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Muslime weisen Terror in Frankreich zurück

Mittlerweile wird diskutiert, ob bloße Erklärungen ausreichen

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Foto: VP Brothers, Shutterstock

„Die Tat hat etwas mit dem Islam zu tun, da wir es mit Muslimen zu tun haben, die sich – so verwirrt diese Sicht sein mag – auf ihre Religion berufen. Sie hat nichts mit dem Islam zu tun, wenn wir in seinen Quellen irgendeine Rechtfertigung für derartige Exzesse zu finden glauben.“ Abu Bakr Rieger, 29. Oktober 2020

Paris (KNA/iz). Nach der Ermordung des Lehrers Samuel Paty durch einen 18-jährigen Schülers in einem Pariser Vorort vor zwei Wochen ist es am 29. Oktober erneut zu einem tödlichen Terrorangriff eines Muslims in Frankreich gekommen.

Bei einer Attacke mit einem Messer in einer Kathedrale der südfranzösischen Stadt Nizza ermordete ein männlicher Angreifer zwei Besucherinnen sowie den Küster des Gebäudes. Sechs weitere Menschen sollen verletzt worden sein. Beim Verlassen der Kirche wurde der Mann angeschossen und in ein Krankenhaus gebracht. Premierminister Jean Castex rief landesweit die höchste Terrorwarnstufe aus und kündigte für Freitagmorgen eine Sitzung des nationalen Sicherheitsrates an.

CFCM: Karikaturen ignorieren!
Der Französische Islamrat (CFCM) verurteilte die Bluttat von Nizza scharf und rief die Muslime in Frankreich auf, alle Feiern zum Geburtstag des Propheten Mohammed abzusagen. Der Großimam der Kairoer Al-Azhar-Moschee, die höchste Lehrautoritär des sunnitischen Islam, erteilte der „Eskalation der Gewalt und der Hassreden“ eine klare Absage und beschwor die „Stimme der Weisheit“.

In Frankreich hat ein hochrangiger Islamvertreter die Muslime zu einem gelasseneren Umgang mit Mohammed-Karikaturen aufgerufen. Muslime sollten die Zeichnungen „ignorieren“, statt mit Gewalt darauf zu reagieren, erklärte der Präsident des Conseil francais du culte musulman (CFCM; Französischer Rat des muslimischen Kultes), Mohammed Moussaoui, laut Medienberichten am 28 Oktober.

Die Gläubigen sollten dem Vorbild des Propheten Mohammed folgen, der bei einer Gelegenheit die Beleidigungen einer Menge gegen ihn schlichtweg nicht beachtet habe, erklärte der Präsident des islamischen Dachverbands. „Entspricht es nicht eher dem Beispiel des Propheten, diese Karikaturen zu ignorieren und sie als etwas zu betrachten, das nichts mit unserem Propheten zu tun hat?“, betonte Moussaoui.

Einhellige Ablehnung in Deutschland – aber auch Forderung nach mehr
Auch in Deutschland distanzierten sich Stimmen der muslimischen Selbstorganisation eindeutig von den terroristischen Taten und wiesen diese eindeutig zurück.

Den Anfang machte die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). „Wir sind zutiefst erschüttert über die Untat in Frankreich. Sie steht unseren Überzeugungen und unseren Glauben diametral entgegen“, erklärte ihr Generalsekretär Bekir Altaş. „Ich bin zutiefst erschüttert und fassungslos über die abscheuliche Tat im französischen Nizza. Diese Tat ist ein Angriff auf uns alle und ist auf das Schärfste zu verurteilen. Untaten wie diese stehen unseren Überzeugungen, unserem Glauben und unseren Idealen diametral entgegen. (…) Unsere volle Solidarität gilt dem französischen Volk. Wir beten für die Toten und Verletzten sowie ihre Angehörigen. Möge Gott ihr Leid und Schmerz lindern. Wir sind in Gedanken bei ihnen.“

Der IGMG folgte der Koordinationsrat der Muslime am gleichen Tag. Sein amtierender Sprecher, Burhan Kesici, sagte: „Es ist entsetzlich mit welcher Grausamkeit Anschläge in Gotteshäusern verübt werden. Dafür kann es niemals eine Rechtfertigung geben. Mein Mitgefühl gelten den Opfern und ihren Angehörigen.“ Mit großer Sorge verfolge der KRM die Ereignisse der letzten Woche in Frankreich.“ Kesici rief zum besonnenen Umgang miteinander auf. Vom Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) sowie dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) waren ähnliche Statements zu hören.

