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Muslime in Griechenland suchen Zuflucht in einer gemeinsamen türkischen Identität. Von David Macintosh

Ungewöhnliche Überlebensstrategie

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(Zaman). Im Dort Echinos in Nordgriechenland schlürfen ältere Männer ihren Morgenkaffee, während sie sich sich auf dem Platz des Ortes treffen. Die Morgensonne steigt hinter den Bergspitzen auf, während aus einem Radio türkischsprachige Popmusik mit griechischen Werbeclips tönt. Im Hintergrund vereinigt sich der Ruf zum Gebet aus der Moschee mit den orthodoxen Kirchenglocken.

In West-Thrazien finden Griechenlands Muslime – die über ein vielfältiges Erbe (darunter Roma, Slawan und Türken) verfügen – ihre Einheit und einen sicheren Hafen in der türkischen Identität. Heute besteht diese Bevölkerungsminderheit aus 130.000 bis 150.000 Menschen. Damit macht sie 1,3 Prozent der gesamten Einwohnerschaft Griechenlands aus. Sie besteht auf der Selbsteinschätzung als türkische Muslime, um ihre gemeinschaftliche Stärke und ihre Kultur zu bewahren. Aber es ist dieses Konstrukt, welches zu strittigen Fragen mit der griechischen Regierung geführt hat, die an der Existenz einer türkisch-muslimischen Minderheit zweifelt und nur eine muslimische Minderheit anerkennt. Dies hat den Prozess der Lösung von Streitfällen im Bereich der Minderheitenfragen behindert.

In einem nördlich von Iskece (Xanthi) gelegenen Dorf legt ein Imam namens Hüseyin den Schalter des Moschee-Mikrofons um und räuspert sich. Seine zerbrechliche und alternde Stimme führt den Ruf zum letzten Gebet des Tages durch. Sie füllt das Tal, in dem er seine gesamte Lebenszeit verbrachte.

“Die hiesige Minderheit sind türkische Muslime und sie bleibt es auch, damit sie überleben kann”, sagt er. Hüseyin selbst ist ein Beispiel für so viele andere, die eine türkische Identität angenommen hatten, obwohl sich sein elterliches und sprachliches Erbe von den Pomaken ableitet. Berichte gehen davon aus, dass es 30.000 Menschen – eine bulgarischsprachige muslimische Minderheit auf dem Balkan – wie ihn in Griechenland gibt.

“Wo soll ich sonst hingehen, mit einer Ernte von 1.000 Kilo Tabak und einem Esel?”, fragte Hüseyin, den die fallenden Tabakpreise bitter machen. Er schreibt es auch den schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen der Region zu, dass sich die Menschen hier in den letzten Jahrzehnten wegen ihrer Kultur und Religion enger miteinander verbunden haben.

Nach Angaben von Hüseyin sei es die türkisch-muslimische Identität, welche die Überlebensstrategie der Minderheit ausmacht. Geprägt werden die religiösen Wurzeln der Menschen in West-Thrazien auch durch die religiösen Ansprachen, die auf Türkisch gehalten werden. Auch wenn in den Haushalten verschiedene Sprachen benutzt werden, haben sich die Schüler an den öffentlichen Schulen – die Unterricht auf Griechisch und Türkisch anbieten – für Türkisch als Minderheitensprache entschieden. “Wir sagen, dass wir muslimische Türken sind, denn beides ließe sich nur schwer trennen. Hätten wir uns für etwas anderes entschieden, dann würden wir eines Tages verlieren”, sagt Hüseyin.

Wechselnde Kanäle

“Die harten Zeiten sind vorbei”, sagte Mehmet, dem ein Café in Echinos gehört, mit einem Grinsen, als er auf eine Satellitenschüssel zeigt – einem subtilen Symbol der Einheit, das das türkische Fernsehen in diese Täler gebracht hat. “Die griechischen Sender haben sehr schwache Signale, wir können nichts über Antenne empfangen”. Mehmet erklärt, dass die Einwohner ihre Schüsseln auf Turksat und nicht auf griechische Satelliten ausgerichtet hätten.

“Ich habe mir als erster einen Satellitenanschluss besogrt. Danach hatten wir Angst, die Polizei würde uns verhaften, weil wir türkisches Fernsehen schauen, aber sie konnte nichts tun”, berichtet er. Während er innehält, um türkischen Sportnachrichten zu folgen, merkt er an, dass viele verdächtig reagierten, wer denn die steigende Zahl der Satellitenempfänger in diesem Ort finanzieren würde. Manche glaubten sogar, es handle sich um einen Propagandaversuch, mit dem Bürger in die türkische Identität gelockt werden sollten. “Es wäre gut gewesen, wenn jemand gekommen wäre, und mich dafür bezahlt hätte”, fügt Mehmet hinzu.

Steigender Dialog

In einem kürzlich veröffentlichten Bericht von Gay McDougall, der unabhängigen UN-Expertin für Minderheitenfragen, wurde von Griechenland gefordert, den Streit, ob eine türkischer Minderheit in dem Land existiert (bisher erkennt der Staat nur eine muslimische Minderheit an), zu beenden und sich vielmehr auf den Schutz von Minderheitenrechten zu fokussieren. In Übereinstimmung mit den Empfehlungen des UN-Reports betonte Dr. David Kean, Rechtsprofessor an der Istanbuler Kadir-Has-Universität, das griechische Zögern, sich in dieser Frage fortzuentwickeln.

