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Muslime sollten nicht in der Sprache der Klage leben

Abdul Hakim Murad über den Hang zur Identitätspolitik und seine Folgen

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Foto: Videoblocks

(iz). Seit längerer Zeit beschäftigt mich ein Begriff, den wir als muslimische Gemeinschaft immer benutzen: Identität. Wir glauben, seine Bedeutung zu kennen. Schauen wir aber auf die traditionellen Diskurse der islamischen ­Wissenschaften, finden wir kein Gegenstück zur Idee von Identität. Vielleicht handelt es sich um eine zeitgenössische Unsicherheit.

Wir sind so atomisiert durch Individualität, Konsumdenken und ein Menü der unendlichen Wahlmöglichkeiten, dass wir unsicher und entwurzelt werden. Wir sind nicht mehr selbstbewusst: Darin, wer wir sind; wer unsere Nachbarn sind; woran wir glauben wollen. Heute ist alles eine Frage der Wahl oder, wie man heute sagt, der Lifestyle-Entscheidungen. Vielleicht geraten wir auch deshalb in ­Schnappatmung, wenn jemand unsere ­Identität in Frage stellt.

Was wir meiner Meinung nach auf jeden Fall als Muslime tun müssen, ist eine Untersuchung der Sprache, die wir benutzen, wenn wir mit anderen reden. Und, selbstverständlich, unsere Religion ist eine Religion der Kommunikation und der Erklärung. Wir sind keine Sträuße, die ihren Kopf in den Sand stecken. Und ich denke, es droht uns auch noch nicht die Zeit, uns mit einer Schafherde in eine abgelegene Berghöhle zurückzuziehen, um uns von äußeren Gefahren abzuschotten und zu schützen. Wir sind eine soziale Gemein­schaft und unsere Religion ist ein Din des Austausches mit anderen (arab. din al-mu’amalat). Wenn wir das Gegenüber erfahren und kennen, sind wir in der Lage, uns selbst zu verstehen.

Wie aber können wir den Anderen verstehen, wenn die modernen Begriffe, die hohlen Phrasen, nicht verwurzelter Bestandteil unserer Gemeinschaft sind? Uns wird gesagt: „Ihr habt eine Identität. Ihr seid britische Muslime.“ Wir ahmen das dann freudig nach; sind aber nicht wirklich sicher, was man sein und tun muss, um authentisch britisch zu sein. Niemand scheint hier so richtig eine klare Antwort zu haben. Und doch wird uns gesagt, wir ­sollten britische Muslime sein. Und das Muslimsein selbst ist solch ein weites Gefäß für unterschiedliche Seinsweisen, dass man nicht ganz genau weiß, was dies zu bedeuten hat. Insbesondere gilt das für unsere heutige Zeit.

Blicken auf diese Welt, die nicht nur aus gierigen Individuen besteht, eher aus konkurrierenden und gelegentlich kooperierenden Kollektiven, dann denken einige, dass sie eindeutige und starke Identitäten haben. Wir müssen bedenken, wie wir uns präsentieren. Die Gefahr, in der sich viele von uns inklusive meiner Wenigkeit befinden, liegt meiner Meinung nach darin, dass wir die konventionelle Sprache der Staatsbürgerschaft mit ihren säkularen Annahmen kritiklos übernehmen; das heißt, die Art und Weise, in der dieses Land traditionell mit Vielfalt umging. Eine Ausnahme hierzu stellte das frühe 19. Jahrhundert dar, als tatsächlich Ideen der reli­giösen Identität wichtig waren.

Seitdem wurde die Beziehung der Gemeinschaften mehrheitlich durch das Gewerbe der Rassenverhältnisse definiert. Sowie, in den letzten Jahren, durch Menschen, deren Identität sich an ihrer sexuellen Orientierung ausrichtet. Wie passen wir in das Ganze hinein? Wir müssen es, aber wir müssen dabei vorsichtig sein. Die Gefahr ist, dass diese Indus­trie der Rassenbeziehungen ihre eigene Sprache hat, die wir in unseren Gemeinschaften verinnerlicht haben. Und dass wir das Spiel der Identitätspolitik spielen. Hier wird der grundlegende Sinn, der Kern unseres Selbst durch die Vorstellung eingefärbt, wir würden historisch herabgewürdigt, erniedrigt, gekränkt und wir müssten unser Recht einfordern, um zu unserem Platz an der Sonne zu kommen. Viele Bewegungen, wie die US-Bürgerrechtsbewegung, ein mehr als 50-jäh­riges Erfolgsmodell, sind Beispiel dafür. Sie beruhen auf der Vorstellung, dass Gemeinschaften im Kern ihrer Identitäten das Gefühl eines historischen Unrechts hätten.