Die Ablehnung und Verurteilung der Morde beschränkt sich nicht auf offiziöse Stimmen bundesweiter Dachverbände. Auch regionale Zusammenschlüsse meldeten sich zu Wort. So zeigte sich der Kreis der Düsseldorfer Muslime (KDDM) „bestürzt über den heutigen Mord in einer Kirche in Nizza“. Man verurteile diese Tat aufs Schärfste und warne vor einer Eskalation der Gewalt. Der Penzberger Imam und Vorsitzender des Münchner Forum für Islam (MFI), Benjamin Idriz, zeigte sich „in ganz besonderer Weise erschüttert“ – und herausgefordert. „Wenn Menschen bei solchem Tun, wie heute in Nizza, sich tatsächlich auf Gott berufen, dann rufen wir Muslime ihnen laut und deutlich entgegen: NIE kann Gott, der Allerbarmer und Allbarmherzige, Sein barmherziger Prophet oder unser Glaube der Islam, für eure Verbrechen eingespannt werden! Muslime solidarisieren sich mit allen Opfern; wer auch immer und wo auch immer unter Gewalt leidet.“ Prof. Dr. Bülent Uçar, Leiter des Osnabrücker Instituts für islamische Theologie (IIT), meldete sich gestern über Facebook zu Wort: „Ich lese gerade, dass der Mörder von Nizza bei seiner schockierenden Tat Allahu Akbar gerufen haben soll. Diese menschenverachtende Ideologie von fanatisierten religiösen Extremisten und moralisch bedenklichen Verbrechern ruft nicht nur zur Enthauptung von unschuldigen Menschen auf, sondern beschmutzt auch Gottes Namen, in dessen Sinne sie zu handeln meint.“ Jede Form von Gewaltausübung jenseits der Religionszugehörigkeit sei strikt zu verurteilen und mit aller Härte rechtsstaatlich zu verfolgen. Es dürfe unabhängig von der tatsächlichen Situation in der Öffentlichkeit nicht der Eindruck entstehen, dass eine beachtliche Zahl an Muslimen diese Taten billigten und damit sympathisierten.

Nicht zum ersten Mal allerdings wurde von Stimmen aus der muslimischen Zivilgesellschaft Kritik daran laut, dass muslimische Organisationen nach solchen Verbrechen oft nur „ritualisierte“ Erklärungen veröffentlichen würden. Diese machten bei Verurteilung und Distanzierung halt und verscshlössen die Augen vor der Frage, ob und was dieser Terror mit Muslimen und ihrer Religion zu tun habe.

Der derzeit einflussreichste Vertreter dieser Kritik ist Murat Kayman. Der ehemalige DITIB-Mitarbeiter veröffentlichte nach dem Mord am Lehrer Samuel Paty einen Essay auf „ZEIT-online“, in dem er die größten Dachverbände in ihrer Haltung gegenüber Terror und Gewalt angriff. „Selbst das wenige, das gesagt wurde, folgte einer Dramaturgie, die mittlerweile wie eine ritualisierte Betroffenheitsfolklore wirkt. Fast schon genervt klangen diese Erklärungen. Man habe doch all die Jahre immer und immer wieder erklärt, dass solche Taten nichts mit dem Islam zu tun haben! Am Ende des Tages bedeutet Islam Frieden und Allah allein weiß, weshalb Menschen plötzlich auf die Idee kommen, anderen die Kehle durchzuschneiden“, schrieb Kayman. Alle Religionen, so auch der Islam, trügen ein Friedenspotenzial und ein Gewaltpotenzial in sich. Zu den Morden in Nizza schrieb Kayman gestern auf Twitter: „Was kommt nach #Nizza von den „Großverbänden“? Die bekannten Verurteilungsautomaten, wieder verlässlich ‘aufs Schärfste’ geeicht. Gestern noch Partei in der ‘Die und Wir’-Eskalation, heute ebenfalls „Opfer“ des Anschlages. Das reicht nicht mehr. Was wollt ihr ändern?“

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