourismus aus. Nach Angaben einer ­Studie, die von MiddleEast.com veröffentlich wurde, erklärten 88 Prozent aller arabischen Touristen, dass sie ihren Sommer­urlaub am liebsten in einem islamischen Hotel verbringen würden.

Sogar Hotels und Ressorts, die keine Halal-Pakete anböten, hätten den Trend erkannt. Damit folgen sie auch der regio­nalen Entwicklung, die seit Beginn der nahöstlichen Unruhen stellenweise erhebliche Einbrüche bei westlichen Reisenden zu verzeichnen hatte. „Im ­Rotana Arjaan bieten wir keinen Alkohol in unseren Einrichtungen an. Die servierten Speisen und Getränke sind zu hundert Prozent halal und alkoholfrei“, ­berich­tet Mark Deere, Generalmanager der Dubai-Filiale der nahöstlichen Hotelket­te Rotana.

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