Ich glaube, das ist eine gefährliche Grundlage für eine Religionsgemeinschaft. Dergleichen kann ich nicht im Qur’an und in der Sunna finden. In diesen grundlegenden Quellen ­haben wir keine Atmosphäre von Beschwerde und Klage. Stattdessen findet sich etwas, mit dem die Identitätsindustrie sowie der säkulare Diskurs nichts anfangen können: das Prinzip von Tawwakul. Haben wir dieses Konzept des Vertrauens auf Allah, dann werden wir uns nicht sorgen oder aufregen, die Dinge hätten sich gegen uns verschworen, sondern wir können nachts leichter schlafen.

Eine der Weisheiten, die wir für unsere ­gegenwärtige, moderne Welt lernen können, findet sich in der Auswanderung des Auserwählten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, und wie er aus der Identitätspolitik seines eigenen Zeitalters brach. Seine Botschaft war außerordentlich. Es spielte keine Rolle mehr, ob man aus den Stämmen Aus, Khazradsch oder Bani Nadschar stammte. Es wurde irrelevant. Stattdessen gab es ­etwas Neues: seinen Weg. Das heißt, das Konzept eines Rechts und einer Gemeinschaft, die beide die Idee einer Stammesidentität überwinden. Die alten Vorstellungen basierten auf Blutrache und empörtem Stolz, wenn die Ehre des Stammes verletzt wurde. Manchmal können wir auch heute noch so sein. Die Zeit der Unwissenheit (arab. dschahilijja) hat uns noch nicht verlassen. Wehe dem Somalier, der versucht, eine junge Araberin zu ­heiraten. Das ist eine Ignoranz, die heute noch sehr gegenwärtig ist.

Islam ist das große abrahamitische Prinzip, welches besagt, dass Werte universal sind. Und dass der Clan nichts bedeutet. Das ­Wissen von der Einheit meint, dass alle Menschen im Idealfall vor dem Einzigen Gott gleich sind. Das ist der große Durchbruch der Menschheitsgeschichte und wir sind seine Erben. Die prophetische Lebensgeschichte (arab. sira) ist eine Erinnerung daran und sie spricht nicht die Sprache der Klage, der Furcht und der Identitätspolitik. Es gab zwei Arten von Muslimen in Medina: die Heuchler (arab. munafiqun) und die wahren Gläubigen.

Was den Unterschied zwischen ihnen ausmachte: Die Munafiqun hatten Angst. Sie glaubten, die Quraisch aus Mekka würden sie überwältigen und waren nicht sicher, ob sie sich dem Edlen Gesandten und seinem Vorhaben für die neue Stadt Medina anschließen sollten. Zur Zeit der Schlacht von Uhud wurde dies besonders deutlich. Und es gibt diese erstaunlichen Verse: „Diejenigen, zu denen die Menschen sagten: ‘Die Menschen haben (sich) bereits gegen euch versammelt; darum fürchtet sie!’“ (Al-i-’Imran, 173) Und was geschieht dann? Wir wissen es: Die Sache, die jeder Muslim sagen sollte und die jede Klage, Beschwerde, Rache und jedes Eigeninteresse überhöht: „Allah ist genug für uns. Welch vortrefflicher Sachwalter!“ (Al-i-’Imran, 173) Die Leute, die Angst haben – die Leute sind gegen uns, all die Islamfeindlichkeit oder das Verbot von Minaretten – definieren durch Furcht ihr Selbstverständnis in der zeitge­nössischen Welt.

Im Zuge einer fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaften ist die Sache, die uns am meisten nutzen wird, keine Identitätspolitik oder Wagenburgmentalität, sondern die wunderbare prophetische Alternative, die ausschließlich Allah fürchtet. „Allah ist genug für uns. Welch vortrefflicher Sachwalter!“ Unsere Lösung in dieser Gesellschaft sollte eine Idee sein, die den heidnischen Arabern unbekannt war: Das Ablehnenswerte durch etwas ersetzen, das besser ist. Wir alle kennen die wunderbaren Folgen, die daraus entstanden. Medina wurde zu einem Leuchtturm, der das Clandenken überwunden hatte, und von dem sich das Licht des Islam in alle Welt ausbreitete. Es wäre der Ausweg eines Feiglings, die eigenen Fehler zu ignorieren und stattdessen mit dem Finger auf die Fehler anderer Gemeinschaften zu zeigen. Wir müssen anerkennen, dass wir eine Religionsgemeinschaft sind, anstatt nur der Flickenteppich ­eines Netzwerkes konkurrierender ethnischer Gruppierungen, die zurechtkommen wollen. Dem Edlen Propheten, möge Allah ihn ­segnen und ihm Frieden geben, wurde gesagt, dass keine Sache auf der Welt die Herzen der Menschen zusammenführen könne. Es ist einzig Allah, Der dies tun kann.

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