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„Muslime & Globalisierung“ – Islamische Entwicklungshilfe zwischen Erfolg und Kritik. Ein Bericht aus Florida. Von Markus Schönherr

Muslime für Afrika

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(iz). Es ist sehr wahrscheinlich, dass muslimische Entwicklungshilfe in Afrika in den vergangenen Jahren zunahm“, sagte Cecilia Lynch von der University of California. Genaue Zahlen gäbe es nicht, aber islamische Organisationen wie Islamic Relief oder Muslim Aid hätten schon immer eine entscheidende Rolle in Afrika gespielt. Wo sich die Religionswissenschaftlerin sicher ist: „In den letzten fünf Jahren wurde islamische Entwicklungshilfe immer eingehender erforscht.“

Am 12. und 13. April fand an der University of Florida ein Seminar unter dem Titel „Islamic NGOs and Development Aid in ­Africa“ statt. Wissenschaftler aus den USA, den Niederlanden und Großbritannien diskutierten das Für und Wider muslimischer Entwicklungshilfe. ­Allem voran stand die Frage im Raum: Was schafft die islamische Hilfe, was die traditionelle Entwicklungshilfe bis heute vernachlässigte?

Religiöse Entwicklung ist „nachhaltiger“
„Der große Vorteil von islamischer und anderer religiöser Entwicklungshilfe ist das Vertrauen der lokalen Bevölkerung gegenüber den Organisationen“, ­meinte Lynch. Das gelte für internationale Orga­nisationen, vor allem aber für regionale Moscheen und Islamorganisationen. Religiöse Netzwerke, Schulen und ­Kliniken hätten in Afrika entscheidend zum Bildungs- oder Gesundheitssystem beigetra­gen und sich so das Vertrauen verdient. Auch die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) befürwortet eine religiöse Zusammenarbeit: „Religion beeinflusst das Denken und Handeln der Menschen. Der Islam wird als Teil der eigenen und kulturellen Identität betrachtet.“

Religion nehme nicht nur das Konfliktpotenzial zwischen internationalen Organisationen und den Menschen, sondern mache die Entwick­lung auch „wirksamer und nachhaltiger“. Als gelungenes Beispiel nennt die GIZ die Umweltbildung an vier ­verschiedenen Koranschulen. Die Schüler hätten neue und westli­che Kooperationspartner kennen gelernt und gleichzeitig habe man ihnen die Einbeziehung von Frauen, Kindern und Wirtschaftsschwachen beigebracht.

Einen oft vernachlässigten Entwicklungsfaktor ist für Ajaz Ahmed Khan von Care International das so genannte „Isla­mic Banking“. „Islamische Finanzinstitu­te sind angehalten, einen Teil ihres Profits an die Hilfsprojekte ihrer Religionsgelehrten zu spenden, die in ihrem Aufsichtsrat sitzen“, schrieb Khan 2011 in der britischen Tageszeitung „The Guardian“. Dies könne eine „riesige Quelle“ an Entwicklungsgeldern darstellen, die Projekte von der Trinkwasserversorgung bis hin zur Unterstützung von Waisenkindern finanziert.

Wendepunkt 9/11
So viel Potenzial muslimische Entwicklungszusammenarbeit auch bietet, trotzdem wird dieses Pflaster für die Orga­nisationen immer härter. Ausschlag­gebend waren die Ereignisse des 11. September 2001. „Der Siegeszug islamischer Entwicklungsagenturen wurde durch den Krieg gegen den Terror verlangsamt. Oft ungerechtfertigt, wurden islamische Organisationen dabei in Misskredit gebracht“, sagte John Benthall vom Univer­sity College in London. Auch er nahm an dem Seminar in Florida teil. ­Professor Lynch gibt ihrem Kollegen Recht, denn die Bush-Regierung habe die Organisationen unfair gebrandmarkt. „Die schädliche Wirkung haben sowohl die Entwicklungsgemeinschaft, als auch Islamforscher gespürt.“

„Werte einpflanzen“
In den letzten Jahren ging die staatliche Unterstützung für Entwicklungshilfe weltweit zurück. Islamische Organisationen hätten laut Lynch zudem „eine vorsichtige Haltung eingenommen“. Viele Beobachter seien ohnehin besorgt, dass religiöse Entwicklungsagenturen nur die Verbreitung ihres Glaubens im Sinn hätten. „Interessant ist aber, dass dies tatsäch­lich eher auf christliche Organisationen zutrifft, als auf muslimische“, so Lynch. Die Entwicklungshilfe der christlichen US-Organisation World Help in Indonesien ging 2005 als Negativbeispiel in die Geschichte ein. Nach einem ­Tsunami wollte die Organisation 300 muslimische Waisenkinder in christliche Adoptivfamilien eingliedern. Dies sei nötig gewesen, um den Kindern „so früh wie möglich christliche Prinzipien einzupflanzen“, so World Help. Damals war die indonesische Regierung eingesprungen, um eine Überführung der Kinder zu verhindern.

Hilfe ist „unabhängig“
„Eine enge Beziehung zwischen den Menschen und Organisationen ist wichtig“, meinte John Benthall, „aber noch viel wichtiger ist die Qualität der erbrach­ten Hilfe“. Eine Organisation, die ­einen Kompromiss gefunden zu haben scheint, ist Muslim Aid. Sprecher Amal Imad zufolge, ist die britische Organisation derzeit mit Büros in Somalia, Sudan and Kenia vertreten. „Wir sind Partner des Europäischen Amts für Humanitäre Hilfe (ECHO)“, so Imad. „Als solcher ­haben wir Verträge unterzeichnet, wonach muslimische Hilfe auf den Prinzipien Unab­hängigkeit, Neutralität und Menschlichkeit aufbaut.“ Darüber hinaus unter­zeichnete Muslim Aid den „Code of Conduct for the International Red Cross and Red Crescent Movement and NGOs in Disaster Relief.” Dieses Regelwerk entstand 1994 für NGOs, die in Katastrophengebieten tätig sind. Anwendung findet es vor allem dort, wo christliche Orga­nisationen in überwiegend muslimischen Ländern tätig werden, oder umgekehrt: Zum Beispiel das Rote Kreuz in Mali. Die Unterzeichner versprechen: „Hilfe wird für keinen politischen oder religi­ösen Standpunkt“ ausgenutzt, „Hilfe ist unabhängig von Ethnie, Bekenntnis oder Geschlecht“, und die „Hilfsprioritäten werden einzig von der Bedürftigkeit der Menschen bestimmt“. Zu den bedeutendsten der 500 weltweiten Unterzeich­nern zählen Islamic Relief und Muslim Hope.

Der Autor lebt im südafrikanischen Kapstadt und schreibt unter anderem für renommierte deutsche Medien und Agenturen.

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