Laut Kean sei das Rahmenabkommen über nationale Minderheiten von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) das beste Instrument zum Schutz von Minderheiten in Europa. “Griechenland ist nur einer von vier europäischen Saaten, welche die Konvention unterzeichnet, aber nicht ratifiziert haben. Wenn Griechenland sie in der Zukunft ratifiziert, was es tun sollte, und wenn es Ernst macht mit dem Schutz von Minderheiten, dann hätte die türkische Minderheit das legale Recht, ihre Kultur zu bewahren und zu entwickeln. Dazu zählen Sprache, Erziehung, grenzüberschreitende Kooperation und Zugang zu Medien. Sie könnte ihre Identität bewahren”, erklärt Keans.

Trotz solcher politischer Schikanen, bleibt Ahmet Mete, der gewählte Mufti, hoffnungsvoll in Sachen Fortschritt. “Ich fühlte mich endlich, als würde ich in Griechenland, in einem europäischen Land leben”, sagte er im Gespräch, als er sich an die erstaunliche Menge von 7.000 Muslime erinnerte, die in Iskece zu einem religiösen Feiertag zusammenkamen. “Ich weiß immer noch nicht, wie dies möglich war”, sagt er, als ihm die Tatsache bewusst wurde, dass dieser Feiertag zu Ostern in einem städtischen Stadion abgehalten wurde – ohne Ärger und Konflikte.

Mete betonte darüber hinaus den aktiven Ansatz der Minderheit in Sachen ihrer Wurzeln. Es gebe in der Region viele funktionierende Moscheen, Imame und alleine im letzten Jahr 64 Qur'an-Kurse. Das sei ein Zeichen für eine aktive Gemeinschaft, die durch Religion und durch die türkische Sprache und Identität zusammengeschweißt werde.

Aber trotz solcher Leistungen, bleiben historische Probleme gegenwärtig. Auf einer viel befahrenen Straße außerhalb von Iskece steht auf einer Werbetafel “Zypern, Wir Werden ….. Vergessen”, während ein Graffiti das Wort “Niemals” ausstreicht. Es sind solche Beispiele des politischen Streits zwischen Griechenland und der Türkei, die auf eine belastete Geschichte verweisen und ein Zeichen für anhaltende soziale Vorurteile sind. Beide stellen ein Hindernis für eine zukünftige Integration dar. Glücklicherweise sei der Dialog vorangeschritten, fügt Mete hinzu, und meint, dass die Zeit und Erziehung die Lage verbessern werde.

Gerade die Gleichbehandlungspolitik in den Blidungseinrichtungen mache es Studenten aus Minderheiten an griechischen Universitäten mittlerweile leichter. “Unsere jüngere Generation geht auf die Universität. Sie kommt zurück, ohne ihre Kultur und Religion in dem Prozess zu verlieren. Sie sind stärker und stellen Fragen. (…) Mittlerweile kennen sie die Gesetze und ihre Rechte”, sagt der Mufti.

Es sei jene Generation, von der er sich Hilfe beim weiteren Fortschritt erhoffe, während seine Gemeinschaft Genehmigungen beantragt habe, um weitere Minderheitenschulen zu bauen, alternde Moschee zu restaurieren und sich besser in die griechische Gesellschaft integriert.

“Ich bin stolz, ein griechischer Bürger zu sein”, sagt Mete. Er wünsche sich, dass der Beitrag der muslimischen Minderheit beim Dialog zwischen Griechenland und seinem türkischen Nachbarn erkannt wird. Dabei verweist er auf Fotos von ihm und entscheidenden türkischen Politikern, darunter auch Präsident Abdullah Gül und Ministerpräsident Receo Tayyip Erdogan.

Aber solche hoffnungsvollen Verbesserungen im Dialog müssen erst noch das Leben von Bürgern wie Kemal erreichen. Der junge Mann in seinen frühen 20er Jahren lässt es bei seinem Job als Tankwart außerhalb von Iskece ruhig angehen, da die Geschäfte in der ländlichen Region nur schleppend vorangehen. Er erinnert sich an die Schwierigkeiten, die er beim verpflichtenden, griechischen Militärdienst hatte, zu dem er in eine weit entfernte Stadt abkommandiert wurde. Hier reichte allein sein Name schon auf, um rassistische Behandlung zu veranlassen.

“Sie haben mir anders als den anderen Soldaten keinen einzige freien Tag gegeben … Ich verbrachte sechs Monate in der Küche und bei der Toilettenreinigung, bevor ich versetzt wurde”, sagte er und fügte hinzu: “Würden sie nach so was sagen, sie seien eine Grieche? Aus genau diesem Grund retten wir uns in die Arme der Türken.”

* Der Artikel wurde erstmals am 10. Mai von der türkischen Tageszeitung “Zaman” veröffentlicht.

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